Keltern für den Artenschutz

Christian Topel

Als „Obstlandkreis“ bezeichnet sich der Ring um Rosenheim. Das ist auch dem fleißigen Fruchtsafthersteller ORO zu verdanken.

Kaiser Wilhelm, James Grieve, Jakob Fischer... Der Landwirt Josef Gaßbichler zeigt kreuz und quer über seinen Grund und stellt die knorrigen Gesellen vor, die sich hier die Beine, besser gesagt, die Stämme in den Bauch stehen. Gaßbichler ist Vorstand des hiesigen Obst- und Gartenbauvereins. Sein Hof thront auf einer Anhöhe im Weiler Thalham, das zur Gemeinde Rohrdorf im Landkreis Rosenheim gehört. Von dort oben hat man einen unbeschreiblichen Blick über das Rosenheimer Becken. Der Besuch gilt aber weniger der Aussicht, als vielmehr jenen Kameraden, die zu Hunderten Gaßbichlers hügeligen Garten bevölkern. Es handelt sich dabei – noch! – um ein Paradebeispiel oberbayerischer Kulturlandschaft. Noch, weil solche Paraden heutzutage vielerorts zurückweichen müssen: vor immer mehr Platz fressenden Gewerbegebieten im vormals Grünen, oder aus dem Kraut schießenden Monokulturen wie Mais.

Gefährdet seien seine Streuobstwiesen allerdings schon einmal Mitte des 20. Jahrhunderts gewesen, erzählt der 63-Jährige. Hatten der Vater und mit ihm unzählige andere Bauern ihr Obst nämlich nach dem Krieg tonnenweise nach München gekarrt, wo man es ihnen als Tafelobst regelrecht aus den Händen riss, machten plötzlich Südfrüchte Apfel, Pflaume, Birne und Co. Konkurrenz. Als im viel zu frostigen Frühling des Jahres 1957 schließlich ein Großteil der Bäume erfror, habe auch sein Vater ans Aufgeben gedacht, erinnert sich der Nachfolger. Das Ende einer ganzen Kulturlandschaft schien besiegelt.  

Die Rettung kam auf zwei Wegen. Einerseits unterstützte der Landkreis Neupflanzungen, andererseits hatten der damalige Kreisfachberater Hermann Seibold und der Gartenbauvereins-Kreisvorsitzende Paul Schauer eine geniale Idee: Sie überlegten, was man mit dem Obst noch anstellen könnte, außer es direkt zum Verzehr anzubieten. Ihre Lösung bestand aus drei Buchstaben: ORO. Anno 1958 schlossen sich 44 Obstbauern zu dieser Genossenschaft zusammen, um ihr Streuobst, in erster Linie Äpfel, zu natürlichen, schmackhaften und kerngesunden Säften zu verarbeiten. Gleichzeitig, so die Überlegung, würden sie damit zum Erhalt jener bedrohten Kulturlandschaft beitragen. Nicht zuletzt sollte ihnen der Kniff ein einigermaßen sicheres Einkommen verschaffen.

Heute weiß man: Das Konzept ging auf! Die ORO Obstverwertung e. G. mit Sitz in Rohrdorf presst rund 3.000 Tonnen Äpfel pro Jahr. Bemerkenswert daran: Nach wie vor stammen nicht nur nahezu alle Äpfel aus der Region; die daraus gewonnenen Säfte dienen auch nur zur Verköstigung der Region. „Wir beliefern ausschließlich den Getränke- und Lebensmittel-Fachhandel im Umkreis von 60 Kilometern“, sagt  Geschäftsführer Joachim Wiesböck. Wobei die Ausschließlichkeit ein wenig korrigiert werden muss! Das wirklich Originelle an der Obstverwertung ist nämlich ihr Tauschhandelkonzept. Auch private Obstgartenbesitzer sind eingeladen, ihre Äpfel anzuliefern und entweder sofort oder sozuagen in  Raten in Saft umzutauschen. Weil die Mindestabnahme schon bei vier Kilo beginnt, schafft ORO einen schmackhaften Anreiz, die hauseigene Ernte nicht verkommen zu lassen oder die mitunter mühevolle Baumpflege gar ganz sein zu lassen. Die Genossenschaft hat ein System echter Nachhaltigkeit ins Leben gerufen, lange bevor die Werbeindustrie begann, den Begriff auszuwringen wie einen nassen Lappen.

