Kein Lärm der Welt

Julia Schuster

Fotos: Julia Schuster, Sebastian Eismann

Spannende Kulturen und Legenden, seine wohltuende Wirkung und sein Geschmack: Die Faszination Tee begleitet die Menschheit seit 5.000 Jahren.

Schnuppern, schlürfen, schmecken – in einer mit einem Deckel verschlossenen Tasse ziehen die losen Blätter zunächst drei Minuten in heißem Wasser, ehe der daraus entstandene Tee in eine Keramikschale gegossen wird. Die aufgebrühten Teeblätter, die sogenannte Infusion, werden im Deckel zum Riechen herumgereicht. Anschließend erhält jeder Teilnehmer des Teatastings einen Löffel voll schwarzem Tee, der schlürfend verkostet wird. Wie schmeckt der „Darjeeling Summer Gold“? Blumig? Erdig? Ist er ein First oder ein Second Flush? War er im Abgang rau oder sanft? Fragen, die jeden Laien überfordern, sind für Marcus Eismann und Michael Adler simpler Alltag. Die beiden Tee-Experten geben ihr Wissen regelmäßig an Liebhaber des traditionellen Heißgetränks in Form von Teatastings bzw. Universitätskursen weiter. Eine Besonderheit der Teeverkostungen ist das weltweit standardisierte Verfahren, nach dem sie ablaufen.

In den letzten Jahren wurde Tee immer mehr zum Trendgetränk. Lässige Teabars in deutschen Großstädten und gediegene Teestunden in Spitzenhotels sind gefragter denn je. Nach Wasser ist Tee das beliebteste und älteste Getränk weltweit. Knapp 14 Milliarden Tassen Tee werden am Tag rund um den Globus getrunken. Der nationale Prokopfverbrauch liegt bei circa 28 Litern pro Jahr.

Die Geschichte des Tees geht zurück bis ins dritte Jahrtausend vor Christus. Eine Legende erzählt von dem chinesischen Kaiser Shen Nung, der einst unter einer Teepflanze gesessen und meditiert haben soll, als ihm der Wind ein Blatt jener Pflanze in die mit heißem Wasser gefüllte Trinkschale wehte. Fasziniert habe er beobachtet, wie das Wasser wie von Zauberhand eine goldbraune Farbe und einen angenehmen Duft annahm. Als der Kaiser davon kostete, soll er von dem aromatischen Geschmack und der wohltuenden Wirkung so angetan gewesen sein, dass er das köstliche Getränk fortan täglich trank.

Um die Ursprünge des Tees ranken sich viele Sagen. Als sicher gilt, dass sein Ursprung in China liegt. Erst im 17. Jahrhundert fand er seinen Weg nach Europa. 50 Jahre waren die Niederländer die einzigen europäischen Teeimporteure, ehe die Engländer in den Teehandel einstiegen. Sie brachten das begehrte Handelsgut schließlich auch nach Amerika und belegten es mit hohen Steuern. Aus Wut darüber warfen als Mohikaner verkleidete Freimaurer am 16. Dezember 1773 über 340 Kisten Tee im Hafen von Boston ins Meer. Dieses Ereignis ging als „Boston Tea Party“ in die Geschichte ein. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte das Heißgetränk in Europa einen erneuten Boom. Tanztee-Veranstaltungen erfreuten sich bei der feinen Gesellschaft großer Beliebtheit.

Heutzutage wird Tee auf der ganzen Welt getrunken. Jedes Land zelebriert seine eigene Teekultur: von der britischen „teatime“ am Nachmittag über die chinesischen und japanischen Teerituale, die nach strengen Vorgaben stattfinden müssen. bis hin zu den Zeremonien in den arabischen Ländern.

