Jeder Hut hat eine Geschichte

Catherine Bruha

Fotos: Catherine Bruha

Am Chiemsee restauriert Magdalene König-Lenz besondere Kopfbedeckungen: traditionelle Priener Quastenhüte.

„Huadarin von da Luft“ nennt sie sich. Denn Maria Magdalene König-Lenz, kurz „Marlene“, wohnt im winzigen Ortsteil „Luft“ bei Übersee am Chiemsee. Und hier hat sie ihr handwerkliches Hobby zum Beruf gemacht. Zu einem alles andere als alltäglichen Beruf. Mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail forstet sie in die Jahre gekommene, traditionelle Priener Trachtenhüte wieder auf. Prachtvolle Hüte, die vor allem aufgrund ihrer Goldquasten ins Auge stechen.

Zusammen mit ihren zwei Schwestern wuchs Marlene – wohlbehütet quasi – auf einem Bauernhof in Übersee am Chiemsee auf. Nach der Schule schmiedete sie ursprünglich den Plan, in Würzburg in die Lehre zur Goldschmiedin zu gehen. Kurz vor dem Antritt bekam sie jedoch kalte Füße. Den heimatlichen Hof verlassen? Undenkbar! Damals, sagt Marlene, sei ein Besuch in Rosenheim schon ein Abenteuer gewesen. Und sie als „Landpomeranze“, wie sie sich selbst scherzhaft nennt, hätte sich im weit entfernten Würzburg wohl nicht besonders wohl gefühlt. Also entschied sie sich dafür, zuhause den Beruf der Bäuerin zu erlernen. Bis bald doch die Neugier sie und sie infolgedessen die Koffer packte. Mit 18 Jahren verlässt Marlene den Familiensitz, um sich den Lebensunterhalt unter anderem in einer Fahnenstickerei, als Hauswirtschafterin sowie bei einem Ofensetzer zu verdienen. Geschickte Hände hat sie schon damals, keine Frage.

Es kommt das folgenschwere Jahr 2006. Der Vater überredet Marlene zur Teilnahme am Gaufest des Feldwieser Trachtenvereins. Marlene hatte den Bezug zu den Trachtlern längst verloren, stimmte allerdings nach langem Hinreden des Vaters zu. Einziges Problem: Sie besaß kein ordentliches Trachtengewand. Des einen Pech, des anderen Glück: Spontan steckte der Vater Marlene in das Gewand der Mutter, die aus gesundheitlichen Gründen nicht am Fest teilnehmen konnte. Vor Ort verlebte die „Heimkehrerin“ wider Erwarten eine tolle Zeit. Richtig Spaß machte der Abend,  sodass ihr die Mutter das Gewand kurzerhand schenkte. Zur perfekten Ausstattung fehlte nur noch der klassische Priener Hut.

Nun kann so ein Hut ganz schön ins Geld gehen! Marlene bestellte daher im Internet ein gebrauchtes Exemplar. Allerdings graute es ihr ein wenig davor, den Hut zu tragen. Weiß man ja nie, wer ihn vorher auf und wo er schon überall gelegen hatte. Vor der Feuertaufe zerlegte sie das Ding also in seine Einzelteile, um es ausführlichst zu reinigen. Außerdem bestückte sie den Hut mit schicken Quasten. Ein schicksalhafter Tag. Diese Arbeit erfüllte sie so sehr, dass sie weitere alte Hüte besorgte, die sie in liebevoller Kleinstarbeit restaurierte. Bis heute, sagt die Huadarin, sei es nicht ihr Bestreben, aus einem alten Hut einen neuen, sondern einen alten Hut wieder hübsch zu machen! Der „Basishut“ bleibt immer bestehen (wenn er nicht rettungslos zerschlissen ist, aufgrund von Schimmelbefall zum Beispiel). Manchmal fügt Marlene auch mehrere, beschädigte Hüte zu einem wieder vorzeigbaren zusammen. Das Material für ihre Restaurationsarbeiten fand sie in den Anfangszeiten im Internet oder auf Flohmärkten – einen Hut fischte sie gar aus dem Müll. Inzwischen hat sich die „Chiemgauer Quastenhutmanufaktur“ einen so guten Ruf erarbeitet, dass die hiesige Damenwelt zahlreich nach Luft pilgert, um sich alte Hüte wieder auf Vordermann bringen zu lassen.

„Das ist wie Weihnachten“, schwärmt Marlene vom spannendsten Arbeitsschritt – nämlich, einen alten Hut zu öffnen. Oft, sagt sie selig lächelnd, finde sie dabei Zettel oder Zeitungsschnipsel aus längst vergangenen Tagen. Oder die Adresse des ursprünglichen Hutmachers. „Jeder Hut hat eine Geschichte“, sagt sie. Grundsätzlich gilt: Je mehr Gold am Hut, desto mehr Geld gab es auf dem Hof. Vor allem die Stickereien aus goldenem Faden, die den Hutspiegel zieren, zeugten vom Wohlstand der Besitzerin. Das Handwerk hat sich Marlene komplett selbst beigebracht. Mit ruhiger Hand stickt sie etwa goldene Blümchenmuster und bringt sie an den Hüten an. Nur Hüte, mit denen sie zu einhundert Prozent zufrieden ist, wandern zurück auf den Kundinnenkopf. Besonders viel Wert legt sie auf einen sorgfältigen Umgang mit den Hüten. Schließlich handelt es sich oft um Erbstücke, die einen großen emotionalen Wert haben.

Eine Hutmacherin – niemand aus ihrer Familie hätte je davon zu träumen gewagt, dass Marlene dereinst einen so bodenständigen Beruf ergreifen würde. Immerhin galt sie früher, erzählt sie schmunzelnd, als absoluter Wirbelwind. Umso stolzer ist heute der Vater, der den eingeschlagenen Weg so beschreibt: „As Leben richt’s da her, wiast es brauchst.“ Und damit hat er nicht unrecht. Denn hätte er sie nicht dazu überredet, mit auf das Gaufest zu kommen, hätte Marlene mit Sicherheit niemals damit begonnen, Priener Hüte zu restaurieren, geschweige denn, eine ganze Werkstatt ins Leben zu rufen, die längst so einiges mehr rund um Tracht und Tradition anbietet als nur Kopfbedeckungen: selbstgestickte Einstecktücher zum Beispiel, Trachtentaschen, Kropfbänder und vieles mehr.

Die Geschichte des „Priener Huts“ geht übrigens auf eine Anna Kopp zurück, Tochter des hiesigen Hutmachers Brunnhuber, der 1870 erstmals aus Elementen des städtischen Hutes und des alten Inntaler Hutes jene regionale Ausprägung anfertigte. Wer sich für das Handwerk oder die Hüte interessiert, ist bei Magdalene König-Lenz herzlich willkommen – oder kann auf einem der von ihr oft besuchten Trachten- und Handwerkermärkte ins Gespräch kommen. Danach kann das Urteil nur lauten. Hut ab vor dieser Frau!

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