Kleine Auszeit

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob, Franziska Eslami

Mit ihrem Kunstprojekt „young art rosenheim“ ermöglicht die Künstlerin Franziska Eslami Kindern aus Flüchtlingsfamilien eine Pause vom Alltag in der Unterkunft Langenpfunzen.

Eine orange Blume auf blauem Hintergrund, von grünen Blättern umringt und in der linken oberen Ecke eine Sonne, gemalt von einem Kind, das Schreckliches erlebt hat. Unter dem Titel „Begegnung & Bewegung“ stellten Kinder aus Flüchtlingsfamilien Anfang des Jahres selbst gemalte Bilder in der Regierung von Oberbayern aus. Initiiert wird das Projekt „young art rosenheim“ von der Künstlerin Franziska Eslami. Jeden Donnerstag fährt sie mit dem Fahrrad in die Flüchtlingsunterkunft in Langenpfunzen im Norden Rosenheims, um gemeinsam mit den dort lebenden Kindern zu malen, zu zeichnen und kreative Werke entstehen zu lassen. Damit ermöglicht sie den Jungen und Mädchen eine „kleine Auszeit“, in der sie den Alltag in der Unterkunft für eine Weile vergessen können. „Jede Familie hat in der Unterkunft nur ein Zimmer. Es gibt keinen Rückzugsort fürs Malen oder Hausaufgaben machen“, weiß Eslami. Umso mehr freuen sich die Kinder auf ihre wöchentliche Kunsteinheit im „Durchgangszimmer“.

Das „Durchgangszimmer“ ist ein Raum mit zwei Türen, ein Übergangsbereich von einem Raum in den anderen. Lediglich ein Tisch, einige Stühle und ein Blechschrank stehen darin. Die Familien stammen aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan oder Tschetschenien, die Bleibeperspektiven sind ungewiss. Die Unterkunft ist nur eine Zwischenstation auf ihrem Lebensweg. Selbiges gilt für das „Durchgangszimmer“. Trotz der kargen Möblierung und des hohen Lärmpegels gelingt es den Kindern, vollkommen in ihre Arbeit einzutauchen.

Manche der Kinder seien aufgrund der Flucht oder der derzeitigen Lebensverhältnisse traumatisiert, sagt Eslami. Doch was malen traumatisierte Kinder? Düstere Bilder, auf denen sie ihr Leid zum Ausdruck bringen? Nein! Die meisten Bilder seien hell und positiv, mit Regenbögen, Engeln, Blumen, der Sonne, fröhlichen Menschen oder Häusern, erzählt die Künstlerin. Besonders letztere tauchen immer wieder in den Kunstwerken auf. „Die Häuser symbolisieren den Wunsch nach einem richtigen Zuhause“, glaubt Eslami. Aber auch abstrakte Werke entstehen während der zweistündigen Kunst-
einheit. Besonders die kleineren Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren malen sehr abstrakt. „Diese Bilder haben eine besondere Tiefe“, findet Eslami. Je älter die Kinder werden, desto mehr entwickelt sich ein figürlicher Stil. Auch saisonale Themen werden dabei aufs Papier gebracht, etwa ein Christbaum, ein Nikolaus oder der Osterhase. Eines findet Eslami jedoch besonders interessant, ja, beinahe etwas schade: „Die Kinder malen nur hellhäutige Menschen.“ Obwohl die Künstlerin ihnen auch Farben in Brauntönen zur Verfügung stellt, bleibt die Hautfarbe der gemalten Menschen stets hell.

Eslami selbst ist auch ohne Kinder künstlerisch tätig – malt, erstellt Kollagen oder fotografiert. „Kunst ist eine wichtige Säule in meinem Leben“, sagt die 57-Jährige. Ihre Inspiration sucht sie in der Natur, die teilweise in ihre Werke mit einfließt. Ihre Bilder stimmen nachdenklich, so zum Beispiel die Fotografien aus der Serie „Der grüne Boden“. Darauf zu sehen ist der grüne Linoleumboden in der Flüchtlingsunterkunft Langenpfunzen, auf dem beispielsweise eine Puppe mit – so scheint es – blutverschmiertem Gesicht liegt. „Die Bilder sind nicht gestellt, sondern sind unter realen Bedingungen entstanden“, sagt Eslami.

Für das Projekt „young art rosenheim“ wurde Eslami mit dem Sonderpreis des Integrationspreises 2019 der Regierung Oberbayern ausgezeichnet. Der bayerische Innen- und Integrationsminister Joachim Herrmann sagte, das Projekt stehe für ein vorbildliches, gesellschaftliches Engagement. Regierungspräsidentin Maria Els lobte Eslamis ehrenamtliche Tätigkeit.

Für 2021 ist ein Kalender der Vielfaltsgestalter für die Stadt Rosenheim mit gemalten Bildern der Kinder geplant. Auf der Rückseite jeden Kalenderblatts wird ein Foto des jeweiligen Kindes sowie eine kurze Beschreibung oder ein Zitat zu sehen sein. Zu kaufen gibt es den Kalender dann beim Bücherjohann, der Bürgerstiftung und anderen Stellen. Der Erlös kommt einem guten Zweck zugute.

Zurück