Kunstwärter Thiel

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

„KünstlerMixTape“ hat ein junger Rosenheimer seine Veranstaltungsreihe getauft, die unterschiedlichste Disziplinen unter einem Dach vereint. Gemälde internationaler Top-Stars sind auch zu sehen. 

„Im Anfang war das Wort.“ So beginnt nicht nur die Bibel, so beginnt auch der Werdegang von Luca Thiel. Doch während das Buch der Bücher sein letztes Wort schon lange gesprochen hat, schreibt der schlaksige junge Kerl mit dem Man Bun und dem Teilzeitschnurrbart noch am ersten Kapitel seiner Geschichte – und eröffnet dabei bemerkenswert viele Handlungsstränge. Erste eigene Schreibversuche (Gedichte) habe er im Rahmen des Deutschunterrichts unternommen, erzählt Thiel bei einer Tasse Kaffee, deren Dampf mit dem Rauch einer selbstgedrehten Zigarette tanzen darf. Seine Hände, Jeans und klobige Schuhe sind farbbesprenkelt. Thiel hat den Vormittag damit verbracht, die Räume des „Huber-Seiler-Hauses“ zu streichen. Das altehrwürdige Gebäude in Rosenheims Kaiserstraße hat über Jahrzehnte Künstler- und Bastelbedarf beherbergt, ehe die Besitzer das Geschäft Ende 2016 schlossen. Seither wartet es darauf, in ein Wohn- und Geschäftshaus verwandelt zu werden, öffnet jedoch seine Pforten immer wieder für kurzzeitige Zwischennutzungen der kreativen Art. Eine davon bereitet Thiel gerade vor: das bereits dritte „KünstlerMixTape“.

„Mixtape“: Wer zu Zeiten von Musikkassetten aufwuchs, erinnert sich mit nostalgischen Gefühlen daran, wie man mit zitternden Fingern vor dem Kassettenrecorder saß, um den einen oder anderen Song aus der Bayern-3-Hitparade aufzunehmen; oder daran, wie man der oder dem Angebeteten eine musikalische Liebeserklärung zusammenstellte. Zeiten, die Luca Thiel mit Abi-Jahrgang 2018 nicht wirklich live erlebte. Trotzdem lehnt er seine Veranstaltung eindeutig an das „Best-of-Prinzip“ des klassischen Mixtapes an. Am Wochenende vom 19. bis 21. Juli lässt er das Huber-Seiler-Haus von einer Reihe an Künstlern der unterschiedlichsten Disziplinen bespielen – von Malerei und Bildhauerei über Mode, Literatur und Theater bis hin zu Musik.Ein Künstlermixtape eben – mit teils hochkarätigen Beiträgen! So werden als Leihgaben unter anderem die Gemälde „Michael Jackson and Bubbles“ von Jeff Koons, „Orbital Eclipse“ von Keith Sonnier, „Segelboot“ von Max Ernst oder ein Objektkasten von Neil Loeb zu sehen sein, freut sich der Organisator.

Nach der Poesie entdeckte auch Thiel die Liebe zur Musik. „Ich driftete in die Deutschrapszene ab, Gedichte und Songtexte sind ja ähnlich aufgebaut“, beschreibt er selbst die Entwicklung, mit dieser für ihn typischen selbstironisch angehauchten Attitüde. Thiel drückt sich manchmal aus wie ein Feierabend-Gangsta-Rapper, der tagsüber das Ordnungsamt leitet. Sein Event zu finanzieren, die notwendigen Genehmigungen einzuholen und Versicherungen abzuschließen, „führen mich zu gewissen Anstrengungen in Form von bürokratischem Aufwand“, sagt er etwa. „Wer ein Arsch ist, kann nicht verlangen, dass ich ihn ausstelle“, beschreibt er andererseits erfrischend ehrlich sein Auswahlverfahren. Um das zu präzisieren: Die Anfragen, erklärt er, steigen von Event zu Event. Dementsprechend wachse der Druck, die richtige Auswahl zu treffen, ohne jemanden zu verletzen. Gerade im Bekanntenkreis kein leichtes Unterfangen. Als Kurator des KünstlerMixTapes versuche er letztlich, die besten Künstler der vergangenen Ausstellung mitzunehmen, aber auch einen ausgewogenen Teil neuer Künstler zu präsentieren.

Das Wörtchen „als“ fällt oft, wenn Thiel von seinem Tun spricht. Es handelt sich bei dem Rosenheimer, der ab Oktober in Görlitz Kultur und Management studieren will, um eine Art multiple Künstlerpersönlichkeit. Je nach Disziplin schlüpft er in eine andere Rolle. Sein poetisches Ich hat er „ERROR‘G“ getauft, als Rapper der Combo „ZERO80“ nennt er sich „LuceuR“ und wenn er zum Pinsel greift, malt er als „GREGOR‘G“. Affektiert wirkt das nur auf den ersten Blick, gehört das Spiel mit Identitäten doch zur Kunst wie der Bandsalat zum Mixtape!

Die analoge Plattform des KünstlerMixTapes hat inzwischen ihr digitales Pendant gefunden. Über einen Künstler hat Thiel Markus Mittermeier kennengelernt, den Geschäftsführer von „connected Skills“. Beide, sagt Thiel, hätten unabhängig voneinander eine ähnliche Vision entwickelt: Künstler zu vernetzen, ihnen Präsentationsfläche zu verschaffen, Ausstellungen, Workshops, Malkurse und Ähnliches zu organisieren. Die Symbiose, wie Thiel die Zusammenarbeit nennt, habe sich dementsprechend auf geradezu natürliche Art und Weise ergeben. Ziel sei es, Connected Skills zu einem Netzwerk zu machen, das hunderte von Künstlern vereint und ihnen Reichweite verschafft. Bis dahin bietet das dritte KünstlerMixTape fast 90 Künstlern – von etabliert bis unbekannt – schon mal eine große Bühne.

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