Die Firma Ronnefeldt in Frankfurt am Main zählt zu den ältesten Teehäusern in Europa und hat sich auf die Belieferung von Spitzenhotels und Gastronomien in aller Welt spezialisiert. Dazu zählt auch das „Alpenhotel Wittelsbach“ und das „Gillitzer‘s Res-taurant“ in Ruhpolding, wo Marcus Eismann, zertifizierter TeaMaster® Gold, regelmäßige Teeverkostungen anbietet. Dieser Titel ist nur den besten Teekennern vorbehalten. Weltweit gibt es nur rund 100 Menschen, die ihn sich in einem umfangreichen Ausbildungsprogramm verdienten. Umso stolzer ist Eismann, dass dieses Jahr auch seine Tochter Katharina die einzigartige Möglichkeit erhält, ins Teeanbauland Sri Lanka zu reisen, um dort den begehrten Terminus zu erlangen. Als TeaMaster® Silver unterstützt sie Eismann bereits jetzt dabei, Interessierten ein unvergessliches Teeerlebnis zu verschaffen. Mit rund 80 Sorten bietet das Alpenhotel seinen Gästen das größte gastronomische Ronnefeldt-Angebot Deutschlands.

Links: Für den Teegenuss zuhause sorgt Teesommelier Michael Adler in der Teewelt Ronnefeldt in Rosenheim bzw. Traunstein. Rechts: Teamaster Marcus Eismann veranstaltet in seinem Alpenhotel Wittelsbach in Ruhpolding regelmäßige Teatastings.

„Ich vergleiche Tee immer mit Wein. Er hat zwar nicht ganz die Komplexität des Weines, dafür aber die Bandbreite“, sagt Michael Adler. Der Teesommelier betreibt zwei Teefachgeschäfte in Rosenheim und Traunstein. Obwohl 300 verschiedene Sorten zum Sortiment der „Teewelt Ronnefeldt“ zählen, gelten streng genommen nur Schwarzer und Grüner Tee sowie einige Mischformen daraus wirklich als „Tee“. Dieser stammt von der Teepflanze, aus der durch verschiedene Verarbeitungsmethoden die unterschiedlichen Sorten hergestellt werden. Auch das Anbaugebiet und die Jahreszeit der Ernte, der sogenannte „Flush“, haben einen wichtigen Einfluss auf den Geschmack. Zu den wichtigsten Anbauländern zählen unter anderem Indien, Kenia und Sri Lanka. „Wie beim Wein gibt es auch beim Tee große Qualitätsunterschiede“, erklärt Adler. Ein wichtiges Kriterium ist beispielsweise die Verarbeitungsform, die auch der Laie leicht erkennen kann. Die minderwertigste Qualität ist in Form von sogenanntem „Dust“, also Staub, in vielen Teebeuteln zu finden. „Die Vitamine, die Mineralstoffe und der Geschmack stecken aber im ganzen Blatt“, weiß der Sommelier, der auch als Dozent für Tee an der Universität in Baden-Württemberg lehrt. „Staub kann nicht zaubern.“

Adler und Eismann sind sich einig: Tee ist ein Lebenselixier. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die meisten Überhundertjährigen leben in Japan, die nachweislich überwiegend Grüntee trinken. Zahlreiche klinische Studien belegen die positive Wirkung auf den Organismus und die Vorbeugung von Krankheiten wie Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Aber ich will den Tee nicht auf den Gesundheitsaspekt reduzieren. In erster Linie ist Tee ein wohltuendes Genussmittel“, findet Adler. Dem kann Eismann nur zustimmen: „Grüner Tee ist das edelste und beste Getränk, das es gibt.“

Ein wichtiges Geschmackskriterium ist neben der Qualität die richtige Zubereitung. Es steckt mehr dahinter als nur heißes Wasser zuzugießen. Die Wasserhärte, die Temperatur, die Dosierung und die Ziehzeit spielen wichtige Rollen und sind von Tee zu Tee verschieden. Sowohl bei den Teatastings im Ruhpoldinger „Hotel Wittelsbach“ als auch beim Einkauf in der „Teewelt Ronnefeldt“ in Rosenheim oder Traunstein bekommt jeder Interessierte eine ausführliche Beratung zur richtigen Zubereitung.

„Ein altes Sprichwort sagt: ,Wer Tee trinkt, vergisst den Lärm der Welt‘“, erzählt Eismann. Recht hat er. Nicht umsonst heißt es im Englischen „teatime“: Zeit für Tee.

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