„Königreich“ aus Honig und Wachs

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Christine von Wartburg führt eines der ältesten Geschäfte Rosenheims. Wenn sie schließt, gehen Kerzen, Bonbons – und vor allem ein Stück Stadtgeschichte. 

„Lebzelter“, das waren vom Mittelalter bis zur Industrialisierung hochangesehene Handwerker, denen – und nur denen! – die Zunftordnung erlaubte, Honig und Wachs zu verarbeiten und mit den Erzeugnissen zu handeln. Nur bei Lebzeltern bekam man also Lebkuchen, Kerzen oder Honigwein (Met). Mit Christine von Wartburg steht eine direkte Nachfahrin von Rosenheims wohl bekanntester Lebzelter- und Wachszieherdynastie noch täglich in ihrem schmucken Laden und verkauft ein Sortiment, das sich dem Zeitgeist zwar behutsam angepasst hat, das seiner inzwischen 400-jährigen Tradition aber klar treu bleibt. Die sage und schreibe 93-jährige Dame verkauft allerlei Wachswaren, Bonbons („Guttln“), Holzschnitzereien und Votivgaben. Die Bonbons im offenen Glas, genau wie zu den eigenen Kindheitstagen, und sogar in den original erhaltenen Gläsern! Welcher Wert jenen Relikten vergangener Tage in diesen geschichtsträchtigen Räumen innewohnt, beweist das Klebeband, das die eine oder andere abgesprungene Ecke schützt. Mit jedem gänzlich zersprungenen Glas ginge ein Stück süßer Historie in den Bonbon-Himmel ein. Wer sich die Zeit für ein Pläuschchen mit der unermüdlichen Unruheständlerin nimmt – vielleicht, während man genüsslich eine Kostprobe ihrer Lieblingssorte kostet: die klassischen roten Himbeerbonbons – bekommt gratis eine kleine Lehrstunde in Sachen Rosenheimer Stadtgeschichte.

Von Wartburgs Mutter war die Tochter von Sebastian Ruedorffer (der Jüngere), letzter männlicher Spross des seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Rosenheim lebenden Lebzelter- und Wachsziehergeschlechts und ein ungemein verdienter Bürger. So saß Ruedorffer im Landtag, war Mitglied im Gemeindekollegium, stand dem Bildungsverein „Katholisches Casino“ vor, leitete die Tageszeitung „Wendelstein“ und pflegte die städtische Bibliothek. Als jener Sebastian verstarb, war die spätere Erbin seines Geschäfts in der Kaiserstraße 1 ein Mädchen von zwei Jahren. „Wir hatten damals noch einen Bauernhof“, erinnert sich Christine von Wartburg, „mit Hühnern, Kühen, ein paar Ochsen und sogar einem Pferd.“ Der habe sich dort befunden, wo heutzutage die sogenannte „Ruerdorffer-Passage“ liegt, nicht weit vom jetzigen alleinigen Geschäfts- und Wohnsitz mit dem prägnanten Eck-Erker. Die eigenen Felder und Wiesen lagen in etwa dort, wo heute das Seniorenheim Küpferling steht. Damals sei Rosenheim noch deutlich kleiner und viel, viel ländlicher gewesen, weiß von Wartburg. Kaum private Autos, der Ludwigsplatz ein mit Flusskieseln  holprig gepflasterter Markt. 

Der Viehmarkt in der Innstraße (die zu jener Zeit eine Schnupftabakfabrik beherbergte) bedeutete auch für den Laden von Sebastian Ruedorffer Hochbetrieb. „Wir hatten eine Met-Stub´n, dort, wo sich heute unsere Kerzenabteilung befindet“, erzählt von Wartburg. Darin stärkten sich die Händler und Bauern nach ihren schweißtreibenden Geschäften. So turbulent geht es freilich schon lange nicht mehr zu. Der Met ist ein Nischenprodukt geworden, die Bonbons und Kerzen zum Markenzeichen und „Dauerbrenner“. Trotz Internets kaufen die Rosenheimer ihre Tauf-, Kommunions- oder neuerdings auch Brautkerzen gern bei Christine von Wartburg und ihrem netten Team. Riesig ist die Auswahl, unersätzlich ist die freundliche Beratung, ungemein liebevoll werden die Kerzen zu jedem Anlass individuell verziert. (Wenn man schon nach dem Krieg die eigene Wachszieherei einstellen musste.) Kreative Kunden kaufen auch gern Utensilien wie Wachsplatten, Wachsborten oder Buchstaben, um selbst die Kerzen zu verzieren. In Schulen oder Kindergärten gelten diese Bastelarbeiten nach wie vor als beliebtes Muttertagsgeschenk. Der Kundenkontakt sei es im Übrigen auch, der die Vielgereiste noch immer täglich in den Laden locke.

Vom Bodensee bis nach Brasilien – von Wartburg hat die halbe Welt gesehen, doch den heimischen Bergen und den Rosenheimer Leut´ kann kein noch so exotisches Fernziel das Wasser reichen. Besonders rührend findet die Inhaberin es, wenn Familien ihr Jahrzehnte treu geblieben sind und sie Eltern, Kinder und sogar Enkelkinder kennenlernen darf. Da schwelgen „die Alten“ in gemeinsamen Erinnerungen, während die Jungen vor den Guttln stehen wie das Kind vorm Christbaum. „Ich freue mich besonders über junge Leute“, betont Christine von Wartburg. Dann schmunzelt sie verschmitzt und ergänzt: „Für mich sind ja im Grunde auch 50-Jährige jung.“ Seit 75 Jahren steht die Einzelhandelskauffrau nun schon frühmorgens auf, frühstückt und geht die knarzende Treppe hinunter, um hinter der Kasse zu stehen oder Bestellungen aufzugeben. Sie sagt: „Wenn ich aufhöre, verschwindet auch das Geschäft“. Christine von Wartburg empfindet keine Wehmut dabei. Der Stadt aber und den Bürgern wird das Herz bluten.

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