Lecker-Schlecker

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Unweit des Rinser Sees fabriziert Familie Gschwendtner ein frostiges Vergnügen: Eis aus rein natürlichen Zutaten.

Zugegeben, so ein Spargelsorbet-Eis schmolz noch nie auf unserer Zunge. Wir erschleckten uns noch nie einen Weißbier-Eis-Rausch. Unsere Zunge zitterte noch nie unter der süßen Schärfe eines Himbeer-Limone-Chilli-Eises. Geschweige denn, dass wir die Eissaison mit einem Kürbis-Orangen-Eis in den Herbst hinein verlängert hätten. Unsere Gastgeberin Claudia Gschwendtner könnte diese Liste exotischer Geschmacksrichtungen bis weit über die Hundert fortsetzen – und doch entscheiden wir uns für den Klassiker: Vanille. Klingt banal, lässt unsere Geschmacksknospen allerdings vor unbändiger Freude kichern.

„Vollmundig“ – wie hat die Werbung dieses Wort strapaziert. Hier trifft es voll ins Schwarze. Dieses Eis hat eine solch greifbare Konsistenz, dass unsere Zungen es geradezu umarmen. „Wir schlagen unser Eis mit weitaus weniger Luft auf als industrielle Hersteller“, sagt Claudia. Das Rinser Natur-Eis zeichnet sich dementsprechend durch eine spürbar unverfälschten Geschmack ganz zu schweigen. Claudia und ihr Mann Klaus haben vor  sieben Jahren begonnen, sich mit dem „Rinser Natureis“ ein zweites Standbein aufzubauen. Sinkende Milchpreise ließen das Paar damals nach einer zusätzlichen Einkommensquelle schauen. Da hörten sie vom „Bauernhofeis“, einer Art Franchise-Konzept für Landwirte, das auf rein natürliche und hochqualitative Zutaten setzt – wenn möglich, aus der Region.

In die Karten spielte den beiden der Kiosk am ganz in der Nähe des Hofes gelegenen Rinser See‘s zwischen Prutting und Söchtenau, im Nordosten Rosenheims. Den hatten 40 Jahre lang Klaus‘ Eltern geführt, nun übernahm der Nachwuchs. Freilich wird aus ein paar abgezweigten Hektolitern Milch nicht so einfach Eis. Ein Grund mehr, mit Hilfe von Bauernhofeis durchzustarten. Das Unternehmen mit Sitz in Holland begleitet Landwirte europaweit auf dem Weg in die eigene Eisherstellung. So besuchten die bayerischen Milchviehhalter zuerst Schulungen und Seminare, wo sie das Produktionsverfahren, die Technik und die größtenteils außergewöhnlichen Rezepturen kennenlernten. Mit dem nötigen Wissen versorgt, galt es  daraufhin, den rund 50 Hektar großen Hof baulich und maschinell anzupassen – um nachträgliche Einwände zu vermeiden, von Anfang an unter Einbeziehung von Veterinäramt und Berufsgenossenschaft.

Während wir uns, die strengen Hygienevorschriften befolgend, von Kopf bis Fuß in Plastiküberzieher kleiden, schwärmt Claudia von den der Natürlichkeit ihrer kalten Kreationen – Sahne-Eis aus hofeigener Milch und frischer Sahne; Sorbeteis aus frischen oder frisch tiefgefrorenen Früchten; Joghurteis und, quasi Claudias neuestes Steckenpferd: Eistorten in allen erdenklichen Größen und Geschmackssorten. Alles frei von künstlichen Aromen, Farbstoffen, Binde- oder Konservierungsstoffen. Dafür reichhaltig bestückt mit den echten Zutaten. Da beißt man im Nuss-Eis auf echte Nuss-Stücke; echte Vanille aus Madagaskarsprenkelt die Kugeln; das Erdbeer-Eis schmeckt wie frisch gepflückt...

Im Produktionsraum rattert derweil die Eismaschine. Gschwendtners (noch) einzige Angestellte  Christina hat die milchige Mixtur für das Schoko-Eis hineingeschüttet. Im „Oberdeck“ der Maschine findet das Pasteurisieren und das Koagulieren statt, sprich: alle Zutaten werden auf über 70 Grad erhitzt und sofort auf - 8 Grad abgekühlt. Keine Chance für Keime! Im Unterdeck entsteht dann unter ständigem Rühren das eigentliche Eis, das Christina schließlich in sterile Behälter abfüllt. Vom Halbbis zum Fünfliter-Behälter bieten Gschwendtners an, über 10.000 Liter Milch pro Jahr verarbeiten sie  inzwischen zu Eis.

Wer ihre köstlichen Kugeln kosten will, muss inzwischen nicht mehr extra an den Rinser See pilgern. (Obwohl das lauschige Gewässerchenjeden Ausflug wert ist!) Einige ausgewählte Gastronomen aus der Region haben das Rinser Natur-Eis auf ihre Dessertkarte gesetzt. Manche, wie etwa der Samerberger Entenwirt, sich sogar besondere Rezepturen anfertigen lassen, in diesem Fall das „Entenjäger-Eis“. Zudem gehören Gschwendtners dem Projekt „Nimm‘s RegRonal – Regionaltheke Rosenheim“ an. Dabei haben sich auf Initiative der „RegRo-Projektgruppe“ einige Edeka-Märkte in Stadt und Landkreis Rosenheim davon überzeugen lassen, heimische Produkte zu vertreiben. „Nicht etwa in dunklen Ecken, sondern durchaus prominent platziert“, wie uns Klaus erzählt.

Wir durften inzwischen am heimischen Esstisch Platz nehmen und löffeln selig eine Packung weißes  Kaffee-Eis. „Dazu kochen wir die Kaffeebohnen zuerst in Milch aus“, verrät Claudia. Den „Früchtchen“ der Familie taugt der Geschäftszweig natürlich auch. Die zwei Söhne und die Tochter brauchen sich ums Dessert nie Sorgen machen, welches Kind kann das schon von sich sagen. Ehe wir uns mit vollgeschlagenen Bäuchen wieder von Gschwendtners Hof verabschieden, gibt uns Claudia den  ultimativen Eisgourmet-Tipp mit auf den Weg. Ehe man sich ans Löffeln mache, möge man die Eis-Packung  ein paar Minuten ruhen lassen. „Am besten schmeckt Eis bei etwa - 14 Grad.“ 

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