Jedem Zeh sein Zuhause

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Wie man sie bettet, so geht man. Deshalb bettet Robert Fliri Füße – in Schuhe, die Seh- und Gehgewohnheiten sprengen.

Wie die Jünger einst Jesus stapft die Gruppe Robert Fliri hinterher. Über dem Rofangebirge steht die Frühlingssonne, auf den Stirnen der Schweiß, in den Gesichtern der Zweifel. Denn der 1976 im südtirolerischen Vinschgau geborene „Wanderprediger“ ist angetreten, die Menschen auf eine Art Pfad der Erleuchtung zu führen. Dankenswerterweise nicht mit dem Mund, sondern mit dem Schuhwerk! Dass der Weg das Ziel ist, versteht Fliri nämlich keineswegs als Floskel. Es kommt nur darauf an, wie wir unsere Wege zurücklegen.

Ginge es nach ihm, gingen wir sie nahezu barfuß. Unsere unteren Extremitäten lediglich eingehüllt in seltsame Objekte, bestehend aus nichts als ein bisschen Gummi und Stoff, mit einzelnen Kammern für jeden Zeh. „FiveFingers“ heißen die Dinger, die man sich wie Handschuhe über die Füße streift. Eine für den „Durchschnittsfüßler“ übrigens beschwerliche bis belustigende Prozedur. Sträuben sich die von fußfeindlicher Schuhmode jahrzehntelang krumm geschundenen Zehen beim ersten Mal doch gewaltig gegen die Einzelhaft...

Entwickelt hat der einstige Holzfäller Fliri jene Zehenschuhe Ende der 90er, nachdem er die Axt zugunsten eines Studiums an der Freien Universität Bozen aufgegeben hatte. Dort verlangte die Fakultät für Design und Künste ihren Studenten eine Konzeptarbeit zum Thema „Sport is fun“ ab. Fliri versetzte sich zurück in die Kindheit, als er den Vinschger Sonnenberg hinauf- und hinunterflitzte. Am liebsten barfuß. Die Sohlen gekitzelt von der Welt: von Erde, Gras oder Laub. Ein verlorenes Kindheitsgefühl, das die Gruppe nun nachvollziehen, vor allem wieder erlernen soll: Eins sein mit der Natur.

Der Ort könnte nicht passender gewählt sein. Unten im Norden aquamarint der Achensee. Hier oben, am Fuße des Rofangebirges, funkeln Fliris nicht minder blaue Augen. Ein Menschenfischer in T-Shirt und Cargo-Hose. Sein Gefolge rekrutiert sich aus rund 20 Tiroler Touristikern, Hoteliers und Wanderführern, die „Hänschen klein“ spielen. Als bunte Polonaise folgen sie dem Produktdesigner über Stock und über Stein. Und wirklich weicht die Skepsis einer kindlichen Freude, als die Fußsohlen zwar den Untergrund spüren – jeden Zweig, jede Wurzel, jeden Stein – jedoch nicht den geringsten Pieks. „Ihr tut auch etwas für eure Gesundheit“, feuert Fliri die Begeisterung an. Tatsächlich ist die Wissenschaft voll von Belegen über die wohltuende Wirkung des Barfußlaufens – dem eine „FiveFinger“-Wanderung maximal nahe kommt.

Es geht zwar nur sanft bergauf, trotzdem kommt der Tross nur langsam voran. Nicht, weil womöglich die Blicke immer wieder hinüber schweifen zum Karwendel oder runter zum eiszeitlichen See. Das Schneckentempo ist einerseits den staunend gesenkten Häuptern der an stabile Bergschuh´gewöhnten Gipfelstürmer geschuldet, andererseits den in ihrer Ausführlichkeit Vorlesungen ähnelnden Ausführungen des Südtirolers über die Vorteile seiner Erfindung.

Während die Gruppe den Grip der ultraleichten Fußbekleidung lobt, schlägt Fliri den Bogen vom barfüßigen Neandertaler zur heutigen Anatomie des menschlichen Fußes mit seinen 58 Muskeln, 52 Knochen und 214 Sehnen und Bändern. Er ist im Laufe der Zeit zu einer Art Universalfußgelehrtem geworden. Die Teilnehmer nehmen nickend zur Kenntnis, wie dieser Spaziergang ihr Herz-Kreislauf-System stimuliert; wie er ihr Thrombose-Risiko und Krampfadern verringert; warum er Rückenschmerzen lindert… Und der modische Aspekt? Immerhin firmiert das Innovationszentrum seines Herstellers Vibram in Mailand. Robert Fliri lächelt. „Warum“, fragt er zurück, „glaubst du, habe ich das Angebot eines großen Computerherstellers aus dem Silicon Valley ausgeschlagen?“ Das ist der Punkt, an dem aus der physischen eine philosophische Wanderung wird. Und die, das gibt der freundliche Fußfreund unumwunden zu, ist eine Gratwanderung. Denn auch Robert Fliri, der Naturbursche mit dem VW Bus, muss sich den Gesetzen des Marktes beugen, will er sein Produkt unters Volk bringen. Also lässt er widerwillig in China produzieren; oder sich zu einer Indoor-Version aus Leder überreden. Am Ende dieser Tour sind keine Überredungskünste mehr nötig. Noch bei der abschließenden Brotzeit stecken die meisten Füße in den „FiveFingers“.

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