Mahnender Minimalist

Christian Topel

Fish
Fotos: Wolf Silveri

Aus einer fixen Idee ist eine vielbeachtete Form des fotografischen Protests geworden. Wolf Silveris surreale Bilder gehen um den Globus – und mahnen eindringlich, ihn zu schützen.

Als die Bilder laufen lernen, schreiben wir den 25. Juli 2019. In der altehrwürdigen Washington Post – immerhin die größte und älteste Tageszeitung der US-amerikanischen Hauptstadt – erscheint eine ganze Seite mit Bildern des Rosenheimer Fotografen Wolf Silveri. Es handelt sich um eine Reihe dystopischer Montagen, die auf surreale Weise einen Blick in die voraussichtlich düstere Zukunft unserer Ozeane werfen. Sie zeichnen ein sich erst nach dem zweiten Hinsehen offenbarendes Bild des Grauens, indem sie gewissermaßen die Rekapitulation der Natur illustrieren. Auf den Abbildungen simuliert Silveri, wie es eines Tages aussehen könnte, wenn sich das Leben die Milliarden an Tonnen im Meer schwimmenden Plastikmülls buchstäblich einverleibt.

Der Künstler hat mit knalligen Komplementärfarben gearbeitet, deren vordergründige Lieblichkeit darüber hinwegtäuscht, dass man in Wirklichkeit den blanken Horror erblickt: Monster, Zwitterwesen aus Fleisch und Blut und Plastik. „We´ll Sea“ hat Silveri diese bitter-süße Serie getauft, die ihn – zuerst unbeabsichtigt, dann mit Nachdruck – zu einem Aktivisten werden ließ; zu einem (rein technisch gesehen) stummen, aber doch lauten Fürsprecher eines stärkeren Umweltbewusstseins; zu einer mahnenden und inzwischen weithin sichtbaren Stimme in Sachen Klimaschutz. Denn spätestens seit dieser prominenten Veröffentlichung gehen die Bilder um die Welt – ob auf Instagram, in Blogs oder in renommierten Magazinen. Und aus einer Ahnung ist in den letzten Monaten ein stetig wachsendes Projekt geworden, eine fotografische Aufforderung, mit unserem verschwenderischen Wohlstands-Dasein aufzuhören.

Turtle

Geboren 1974 in Graz, studiert Wolf Silveri Architektur, Bühnenbild und Kunstgeschichte. Nach dem Diplom und der Tätigkeit als Bühnenassistent bei den Salzburger Festspielen nimmt der belgische Opernintendant Gerard Mortier den damals 28-Jährigen mit nach Bochum – 2002, zur ersten Ruhrtriennale. Ein Schritt, der die Weichen in Silveris Leben nachhaltig umjustieren wird. Nach dem turnusmäßigen Intendantenwechsel und dem damit einhergehenden Ende auch seines Engagements drei Jahre später habe ihn schlagartig eine Erkenntnis ereilt, erinnert sich Silveri. Schon als Teenager hatte er viel fotografiert und Stunde um Stunde in der Dunkelkammer verbracht. Nun beschloss er, die Welt des Theaters hinter sich zu lassen und sich von heute auf morgen als Fotograf selbstständig zu machen. So ganz hat er das Band zu den Brettern, die die Welt bedeuten, freilich nie durchtrennt. Dank der jahrelang geknüpften Kontakte konnte er sich zunächst als Bühnenfotograf etablieren. Doch so treu er dem Genre bis heute blieb, fokussiert er inzwischen eher Menschen und Architektur – wenn auch auf eine ganz spezielle Art und Weise. „Es herrscht eine Sättigung an austauschbarem Bildmaterial und epigonalen Fotografen“, sagt Silveri. Dafür steige die Nachfrage nach Originalität. Habe man den Menschen früher mittels Fotografie Zugriff auf die Realität verschafft, gehe es heutzutage um etwas anderes. Dementsprechend lautet sein Ansatz, nicht zu erklären, sondern Fragen zu stellen. „Ich fotografiere, um etwas auszulösen. Ich versuche, Denkanstöße zu geben!“

