Mit normfreiem Turnen die Motorik im Kindes- und Jugendalter entwickeln

Christian Topel

Text/Foto: Dr. Daniel Gärtner

Alle vier Jahre sitzen wir erstaunt vor dem Fernseher und sind beeindruckt von den Turnern, die bei den Olympischen Spielen ihre Künste zeigen. Geballte Kraft, Athletik, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Ästhetik vereinen diese umfassend ausgebildeten Sportler. Dabei suggerieren sie den Eindruck, als gäbe es nichts Leichteres, als im Kreuzhang zwischen den Ringen zu hängen oder sich federleicht mehrmals am Boden zu überschlagen. Aber jeder, der sich schon einmal selbst an solch einer Übung versucht hat, weiß, wie schwer es sein kann, sich alleine nur im Stütz zu halten oder gar einen Klimmzug zu machen.

Die Grundlagen für diese Bewegungsfertigkeiten werden im Kindesalter geschaffen. Aber anders als vor 20 Jahren legen Trainer und Sportwissenschaftler heute mehr Wert auf die Bewegungsvielfalt, die Entwicklung der Kreativität und eine freie Entfaltungsmöglichkeit mit Freude und Motivation. Damit Kinder in der Schule oder in Feriencamps wieder mehr Spaß an der Bewegung entwickeln, greift man immer häufiger zum „normfreien Turnen“. Anders als beim regulären Turnen werden dabei die Geräte eher als Hindernisse betrachtet, die vielfältigere Möglichkeiten bieten, als nur damit zu turnen. Hängen, Balancieren, Klettern, Springen, Ausprobieren –so mögen es die Kids von heute. Dabei wird kein Druck aufgebaut, denn die Lösung der Bewegungsaufgaben bleibt ganz alleine beim Kind. Zudem legt hier niemand Wert auf eine starre und stets bis an die Zehenspitzen angespannte Haltung. Die Kinder sollen sich entwickeln dürfen und ihre Kreativität entfalten, indem sie verschiedene Bewegungen selbst erarbeiten. Natürlich werden vom Kursleiter verschiedene Aufgaben gestellt und einige Tipps und Tricks gegeben, damit sich das Bewegungsrepertoire vergrößert, aber eben nur so viel wie nötig. Wichtig ist aber immer eine ausreichende Absicherung mit weichen Matten, zumindest dann, wenn die Kinder über den Barren klettern oder am Reck balancieren.

Durch das normfreie Turnen werden alle sportmotorischen Fähigkeiten trainiert, ohne dass die Kinder dies bewusst wahrnehmen. Stütz- und Hangübungen stabilisieren auf spielerische Art und Weise die Oberkörpermuskulatur und formen einen stabilen Rumpf. Zudem wird das Gleichgewicht ausgebildet und die Kopplungs- und Orientierungsfähigkeit verbessert sich. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Entwicklung der eigenen Bewegungskreativität, die den Kindern wichtige Erfahrungen auf dem Weg ins Erwachsenwerden mitgeben. Auch soziale Fähigkeiten, wie etwa Teamarbeit, Helfen und Sichern, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit werden u. a. durch Staffelspiele und Gruppenaufgaben gestärkt. Ein wesentlicher Vorteil beim normfreien Turnen sind die vielen Alternativen, die keinen ausgrenzen und dadurch jedem die Möglichkeit geben, sich an der Bewegung zu beteiligen. Besonders die Kombination mit Elementen aus dem Trendsport Parkour bietet ganz freie und individuelle Bewegungsformen und lässt die teilweise verstaubte Sportart Turnen im neuen Licht erstrahlen. Das Wichtigste beim Turnen ist immer der Spaßfaktor und der langfristige Nutzen. Wenn die Kinder lachen und dabei nicht merken, dass es anstrengend ist, dann hat das normfreie Turnen seinen Zweck erfüllt.

Fragen Sie in Ihrem Turnverein oder in der Schule nach dem „normfreien Turnen“. Immer mehr Einrichtungen bieten solche Kurse als Zusatzangebot an.

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