„Jeder Stange ihren Sinn“

Christian Topel

Am Chiemsee verleiht Reinhard Deyerl Geweihen, Horn und Knochen eine neue Funktion. Er designed „Schönes und Wildes“.

Man denkt sofort an den Mythos vom Elefantenfriedhof, wenn man die Räumlichkeiten von Reinhard Deyerl betritt. Nur, dass sich hier in Arlaching am Chiemsee nicht Stoßzähne stapeln, sondern der riesige Schädelknochen eines Walfischs, Zähne der Ozeanriesen, ein 35.000 Jahre alter Bisonbüffel-Schädel und vor allem Geweihe; gewaltige Geweihe, von Karibus, Steinböcken und hauptsächlich Rothirschen. Doch Deyerl betreibt keinen archaischen Totenkult – der 52-Jährige baut Möbel und Wohnaccsessoires aus den Trophäen.

Mit altbackener Alpenland-Folklore haben die Deyerlschen Objekte nichts am Hut. Wer ein Pendant zu seinem röhrenden Hirsch in Öl an der  Wohnzimmerwand sucht, wird hier nicht fündig. In den Ausstellungsräumen über der Werkstatt stehen vielmehr Stühle, Tische oder Lampen, die einen – wie der Designer erklärt – für alle Kulturen und zu allen Zeiten begehrten Rohstoff in die Moderne übersetzen und – wichtig! – nutzbar machen. Das Sporthotel Achental, der Chiemsee Yacht Club Prien oder das Gössl Gwandhaus in Salzburg setzen bereits Akzente mit Stücken des Chieminger Geweihkünstlers, der sich aber keinesfalls als Künstler bezeichnen (lassen) will. Bei aller Ästhetik: er  fertige Gebrauchsgegenstände, Dinge mit Funktion! „Ich will nicht ins Museum, sondern in die Wohnungen und Häuser“, betont Deyerl.

Wenn seine Hände erst die dunkelblonden Günther Netzer-Strähnen aus der Stirn und dann mit gleicher  Sanftheit über die Stangen streichen, wenn er dabei erläutert, wie er jeder einzelnen Stange einen Sinn zu geben versucht, nachdem er Stunden damit verbrachte, möglichst gleichförmige  Geweihe zusammenzustellen, um beim Aneinanderfügen dann Harmonie aus ursprünglich wilden  Formen zu zaubern, wirkt das – mit Verlaub – durchaus wie Kunst. Doch wem nützt Schubladendenken?

Jenem Hotel in Peking dürfte es egal gewesen sein, ob es da Kunst, Handwerk oder Design bestellt. Ein  imposanteres Prestigeobjekt hätte Reinhard Deyerl sich wahrscheinlich ohnehin nicht zu träumen gewagt. Nachdem sie ihn auf einer Messe kennengelernt hatten, beauftragten ihn die Chinesen mit einem Mega-Lüster. In über 500 Stunden schuf Deyerl aus 400 Hirschgeweihen das etwa zehn Meter lange, fast sechs Meter breite und über eine Tonne schwere Prunkstück, das nun im Reich der Mitte in 20 Metern Höhe thront. Transportkosten: 25.000 Euro.

Ein Ausnahmeprojekt, das der gebürtige Niederbayer vom Grundprinzip her nicht anders anging, als seine Exponate für den Hausgebrauch. Am Anfang steht immer die Ochsentour. Schließlich kommen dem Naturfreund nur Abwurfstangen ins Haus, und die kauft er größtenteils von österreichischen  Züchtern. Kilopreis: je nach Qualität zwischen 15 und 50 Euro. Im Lager sortiert Deyerl dann die Geweihe. Obwohl er zu dem Zeitpunkt noch nicht genau weiß, zu welchen Figuren er sie einmal zusammenfügen wird, gilt es schon, eine gewisse Symmetrie zu erzeugen. Gleich und gleich gesellt er gern. Es kennzeichnet die Geweihkunst des Chiemingers, dass seine Möbel wie natürlich verwachsen wirken. Man soll keine künstlichen Verstrebungen erkennen, die Stangen von selbst für Stabilität sorgen. Und so schafft es Reinhard Deyerl, ein totes Abfallprodukt der Natur durch seiner Hände Arbeit wieder zum Leben zu erwecken.

Zurück