Diese kompromisslose Bildsprache zu entwickeln – diesen sezierenden, reduzierenden, abstrahierenden Blick – habe ihn viel Zeit und Kraft gekostet, erinnert sich der zwischen Rosenheim und Wien pendelnde Fotograf. Es habe eine Weile gedauert, das berufliche Selbstwertgefühl aufzubauen. Schließlich sei er wie aus dem Nichts in der Branche aufgetaucht. Es sei wohl der Österreicher in ihm gewesen, der ständig flüsterte: Du musst es auf offiziellen Wegen gelernt haben, um es zu dürfen. Heute sagt Silveri selbstbewusst: „Das Können kommt aus einem selbst.“ Er sieht es geradezu als Gnade, nicht von Lehrern, Schulen oder sonstwelchen Theoretikern gesagt bekommen zu haben, wie man fotografiert oder nicht. „So konnte ich wie ein Bildhauer eigenhändig herausmeißeln, was ich sehen und zeigen will.“ Und das hat mit schnödem Realismus nichts zu tun. Silveris Fotografien gleichen Gedichten, bei denen sich die Botschaft zwischen den Zeilen versteckt. Er bevorzugt es subtil. „Mit Vollgas durch die Vordertür fahren kann jeder.“

Lobster

Quasi durch die Hintertür kam auch „We´ll Sea“. Auslösender Moment war ein Einkaufsbummel mit dem Sohn. An der Fischtheke fragten sich die beiden, wie es wohl bestellt sein würde um die Ozeane, in zwanzig, dreißig Jahren. Silveri hatte kurz zuvor einen Bericht gelesen, der besagte, dass spätestens 2050 mehr Plastikmüll die Meere bevölkern wird als Fisch. Das Thema begleitete Silveri vom Einkauf bis nach Hause und gärte vor sich hin wie fermentierter Fisch – bis anderntags die Idee zu jenem bahnbrechenden Bild aufblubberte: Der Fischkopf mit dem Körper einer Colaflasche. Wie auf jedem Foto der Serie ist auch hier schon alles eigenhändig gebaut, aus echten Meeresbewohnern und echtem Plastikmüll, ohne Hilfe von Photoshop.

Sein Sohn und die Tochter waren es, durch die das Thema präsent blieb. Inzwischen hatte eine gewisse Greta Thunberg die Klimakatastrophe in die Köpfe der Jugend dieser Welt gepflanzt und eine unaufhaltsam wachsende Bewegung gestartet. Silveri hegt große Sympathien für „Fridays for Future.“ „Die haben eine Energie und ein Wissen, davor ziehe ich meinen Hut“, sagt der 45-Jährige. Nachdem er es etwas reifen ließ und sicher war, dass sein Konzept Kraft haben könnte, begann die Familie, das Haus auf den Kopf zu stellen. Sie fanden Unmengen an unnötigen Plastikteilen: Strohhalme, Gummihandschuhe, Besteck – genug Material für 16 ergreifende Motive. Mahnmale, die im Betrachter mehr Unwohlsein hervorrufen, als jene Effekt heischenden Fotos leidender Tiere, die Umweltschützer meist „auffahren“. Silveri sagt, diese Art Fotos seien seine Art des Protests, seine Art aufzustehen. Und was es bewirken kann, wenn erstmal auch nur einer aufsteht, hat die junge Schwedin ja bewiesen. Jeder einzelne, ist sich Silveri sicher, kann einen gewaltigen Dominoeffekt erzeugen. Jeder einzelne könnte doch zum Beispiel anfangen, etwas zu reduzieren: Fleischkonsum, Autofahrten, Müll, Flüge. „Und das“, sagt Silveri, „potenziere jetzt mal mit sieben Milliarden: Problem gelöst!“

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