Während Josef Gaßbichler eine Handvoll Roten Boskop pflückt, darf Joachim Wiesböck weiter von jener  Win-win-Situation (um ausnahmsweise doch ein Wort aus Werbermund zu erlauben) schwärmen. Dank ORO haben regionale Apfelbaumbesitzer also seit Jahrzehnten einen zuverlässigen Abnehmer; sie bekommen einen anständigen Preis bezahlt oder erhalten köstlichen Saft; im Laufe der Zeit entstanden dutzende Arbeitsplätze; und nicht zuletzt unterstützt das Unternehmen den Schutz der Kulturlandschaft „Streuobstwiese“.

Da fällt es wieder, dieses hochtrabende Wort: Kulturlandschaft. Was hat es damit eigentlich auf sich? Welcher Wert wohnt diesen Flecken bitteschön inne? Die Frage beanwortet Joachim Wiesböck während der Fahrt von Josef Gaßbichlers Hof hinunter zu den vielmaligen Preisträgern der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft). Landschaft, erklärt der OROGeschäftsführer unter Fingerzeigen aus dem Autofenster hinaus, bedeute in unseren Gefi lden nicht mehr unberührte Natur, sondern eine im Laufe  der Jahrhunderte von Menschenhand zumindest mitgeformte „Kulturlandschaft“. In der Tat: Die Weinbaugebiete Unterfrankens, die Äcker Altbaierns, die von Almen geprägten Gebiete in den Alpen bis eben hin zu den weitläufigen Streuobstwiesen am Fuße von Wendelstein oder Hochries – allerorts hatte der Mensch die Hand im Spiel. Und dieses Zusammenspiel von Mensch und Natur macht die jeweiligen Regionen einzigartig. „Kulturlandschaften prägen unsere Heimat, wecken Heimatgefühle  und stiften Identität“, bringt es der Rohrdorfer auf den Punkt. Von der oftmals ökologischen Bedeutung ganz zu schweigen. Jene dank ORO nach wie vor lebendigen Streuobstbestände bieten wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Viel lieber als Lob erntet Wiesböck aber Äpfel. Klar, der Geschäftsführergeht mit gutem Beispiel voran. Knapp 40 Bäume besitzt die Familie. Wenn sich im Frühherbst die Äste biegen unter dem Gewicht reifer Früchte, ist fröhliches Klauben angesagt. Danach geht auch das Wiesböcksche Kernobst den Weg vom Garten in die Flaschen. Keinen Tag dauert so ein Verarbeitungs-Prozess. Nach dem Anliefern und  Wiegen werden die handverlesenen, gewaschenen Äpfel zu Maische gemahlen und landen in der Zentrifugalpresse. Der in diesem „Dekanter“ gewonnene Saft enthalte weitaus mehr Fruchtfleisch und Ballaststoffe als herkömmlicher, weiß Joachim Wiesböck. Was neben dem Saft übrig bleibt, wird als sogenannter „Trester“ an Tiere verfüttert. „Wir haben also eine hundertprozentige  Verwertungskette“, betont der ORO-Geschäftsführer. Um den frisch gepressten Saft haltbar zu machen, wird er „pasteurisiert“, also kurz auf 90 Grad erhitzt. Der sterile Saft fließt in gewaltige Edelstahltanks, die bis zu 2,2 Millionen Liter fassen. Während sich auf der einen Seite die Tanks füllen, kommt auf der anderen das Leergut an. In der eigentlichen, von Apfelduft durchwehten Produktionshalle haben Roboter und Maschinen das Zepter in der Hand: sie entpalettieren, packen  aus, waschen und prüfen die unternehmenseigenen Mehrwegflaschen, um sie zum Schluss wieder vollautomatisch zu befüllen – hauptsächlich mit den Klassikern: Apfel-Direktsaft, naturtrüb oder klar. So schmeckt Heimat!

www.oro-saft.de

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