Kajak-Tour auf der Salzach: Wandern auf dem Wasser

Christian Topel

Das Team paddelt auf der Salzach
Inn und Salzach sind zwar eigentlich relativ ruhige Flüsse, an gewissen Passagen kann es aber durchaus turbulent zugehen. Fotos: Andreas Jacob

Von Action bis Entspannung: Wer auf Inn oder Salzach dahinpaddelt, lernt die Region aus einer ganz neuen Perspektive kennen.

„Safety first“, sagt Markus Stehböck und verteilt Wildwasserwesten sowie Multi-Impact-Helme. In Neoprenanzüge haben wir uns schon gezwängt. Sieht alles in allem nicht besonders schick aus, soll uns aber schützen. Nicht, dass wir an diesem brütend heißen Sommertag eine sonderlich gefährliche Tour unternehmen werden – wir schnuppern nur in eine von zwei neuen Flusswanderungen des Tourismusverbands Inn-Salzach hinein; paddeln ein paar Kilometer die Salzach hinunter, ins Zentrum von Burghausen. Doch nach über 20 Jahren als Outdoorguide weiß Stehböck: Auch in einem augenscheinlich gemütlichen Fluss können Passagen mit Kehrwasser daherkommen, auch auf einem gemächlich dahinfließenden Gewässer kann man das Gleichgewicht verlieren und ins Wasser plumpsen. Die Salzach zeigt sich trüb und flach an diesem Tag, dahintreibende Äste oder felsige Untiefen wären also unsichtbar. Wir spitzen brav die Ohren und lauschen der kurzen Sicherheitseinweisung, dann geht es auch schon los. Zu Wasser gelassen werden: zwei Schlauchkanadier, ein Riesen-SUP, auf dem bis zu acht Personen bequem Platz finden und ein einsames Kajak – für den Fotografen, der uns ständig achtern kleben soll.

Für das neue Flusswander-Angebot hat der Diplom-Sportwissenschaftler Stehböck zwei Touren „abgesteckt“, bei denen sich die reizvolle Inn-Salzach-Region rund um die Herzogstadt Burghausen mal von einer neuen Perspektive aus erforschen lässt. Die Strecke von Wasserburg nach Gars führt etwa 20 Kilometer über einen der sehenswertesten Abschnitte des Inn. Die unberührte, üppige Natur am Ufer und das geradezu meditativ dahinfließende Wasser machen diese Tour zum idealen Sommerausflug für Familien. Wir begeben uns an diesem Tag auf den letzten Abschnitt der anderen, insgesamt 15 Kilometer langen Strecke, die auf der Salzach von Tittmonning nach Burghausen führt. Der längste und wasserreichste Nebenfluss des Inn bildet hier die Grenze zu Österreich, dessen Ufer uns also rechterhand begleitet.

Bei aller Lust am Pritscheln, Spritzen oder Wettpaddeln: Wer den Blick öfter mal vom Wasser hoch zu den herrlich bewachsenen Hängen hebt, erlebt nicht nur eine Fluss-, sondern auch eine kleine architektonische Zeitreise – und sammelt obendrein viele Anregungen für anschließende Ausflüge zu Lande. Da thront zum Beispiel, gleich zu Beginn, die Burg von Tittmoning hoch über der historischen Altstadt. Einst Sommerresidenz der Salzburger Erzbischöfe, beherbergt sie heute ein Heimatmuseum. Fünf, sechs Kilometer treibt man dann nahezu schnurgerade vorwärts (sieht man von dem sanften Slalom um einige wenige Kiesbänke ab, die zum Picknicken oder Sonnenbaden einladen), ehe die Salzach eine scharfe Serpentine ins Flussbett legt. Linkerhand erscheint mit der über 800 Jahre alten Klosteranlage Raithenhaslach das erste Zisterzienser-Kloster Altbayerns. Eingeweiht 1186, erhielt die ursprünglich dreischiffige romanische Pfeilerbasilika im 18. Jahrhundert eine prunkvolle Innenausstattung und gilt als Aushängeschild des bayerischen Barock. Nach einer aufwändiger Restaurierung dient der spätbarocke Prälatenbau des Klosters heute als Akademiezentrum der Technischen Universität München (TUM). Den Klostergasthof mitsamt Biergarten als eine der gastronomischen Top-Adressen der Region haben wir sowieso schon im Hinterkopf als erste Anlaufstelle nach unserer Tour.

Vor der Brotzeit wartet aber noch ein wenig Arbeit und – nach einem weiten Rechtsbogen des Flusses – der optische Höhepunkt der Tour. Ehe man diesen Anblick genießt, lohnt ein Blick zurück: Auf einem bewaldeten Hügel ragt im Hintergrund die gelb-weiß strahlende, zweitürmige Wallfahrtskirche St. Maria Himmelfahrt von Marienberg aus hoch in den Himmel. Nicht umsonst nennen Einheimische die wunderschöne Rokoko-Kirche auch „Perle des Salzachtales“. Wir haben sie etwas länger im Blick, weil Markus Stehböck an dieser Stelle eine kleine Übung in die Tour einbaut. Schadet uns ja nicht, wenn wir zusätzlich zur Gaudi auch ein wenig lernen! Der erfahrene Wildwasserfex baut auf Wunsch in seine Touren gern ein paar Paddeltechnik-Einheiten ein (zum Beispiel Grundschläge wie Bogenschlag und Paddelstütze) und gibt wichtige Tipps in Sachen Sicherheit. „Vom SUP möglichst flach ins Wasser fallen. Und nie das Paddel loslassen!“, rät Stehböck etwa. Wir dürfen indes eine der wichtigsten Strömungsformen am eigenen Leibe kennenlernen: das Kehrwasser, also einen Bereich im wilden Gewässer, in dem sich die Strömung flussaufwärts kehrt oder zumindest stark verlangsamt. Den Übergang auf unserem gewaltigen SUP trockenen Fußes hinzubekommen, erfordert mächtige Paddelschläge.

Burghausen über der Salzach
Nichtig und klein kommt man sich vor, wenn die weltlängste Burg plötzlich über Burghausen in den Himmel ragt.

Wieder auf Kurs wird´s dann Zeit für ein bisschen Quatsch und Action. Wozu tragen wir Neoprenanzüge, wenn nicht der eine oder die andere auch das Wasser küsst? Indem er die ganze Truppe  anhält, sich am Bug des SUPs zu versammeln und mit aller Kraft nur auf einer Seite zu paddeln, schafft es Stehböck, unser Brett in ein Karussell zu verwandeln. Fast gelingt es uns, auf einer stehenden Welle zu surfen. Vom Adrenalin angepeitscht, helfen wir uns gegenseitig: per herzhaften Schubsern ins kühle Nass. Die Balgereien machen so Spaß, dass wir beinahe verpassen, wie sich droben über Burghausen die weltlängste Burg vor unseren Augen aufbaut. Ein imposanter Anblick! Und ein würdevoller Abschluss für eine faszinierende Flusswanderung.

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