Mit Schwung aus dem Zwerchfell

Eva Heime

Fotos: Eva Heime

Der Weg zum „Jodeldiplom“ führt längst nicht mehr über Loriot. In seinen Outdoor-Seminaren begeistert Musiklehrer Josef Ecker Bayern und „Flachlandindianer“ für die traditionelle Stimmakrobatik.

Sarah holt tief Luft. Ihre langen, kupferfarbenen Haare tanzen in einer leichten Bergbrise, als sie den Mund aufreißt und „Juuuu-Huuuu“ ruft. „Ju-Hu, Ju-Hu“, antwortet das Echo. Sarahs Freund Robert räuspert sich, zieht eine Portion Bergluft tief in seine Lungen und stößt ebenfalls eine Art Jodelruf aus. Er krächzt einen schiefen Ton, der nach Stimmbruch klingt. Da bleibt sogar das Echo stumm. Das Paar steht auf einer Wiese mitten in den Chiemgauer Bergen – umringt von Kräutern, Kiefern und Kuhfladen. Die Mittagssonne strahlt in ihre Gesichter. Robert setzt seine Sonnenbrille auf, mehr Rockstar als Jodelkönig – noch!

Sarah Fischbacher ist gebürtige Rosenheimerin, Robert Reichert stammt aus Hamburg. Die beiden wollen heute das goldene Jodeldiplom erlangen, im Jodelseminar von Josef Ecker. Seit 15 Jahren gibt der 64-jährige Musiklehrer fast jedes Wochenende solche Seminare, auf den Hängen und Gipfeln über dem Ort Bergen. Sarah hat sich extra in ein Dirndl geschmissen. „Ich singe seit zehn Jahren im Chor. Aber gejodelt habe ich noch nie“, erzählt die Germanistikstudentin. Physikstudent Robert trägt ein weißes Hemd, lange Hosen und eine braune Lederjacke. „Meine Kumpels haben mich ausgelacht. Das hier passt gar nicht zu mir. Weder singe ich gern, noch bin ich der Bergtyp“, betont der 22-Jährige – wer hätte es gedacht...

„Oiso, meine liebreizenden Sennerinnen und fesch’n Jagerburschen, pack mas“, ruft Josef Ecker, der in Lederhose, kariertem Hemd und Haferlschuhen angetreten ist. Die Gruppe aus 13 Teilnehmern fährt mit der Seilbahn auf den Hochfelln. „Wir jodeln heute auf 1.657 Metern“, erklärt Ecker. Robert und Sarah sind an diesem Tag die jüngsten Jodelschüler. Die anderen sind zwischen 40 und 60 Jahre. Die meisten aus Bayern, zwei  aus Niedersachsen. Auf den Kurs sind sie durch Freunde aufmerksam geworden. Eine Frau aus München sagt: „Es ist einfach mal was anderes als nur gewöhnlich zu singen.“

Die Gruppe wandert zu einem fünf Minuten von der Bergstation entfernten Aussichtspunkt. In der Ferne glänzt das Gipfelkreuz. Bergdohlen gleiten über die Köpfe hinweg und krähen. Ein Gleitschirmflieger schwebt gen Tal. Die Teilnehmer stellen sich in einem Halbkreis auf. „Seid‘s gerüstet?“, fragt Ecker. Robert reißt die Augen auf, Sarah grinst. „Eure Stimmen und Muskeln müssen sich erst lockern“, erklärt Ecker. Die Schüler streichen sich mit ihren Fingerspitzen über das Gesicht, klopfen sich Arme und Beine ab, rollen ihre Schultern und atmen tief ein und aus. Robert soll den  Mund immer wieder auf und zu machen, seine Zunge von der linken in die rechte Backe wandern lassen. Dann ein paar Sprechübungen: „Ff-f-,  sch-sch-sch, t-t-t, p-pp“.

