Mit Patina und Herz

Christian Topel

Liebhaberstücke von der Postkarte über den Küchenschrank bis zur Kutsche: Bei Ludwig Kandlbinder wird fündig, wer es ungewöhnlich mag.

An der Einfahrt eine Warnung – jedoch nicht etwa „vor dem Hunde“. Auf freilaufende Hasen mögen Besucher achten! Rechterhand parkt eine Kutsche, umstellt von eisenbeschlagenen Eichenfässern, die so groß sind, dass ein Kind drin stehen könnte. Hase ist keiner zu sehen, dafür picken ein paar Hühner nach Nahrung, sonnen sich Katzen auf einem Bretterstapel. Links thront eine Art Schubladenkommode. Drei Meter lang, aus dunklem, massiven Holz, mit Messinggriffen. An der Wand dahinter lehnen schmiedeeiserne Grabkreuze. Die Augen kommen mit dem Schauen nicht hinterher, so viel gibt‘s zu entdecken.  

Auf dem Grundstück von Ludwig Kandlbinder sieht‘s aus wie bei Hempels unterm Sofa, und es geht zu wie in einem Taubenschlag. Es herrscht das sprichwörtliche Kommen und Gehen. Wie der Kandlbinder da den Überblick behält, über Mensch und Zeug, bleibt sein Geheimnis. Fast gleichzeitig hilft er zwei Damen, passende Nachtkästchen zu finden, während er einem spontan hereingeschneiten Händler einen Holztisch abkauft. 18. Jahrhundert, laut eingelassener Inschrift. „Wos mächst dafür?“, fragt der Kandlbinder. Der Greis schaut von Kandlbinder zu Tisch, schnauft einmal tief ein, kratzt sich am Kopf und schlägt „an Fuchzger?“ vor. Der Kandlbinder fasst in die linke Hosentasche. „I hob bloß fünfafuchzg“, sagt er, und zaubert ein lächeln ins Gesicht des Verkäufers, als er die vier Scheinchen, ohne eine Widerrede zuzulassen, buchstäblich über den Tisch wandern lässt. Schon besitzt der Kandlbinder das nächste Trumm zum Restaurieren und Weiterverscherbeln. Das nämlich geschieht hier, tagein tagaus: ein reger, vor allem fairer Handel. „Feilschen“, sagt der Kandlbinder, „Feilschen mog i ned!“

Ursprüglich war der Kandlbinder ja Zimmerermeister und Bautechniker. Denkmalgeschützte Gebäude hat er restauriert, vor dem Verfall gerettet, und alten Glanz wieder zum Vorschein gebracht. Bis er eines Tages merkte, dass diese alten Gebäude oft wahre Schätze beherbergen. Alles, was man so unter der Dachmarke „Antiquitäten“ versammelt. Von da an wurde aus dem Zimmerer nach und nach der Händler. Er selbst benutzt das Wort nicht, aber was sich der Kandlbinder im Laufe der Jahre angelegt hat, ist ein bestens funktionierendes Netzwerk. Der Mann hat Connections, würde man Neudeutsch sagen. Bestehend aus Abbruchfirmen zum Beispiel, Kirchenoberhäuptern oder Nachlassverwaltern, die allesamt wissen: Den Kandlbinder können wir anrufen, der holt fast jeden Schmarrn. „Schmarrn“ als völlig wertfreie Bezeichnung für ein Sammelsurium an Möbeln, (historischen) Baustoffen, Ersatzteilen Utensilien oder Kunstgegenständen. Der Kandlbinder päppelt den „Krempel“ wieder auf und hortet ihn, bis ein Liebhaber ihn entdeckt und kauft. Wer aber sind diese Liebhaber?

Unternehmen wie „Maloja“ zum Beispiel, das sich Shops vom Kandlbinder einrichten ließ, oder die „beech studios“, eine Rosenheimer Medienschmiede, die allesamt cool und up to date wirken, aber gleichzeitig bodenständig, naturverbunden und nachhaltig rüber kommen wollen. Daneben umgeben sich stilsichere Privatleute gern mit dieser Patina. „So wos“, sagt der Kandlbinder und zeigt auf das Kommoden-Ungetüm, „land‘ in a Loftwohnung.“ Und ein bisserl was hat‘s natürlich auch nach drüben ins eigene Haus geschafft.

Mein Gott, dieses Haus! Wer es genauer betrachtet, staunt nicht schlecht. Der üppig holzverkleidete  Kasten ist ja selbst eine Antiquität. Mit Balkonen, wie die Reling von Schiffen, mit aufwendigen, verblassten Malereien. Eine Antiquität allerdings, die nicht so hundertprozentig zur Nachbarschaft passt, zu den anderen Häusern Hilpertings, einem Fleckerl Erde bei Tuntenhausen  im Mangfalltal. „I hob des Haus in Bad Griesbach ab-, und do oans zu oans wieder aufbaut“, sagt der Kandlbinder und streicht sich durch den Vollbart: „Wie beim Lego.“

Dann spaziert er wieder in die Werkstatt, wo eine Vitrine aufs Abschleifen wartet. Früher betrieb er auch die weit und breit einzige wasserrechtlich genehmigte Ablaugerei – was naheliegt, denn von vielen der herumstehenden Schränke, Türen oder Tische blättert Farbe. Warum also gab er das auf? „´S war schlecht für die Pumpn“, sagt der Kandlbinder, und deutet zum Herzen. Außerdem  gefallen ihm die alten, erblassten Farben viel, viel besser. Unbehandelt setzt sich durch, ist der 58-Jährige überzeugt. „I muass die Leid nur no a bissi erziehen.“ Letztlich ist aber der Kunde König. Der Kandlbinder richtet alles so her, wie es gewünscht wird. Diese hier wünschen sich besondere Griffe. Also steigt der Kandlbinder hinten in einen der Lagerräume. Für Außenstehende ist kein System oder gar eine Ordnung zu erkennen. Der Möbelmacher aber steuert zielsicher auf einen Haufen Beschläge zu. „Schau wie schee“, sagt er, und wiegt einen rostigen, gewundenen  Fensterbeschlag in der Hand. Seine Stimme ruft ein seltsames Echo hervor.

Eine Tür führt hinaus in eine – man traut seinen Augen nicht – Vogelvoliére. Einer der Fasane scheint sein Glück nicht fassen zu können. Die Vögel begrüßen den Kandlbinder, kein Zweifel. Was es mit dem Zoo auf sich hat? Bei Haus- oder Wohnungsauflösungen würden die Tiere oft vergessen. Also gibt er nicht nur dem Hausrat, sondern auch den hinterbliebenen Haustieren ein neues Zuhause. Bald wird er mehr Zeit haben, sich mit dem Federvieh zu unterhalten. Er plant, langsam aufs Altengleis zu fahren. Kein Gund zur Sorge für Freunde gepflegten Stöberns! Neffe Anderl geht bereits in die Kandlbindersche „Lehre“. Ausverkauf ist da noch lange nicht.

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