Lebendige Tracht ganz ohne Dogma

himmeblau Redaktion

Fotos: Andreas Jacob

Bei Trachten Greif geben seit Generationen Frauen den Ton an. Das altehrwürdige Geschäft verbindet Zeitgeist mit Brauchtum, Tradition mit Moderne.

Aus dem Museum kennt man das Phänomen: Manchmal muss man ein paar Schritte zurücktreten, um die Schönheit und den Reiz von Kunstwerken zu erkennen. Vielleicht war es so gesehen goldrichtig, dass Alexandra Keil bis ins stolze Alter von knapp 20 Jahren kein Dirndl angezogen hat. In einer Gemeinde wie Rottach-Egern wohlgemerkt, wo die Tradition der Tracht quasi so tief in die DNA der Bevölkerung eingegraben ist, wie die felsigen Adern des nahen Wallbergs in den urbayerischen Boden; wo das Brauchtum so selbstverständlich gelebt wird, wie die sanften Wellen des Tegernsees tagtäglich ans Ufer der Egerner Bucht rollen. Obendrein ist die inzwischen 37-Jährige in eine wahre Institution des Trachtenhandels hi-neingeboren. Seit 240 Jahren führt die Familie das Geschäft, das ursprünglich als Kramerladen die ganze Ortschaft mit allen denkbaren Dingen des täglichen Gebrauchs versorgte, nebenher Schnaps brannte und verkaufte, dann als Tankstelle diente und sich – aus einer immer schon vorhandenen Affinität zu schönen Stoffen heraus – Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich voll auf den Handel und die Fertigung von hochwertigen Trachten konzentrierte.

Das sprichwörtliche gemachte Nest also – in das sich Alexandra als siebte Generation aber zuerst nicht setzen wollte. Nach dem Abitur verdrückte sich die heutige Geschäftsführerin erst einmal nach Wien, um BWL und „Internationale Entwicklung“ zu studieren. Eine Freigeistigkeit, die jeder anderen Familie Sorgen bereitet hätte. So ein altehrwürdiges Haus will man schließlich auch weiterhin in guten, am besten den eigenen Händen wissen. Zum Glück kannten Keils diese Weltoffenheit schon von der Oma, die Alexandra liebevoll als eine „exzentrische“ Frau beschreibt, als eine, die nach Lust und Laune Seidendirndl trug, die nicht länger waren als knapp knieumspielend, die es bunt liebte und bis nach New York reiste, um mit Stoffen zu handeln. Wie sollte Mutter Xandy Keil ihrer Alexandra bei diesen Genen Steine in den Weg legen? Im Nachhi-nein erwies sich der vorläufige Abstand von Zuhause als richtiger Schritt. Erst dadurch, sagt Alexandra, habe sie den Tegernsee schätzen und lieben gelernt. Eine Skitour im Kaukasus oder das Farbenfest in Indien seien alles unvergessliche Erinnerungen, doch jeden Morgen hier aufzuwachen und eine kleine Bergtour gehen oder abends in den See springen zu können, das sei schon eine ganz besondere Lebensqualität!

 

Qualität – das zeichnet seit jeher das Sortiment von Trachten Greif aus. Und eine Philosophie, die Tracht als Lebensgefühl versteht – verwurzelt in der Tradition, doch ohne dabei dogmatisch zu sein. Zwanglos, zeitgemäß und zeitlos, so beschreibt es Alexandra Keil, die irgendwann einen Sommer lang ausnahmsweise im Laden ausgeholfen und das Thema dabei plötzlich doch lieben gelernt hat. Das Fachwissen eignete sie sich in der renommierten LDT Nagold, bei Praktika und Jobs bei Tostmann Trachten und Grasegger und natürlich im heimischen Laden an, learning by doing. Seit sieben Generationen liegt das Geschäft immer in Frauenhand. Vielleicht basiert darauf dieses familiäre und vertrauensvolle Verhältnis zu den langjährigen Lieferanten und ausgewählten Manufakturen – darunter eben Grasegger und Tostmann, aber auch Steingraber, Lodenfrey, Meindl oder FEDERROCK. Als Markenzeichen gilt die selbstentworfene Hauslinie mit alltagstauglichen Schnitten aus dem hauseigenen, 90 Jahre alten Fundus.

Ob im Herren- oder Damenbereich: Trachten Greif bietet Konfektion, Maßkonfektion und in Verbindung mit der Stoffabteilung individuelle Anfertigungen auf Maß. Bräute lieben jene exklusiven Veranstaltungen, bei denen das perfekte Outfit zusammengestellt wird. Um grundsätzlich eine gewisse Exklusivität zu gewährleisten, achtet Alexandra darauf, die Stoffe vor den Mitbewerbern zu bekommen und lässt von den bekannteren Herstellern extra „Trachten-Greif-Modelle“ fertigen. Auch als Frau findet sie großen Gefallen an den Lederhosen, genäht von einer kleinen, feinen Manufaktur aus Niederbayern mit Hirsch aus der Alpenregion. Ein „unfassbar tolles Leder“, sagt die Expertin, während sie fast zärtlich über den Stoff streicht und auf die Maserungen zeigt: „Nichts davon ist künstlich, der Hirsch war so.“ Diese Stücke, sagt sie, haben Substanz, seien Teile für die Ewigkeit.

Apropos Ewigkeit: Mit diesem Hintergedanken, wünscht sich die Inhaberin, sollten sich Menschen heutzutage Tracht kaufen: Lieber weniger, dafür hochwertig! Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle bei Trachten Greif. Nicht ohne stolz weist Alexandra daraufhin, dass 85 Prozent der Produktion im deutschsprachigem Raum stattfindet. Sollten Kunden den Wunsch nach Veränderung verspüren, müsse es nicht immer gleich ein neues G’wand sein. „Wir ändern gerne, wozu haben wir die Scneiderinnen im Haus.“ Ein Haus, das mit dem frischen Wind der Junior und der Erfahrung der Senior Chefin sicher noch viele Jahrzehnte Trachtenliebhaber aus nah und fern anlocken wird – um jede einzelne Persönlichkeit so einzukleiden, dass sie sich wohlfühlt.

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