Kitzbüheler Küchen-Maestro

Unsereins kocht. Andreas Senn komponiert. Der Küchenchef des Kitzbüheler Gourmetrestaurants „Heimatliebe“ bringt wahre Geschmackssinfonien auf die Teller.

Christian Topel

Foto: pro.media

Die Zunge will vor Freude Salti schlagen. Als unkompliziert, modern und innovativ bezeichnet Andreas Senn seinen Stil am Herd. Ziemlich bescheiden für einen, den Österreichs Gastro-Kenner „Senn-Meister“ getauft haben, in lautmalerischer Anspielung auf die buddhistische Lehre des Zen. Eine gewisse Versenkung in sein Tun, eine Liebe zu den Zutaten spürt der Genießer in der Tat bei jedem Bissen jener Kreationen, die wie globalisierte Kochkunstwerke klingen, sich jedoch durch radikale Regionalität auszeichnen. Störkaviar aus dem salzburgerischen Gröding, Zitronen aus Kärnten, Signalkrebse aus der Traun, ja sogar österreichisches Kobe-Beef verarbeitet der bereits mehrfach und hoch ausgezeichnete Jungkoch.

16 Punkte und 2 Hauben verlieh ihm der Gault Millau 2012, der Schlemmer Atlas nahm ihn unter die „Top 20 Köche Österreichs“ auf, er trägt 3 Hauben in Bertelsmanns Großen Restaurant & Hotel Guide 2011 und erklimmte 2010 den ersten Platz als „Beste Tiroler Küche“. Mit Roland Trettl aus Salzburgs „Hangar-7“ und Eckard Witzigmann hatte Senn nicht die schlechtesten Lehrer. Im Land von Lichter und Lafer hätte man sich an so einem wahrscheinlich schon satt gesehen, in irgend einer der unzähligen Kochsendungen. „Wahre Köche stehen am Herd“, sagt Senn aber, und konzentriert sich im Stillen auf sein Handwerk, das er freilich zur Kunst erhebt. Zu einer feinen, leisen Kunst, die dort explodiert, wo es Sinn macht: im Mund.

Ungleich „lauter“ kommt das Restaurant daher, das sich dieses Top-Talent geangelt hat. Das „Grand SPA Resort A-ROSA Kitzbühel“ treibt die für sein Restaurant namengebende „Heimatliebe“ stylishselbstironisch auf die Spitze. Erotisch angehauchter Dirndl-Kitsch der Düsseldorfer Fotografin Anne-Marie von Sarosdy ziert die Wände, kontrastiert vom Kachelofen und Bauernstuben-Mobiliar, das  einer alpinen Heimeligkeit huldigt. Ein Konzept, das in seiner augenzwinkernden Zweideutigkeit perfekt zur Hahnenkammstadt passt; und gleichzeitig ein Konzept, in dem sich der im Tiroler Bergdorf Ladis aufgewachsene Andreas Senn natürlich pudelwohl fühlt.

Wobei Senn sich sonst noch wohlfühlt? Im restauranteigenen Kräutergarten zum Beispiel, wo er neben Petersilie oder Basilikum auch eher exotische Gewächse wie Blutampfer oder Verbene anpflanzt. Oder auf dem Rennrad, mit dem er das Kitzbüheler Horn  schon in 36 Minuten hinauf geschossen ist. Nicht zuletzt natürlich droben, in den Bergen, wo er auf einer Alm eigene Butter produziert. Bodenständigkeit als Gegenpol zur Jet-Set-Herkunft seiner Gäste. Bodenständigkeit beweist er auch, wenn er sich zur Abwechslung mal selbst bekochen lässt, daheim, von der Lebensgefährtin. „Bei der Zubereitung schau ich nicht so gern zu“, zwinkert der Maestro, „obwohl es mir letztlich immer schmeckt!“ Es gilt halt gerade beim Profi: Liebe geht durch den Magen.

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