Meister für bizarre Maskeraden

Axel Effner

Fotos: Axel Effner, Sascha Kolmikov

Maskenbildner Sascha Kolmikow aus Erding ist international für TV- und Kinoproduk-tionen gefragt – als Spezialist für Zombies, Vampire und Verbrechensopfer

Das langgestreckte Mietshaus im Zentrum von Erding wirkt ganz unauffällig. Ein Bau aus den 60er-Jahren, dreistöckig und der Eingang teilweise gekachelt. Dass hier einer von Deutschlands gefragtesten Maskenbildnern und Spezialisten für „Special Effects“ wohnt, ist auf den ersten Blick nicht zu vermuten. Nur das kleine Schild „Exit-Skin“ verweist darauf, dass man gleich eine andere Welt betreten wird. Die Treppe führt hinab in den Keller.

Als würde man eine Sicherheitszone betreten, öffnet sich auf das Klingeln eine dicke Stahltür. Dahinter: ein Szenario, das an eine Mischung aus Science-Fiction-Film und dem Labor von Dr. Frankenstein erinnert: Tische voll langer Reihen mit Spitzohren und Hautpartien aus Silikon, Kopfpräparate und täuschend echt nachgebildete Unterarme, Gummimasken und Totenschädel neben Sprüh- und Pulverdosen sowie Bechern voller Pinsel und Spatel.

Eine bizarre Gruselschar erwartet den Besucher ein paar Schritte weiter im aufwendig gestalteten Showroom. Von der Decke hängt eine deutlich ramponierte Leiche mit starken Verletzungen und aufgerissenen Kleidern. Darunter im Eck liegt eine Mumie ohne Unterleib. Ein roter Höllenfürst und die Maske eines finsteren Vampirs blicken mit toten Augen von der Wand daneben, während sich gegenüber zähnefletschend ein Zombie im abgetragenen Parka in Bewegung zu setzen scheint. Fast komisch wirkt dazwischen ein grinsender dicker Troll mit Lederhose, langem Bart und Spitzohren.

Angesichts der aufgerissenen Augen seines Besuchers erhebt sich Sascha Kolmikow lachend aus seinem Stuhl. „Das sind die Stars aus verschiedenen Krimi- und Horrorfilmen“, erläutert der Meister der Masken. „Diese Ötzi-Mumie spielte als makabrer Fund im ,Bullen von Tölz‘ eine kleine Nebenrolle. Das Unfallopfer da oben sollte in einem Krimi möglichst realistisch in Szene gesetzt werden und der Zombie dient als Blickfang für Halloween- oder Faschingspartys in Clubs, zu denen ich eigens designte Schminksets verkaufe.“

Seit Jahrzehnten bereits sind die Künste des 45-jährigen Erdingers im nationalen und internationalen Filmbusiness gefragt. Er verwandelte die Schauspieler Ben Kingsley und Meat Loaf im Kinofilm „BloodRayne“ von 2005 in düstere Vampire. Als Spezialist für Gruseliges und Spezialeffekte sorgt er in Kluftingerkrimis oder Serien wie „Tatort“, „Soko 5113“ oder „Aktenzeichen…XY“ für die bildgerechte Inszenierung von Unfallopfern, Leichen und schwierigen Situationen. Ebenso gefragt sind seine Fingerfertigkeit und Kenntnisse für historische Dokumentationen von „Galileo“.

„Dafür sind viel Erfahrung, präzise Handarbeit und Detailkenntnisse nötig“, erläutert Kolmikow. Nach der Friseurlehre hat der gebürtige Ulmer drei Jahre lang die Maskenbildnerschule in Mainz besucht und sich an der Oper in Leipzig und dem Theater Eisenach weitergebildet. In Köln und Berlin war er im Anschluss als freischaffender Maskenbildner auch für die Filmbranche tätig. „Es hat mich immer schon gereizt, der Wirklichkeit so nahe wie möglich zu kommen“, erzählt er. In den vergangenen Jahren hat er sich deshalb umfangreiche Kenntnisse in Anatomie und Physik angeeignet, lebensechte Plastinate von Dr. Gunther von Hagens genau studiert und mit unterschiedlichen Material- und Farbmischungen experimentiert. Nach der Szenenbesprechung mit dem Regisseur kontaktiert er auch Ärzte, um bestimmte Verletzungen so echt wie möglich nachbilden zu können. „Nur in der Pathologie, das packe ich nicht“, gesteht er.

Nach Vorarbeiten in Ton bemalt Kolmikow die aus Latex und Silikon gegossenen Masken und Formteile in minutiöser Einzelarbeit mit der Hand, sprüht eine feine Farbschicht darüber, setzt Haarteile oder Stoppeln ein und versieht das ganze schließlich mit einem Finish. Um täuschend echt auszusehen, wird die Gummihaut aus mehreren Schichten aufgebaut. Sogar kleine Adern werden mitunter eintätowiert. „Gerade mit dem Trend zu HD-Filmen werden die Ansprüche immer höher“, erklärt Kolmikow. Der härteste Brocken war bisher, für einen Werbeclip über Fettabsaugung ein Model in 6,5 Stunden von 55 auf 180 Kilogramm Gewicht zu trimmen.

Nach Drehs unter anderem in den USA, Japan, Rumänien oder Portugal schminkte Kolmikow zuletzt Harry Potter-Star Daniel Radcliff in einer alten Dachauer Papierfabrik für eine amerikanische Actionproduktion. Nicht weniger einsatzfreudig war der Maskenbildner in dem um das Jahr 1900 spielenden Kinofilm „The Happy Prince“ von 2018. In dem Streifen über die letzten Lebensjahre der Dandy-Legende Oscar Wilde war der Erdinger unter anderem für die wallende Bart- und Haartracht von Schauspieler Colin Firth zuständig. „Das war extrem aufwendig“, sagt der Friseur.

Andererseits hat ihn die Arbeit so inspiriert und begeistert, dass er zusammen mit seiner Frau – einer Friseurmeisterin – im Anschluss an die Filmarbeiten einen neuen Barbershop in Erding eröffnet hat. „Das bietet mir die Möglichkeit, wieder mehr im Lande zu bleiben, hier zu arbeiten und gute Freunde zu treffen.“

Auch für die kommende Faschingszeit ist der Erdinger bestens gerüstet. Mit seinem fünfköpfigen Team produziert er seit zwei Jahren nach eigener Rezeptur hergestellte Schminksets mit Gesichtspartien aus Latex für Vampir- und Zombiemaskeraden. „Die sind im Unterschied zu Billig-Artikeln aus dem Ausland garantiert hautverträglich“, versichert er. Rund dreieinhalb Jahre habe er geforscht, erzählt der Maskentüftler, bis er die geeigneten Rohstofflieferanten aus Deutschland und passende Zusammensetzungen gefunden hatte.

Dass ihm die Arbeit an Zombies, Vampiren und Leichen den Schlaf rauben könnten, darüber ist Sascha Kolmikow nicht bange. „Ich bin zwar nicht unbedingt ein Fan von Horrorfilmen, aber wenn ich aus meiner Werkstatt rausgehe und zusperre, dann kann ich gut umschalten und mich den schönen Dingen des Lebens widmen.“

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