Lebendige Jahrhundertwende

Christian Topel

Museumsleiter Wulf Dathe. (Fotos: Christian Topel)

Im „Museum 1900“ versetzen originale und detailgetreu ausgestattete Läden, Werkstätten und Wohnräume in die Vergangenheit.

In dem alten Lagerhaus inmitten des Chiemgauer Dorfes Söchtenau versteckt sich eine Zeitmaschine. Beim Betreten des vierstöckigen, sich tapfer dem Verfall zur Wehr setzenden Quaders reist man gute hundert Jahre zurück, an die Schwelle des 19. zum 20. Jahrhunderts. „Reiseführer“ ist Wulf Dathe, der nach dem Bimmeln der Türglocke aus den Tiefen des Kellers emporsteigt, um ein kleines Eintrittsentgelt entgegenzunehmen und in einer imposanten Registrierkasse verschwinden zu lassen. Ihm dicht auf den Fersen: Katze Mimi, die den Gast kurz anschnurrt, um sofort wieder unter Tischen und Bänken davon zu  huschen. Das Mobiliar gehört zu einer Gaststätte, die Dathe im Erdgeschoss des Gebäudes aufgebaut hat: nicht nur originalgetreu, sondern aus Original-Interieur von damals! Sofort sticht ein Orchestrion ins Auge, ein riesiger, mit reichlich Glas verzierter Musikautomat, der in der Zeit um 1900 den Klang eines ganzes Orchesters imitierte. Mit solchen automatischen Orchestern habe  die Hautevolee ihre Salons geschmückt oder renommierte Hotels für die Unterhaltung ihrer betuchten Gäste gesorgt, erzählt Dathe, der Dank der Lektüre tausender alter Kataloge und Bücher (siehe den Buchladen in einer anderen Ecke) den wandelnden Anekdotenschatz geben kann.  

„Museum 1900“ hat Dathe sein Projekt getauft. Er will zeigen, wie die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten, arbeiteten oder einkauften – und zwar ohne musealen Schnick-Schnack, ohne den geringsten Anhauch einer modernen Inszenierung, dafür möglichst authentisch und lebensecht. Dathe stellt ohne den Luxus von ausgeklügelter Beleuchtung, ohne wissenschaftliche Abhandlungen am Exponat, ohne Katalog und Museumsshop aus. Vielmehr stapft man durch eine mitunter enge, düstere Welt, in der schon mal ein Spinnweb sanft an einer rostigen Maschine zittert. „Damals gabs keine LED-Leuchten“, erklärt Dathe trocken. Und seine Ausführungen sind ohnehin viel spannender, als es schlaue Schildchen jemals sein könnten. Dathe, der 30 Jahre lang in München als Werbetexter für weltbekannte Unternehmen schrieb, ehe er sich zuerst dem Handel von Trödel, schließlich seinem Museum verschrieb, hat sich wahrlich eingelesen in die Zeit von Jugendstil und Fin de Siècle – eine Epoche, deren Geisteshaltung schwankte zwischen Aufbruchs- und Endzeitstimmung, zwischen Lebensmüdigkeit und dekadenter Lebensfreude. 

Die geradezu detailversessen zusammengetragenen Einrichtungen stammen alle aus dem Dreieck Berlin – München – Wien, wo Dathe vor allem zur Zeit nach der Wende fündig wurde – beziehungsweise Stücke „retten konnte“, wie der kreuzfidele 75-Jährige zu sagen pflegt. Und was er nicht alles rettete: da steht mit einer „Ideal“ Deutschlands erste Schreibmaschine in einem Architekturbüro; da steht eine Kerzenlampe im Fahrrad-Laden; erste Leitzordner liegen im Schreibwarenladen aus – fleißig wie ein Eichhörnchen hat der gebürtige Hamburger von Maschinen und Mobiliar bis hin zu kleinsten, teils kaum mehr aufzutreibenden Gegenständen („Finden Sie mal irgendwo einen hundert Jahre alten Radiergummi!“) nach Söchtenau geschafft. Beim Gang durch die alten Werkstätten (Schlosser, Schmied, Sattler, Wagner u. a.), beim Blick in die Wohnräume (Salon, Mädchenschlafzimmer, Badezimmer, Küche...) lohnt es sich, ganz genau hinzusehen – und wiederzukommen. Dathe ergänzt seine Ausstellung laufend. So gesellen sich ständig neue Fundstücke hinzu, Räume wie etwa eine Waschküche warten auf ihre Fertigstellung und nicht zuletzt soll das Haus auch bald einen Anbau bekommen. 

Öffnungszeiten:
vom 1. Mai bis 31. Oktober täglich – außer montags – von 10 -18 Uhr

Eintrittspreis: 4 Euro | Schulkinder 1,50 Euro

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