Ecker reckt sein bayerisches Bäuchlein in die Sonne und sagt: „Da fliegt eine kleine Mücke, die macht ‚Dü‘ und eine große Dicke, die heißt ‚Rü‘.“ Der  Lehrer hebt eine Hand etwa auf Stirnhöhe, atmet tief ein und lässt ein hohes „Düüüüüüü“ erklingen. Mit der anderen Hand zum Boden deutend brummt er ein tiefes „Rüüüüüü“. Sarah breitet ihre Arme aus, als würde sie auf einer Bühne stehen. Glöckchenklar erklingt ihr „Dü-Rü“. Robert fährt sich durch die Locken. Sein schüchternes „Rüü“ mündet in ein „Hühühü“. „Das ist einfach viel zu komisch“, kichert er. Ecker lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „Robert, du musst höher singen. Und kräftiger! Der kräftige Jodler beweist die männliche Potenz!“

Unter dem Gekicher der ganzen Gruppe geht´s gleich weiter im Programm: „Jetzt noch ein ‚Hul-jo‘ und ein ‚Juhuhuhu‘ hinzu, dann habt’s denn ersten Jodler g‘schafft“, macht Ecker seinem Jodelnachwuchs Mut. Er nickt Robert und den anderen beiden Männern zu, gibt ihnen ein Handzeichnen und das Trio trällert ein: „Hul-jo-Dü-Rü“. Robert klingt immer noch schief, aber deutlich lauter. Scheint doch ein potentes Kerlchen zu sein!

Dann dirigiert Ecker die Damen. „Juhuhuhu“, jauchzen sie und ernten Applaus von ein paar Wanderen. Das Seminar wird fast so oft fotografiert wie das Panorama aus Alpenkette und Chiemsee. Auf einem schmalen Rundweg zieht die Gruppe weiter. Es riecht nach Gräsern, die Grillen zirpen und Ecker erzählt: dass man einen ordentlichen Bergjodler zwei bis drei Kilometer weit hören könne; und dass sich Bergbauern, Jäger und Sennerinnen früher über die verschiedenen Tonfolgen verständigt hätten.

Die Jodelschüler bleiben im Schatten einer mächtigen Tanne stehen. Ecker teilt Liedzettel aus. „Jetzt mach ma as Bibihenderl!“, kündigt er an. Sarah kreischt vor Freude: „Das kenn ich noch vom Kindergarten. Robert legt sein Gesicht in Falten und fragt: „Was heißt das denn?“ Den Nicht-Bayern der Gruppe übersetzt Ecker den Text: „A Bibihenderl ist ein Küken.“ Erst sprechen alle den Text im Chor. Robert stolpert von einem Re-dü zum nächsten Ro-dü. Sarah hilft. Sie fährt mit ihrem Finger den Text entlang. Robert liest mit. „Re… Dö, nein Dü. Verdammt! So ein Zungenbrecher!“ Ecker teilt drei Gruppen ein: Die Küken machen „bi bi bi bi“, die Hühner gackern und die drei Männer schreien „Kikeriki“. Sarah hält eine Kuhglocke in der Hand und bimmelt im Takt mit. Robert klackert mit zwei Kochlöffeln.

Ecker packt seine Ziehharmonika aus. Langsam ergreift alle der Groove. „Wiar i bin auf‘d Alma ganga, hams ma wolln mei Bibihenderl fanga…“ Robert flattert mit seinen Armen wie ein Hahn und alle gackern und krähen mit. Beim letzten hohen „Dü“ werfen alle die rechten Arme in die Luft, und mit geballter Faust schmettern alle das tiefere „Rü“. Strahlen in den Gesichtern. Robert atmet erleichtert auf. Sarah küsst ihn auf die Backe: „Guad g‘macht!“ Die Gruppe erreicht ihre anvisierte Almhütte. Eine Musikkappelle untermalt die Ankunft mit einem „Prosit der  Gemütlichkeit“. Es folgt die Übergabe des Jodeldiploms. Robert ist stolz: „Ich habe jeden Quatsch mitgemacht“. Ecker ruft seinen Namen. Applaus und ein kräftiges „Juhuhuhu“  gratulieren alle im Chor. Auf dem Nachhauseweg summt Sarah vor sich hin. „Jetzt wird gleich der Mama was vorgejodelt“, nimmt sie sich vor. Und Robert? „Das ist das Bairischste, was ich je getan  habe“, resümmiert der Hamburger Jung.

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