It‘s a man‘s world

Christian Topel

Fotos: Thomas Sgodda

Mit kühlem Bier, Rockabilly-Ambiente und einem „Wellness-Programm“ für Bartträger hat Florian Otto seinen Friseursalon zum überregionalen Treffpunkt gemacht.

In Tim Burtons Tragikomödie „Edward mit den Scherenhänden“ gibt es Szenen, da stutzt der Titelheld mit seinen messerscharfen Klauen ein paar Büsche. In einer das menschliche Auge überfordernden Geschwindigkeit sausen die nur mehr schemenhaft wahrnehmbaren Klingen durch die Luft. Blattfetzen umwirbeln den Gärtner wie ein Schwarm Bienen den Honigdieb und – schnippschnapp, zappzarapp – schält Edward binnen Sekunden akkurate Kunstwerke aus dem zuvor wild wuchernden Gestrüpp. Den kuriosen Kinohelden und den Kiefersfeldener Friseurmeister Rudolf Otto trennen rein optisch Welten – jener ein melancholischer, in schwarzes Nietenleder gewandeter, von Narben übersähter Jungspund, dieser ein graumelierter, stets schelmisch grinsender Grandseigneur im beigen Kittel – doch im flotten Umgang mit dem Schneidewerkzeug braucht sich der bayerische Barbier nicht vor der Hollywoodfigur zu verstecken!

Nachdem ich in einem der beiden mit fuchsbraunem Leder bezogenen Sessel Platz genommen, einen Umhang umgelegt bekommen, meine Wünsche geäußert und den Kopf dann gemütlich auf die Nackenstütze gebettet habe, schnibbelt der Seniorchef des schmucken Salons los, dass die Stoppel nur so fliegen. „Ich bin seit 60 Jahren an der Schere“, quittiert Rudolf Otto meinen zwischen bewundernd und sorgenvoll changierenden Blick. Soll heißen: Keine Panik Bürscherl, ich weiß, was ich da tue!

1958, als frischgebackener Friseurlehrling im Rosenheimer Salon Dombader, habe er erstmals zu Messer, Schere, Schaum gegriffen, erzählt der 74-jährige. Und zwei-, dreimal die Woche steht er immer noch im eigenen, Anfang der 70er Jahre nach bestandener Meisterprüfung eröffneten Laden. Dabei hat er dessen Geschicke längst an Sohn Florian übergeben und mit dem Nachfolger quasi eine Rolle rückwärts vollzogen! Florian verpasste dem klassischen Friseursalon ein völlig neues – beziehungsweise anno dazumal bereits bewährtes – Konzept: Einerseits optisch, indem er dem Interieur einen Retro- und Rockabilly-Anstrich gab; andererseits inhaltlich, indem er die Bartpflege wieder aus ihrer jahrzehntelangen Versenkung hervorholte. Das notwendige Know-how musste allerdings der Vater dem Sohne vermitteln. Aus den Lehrbüchern hatte sich die Thematik mangels Nachfrage verabschiedet.

Mit dem Einzug von klobigen Kofferschränken, imposanten Ornamentspiegeln, Schwarz-Weiß-Porträts von US-Filmstars der 50er und 60er Jahre sowie vor allem des coolen, immer mit Coke und Bier gefüllten Edelstahlkühlschranks konnte das Duo bald eine ganz neue Klientel begrüßen: die wundersame Welt der Bartträger, vom Hipster bis zum Wurzelsepp. „So unterschiedlich diese Charaktere auch sein mögen“, sagt Florian Otto, „sie eint die Liebe zu ihrem Bart.“ Und gut Bart braucht Pfleg`, erkannte der Pfiffikus frühzeitig, also schon beim ersten Sprießen des Trends um 2011.

Rudolf Otto hat meine Zotteln indessen gebändigt. Keine fünf Minuten benötigte der Altmeister, um den Vollbart wieder in Form zu bringen. Es folgt: die Nassrasur. Schaum anrühren, Hals einseifen, einwirken lassen; währenddessen das Rasiermesser noch einmal am ledernen Streichriemen anschärfen, um schließlich vorsichtig über die Haut zu schaben. „Nie gegen den Strich!“, warnt der Experte, „da reißt die Haut leichter.“ Inzwischen, schätzt Florian, kommt die Hälfte der männlichen Kunden, um sich dieser wellnessartigen Prozedur zu unterziehen. Und sie kommen – spätestens, seit der Salon Otto in einer Umfrage des Magazins Playboy zu einem der besten Barbershops Deutschlands gewählt wurde – nicht mehr nur aus dem Landkreis Rosenheim oder aus dem benachbarten Kufstein. Auch Salzburger oder Münchner Männer nehmen den Weg nach Kiefersfelden auf sich, um ihren Bärten ein regelrechtes Verwöhnprogramm angedeihen zu lassen.

Mit ein bisschen trimmen oder rasieren ist es heutzutage ja nicht mehr getan! Wir Mannsbilder shamponieren unsere Haarpracht, wir kämmen und bürsten, wir massieren duftendes Bartöl ein, der eine oder andere zwirbelt mittels Pomade – ein Pflege-Brimborium, wie es ehemals den Frauen vorbehalten war; und für Florian und Rudolf Otto nicht nur alltägliche Betätigung, sondern auch ein zusätzlicher „Wirtschaftszweig“. Etliche der in Vintage-Vitrinen und in zu Aufbewahrungsbehältern umfunktionierten Köfferchen lagernden Tiegel, Fläschchen und Döschen stehen zum Verkauf. Doch obwohl sich die Kunden mit allen erdenklichen Bartpflegeprodukten eindecken können, kommen sie in der Regel wieder. Und wieder. Allein dieses Ambiente, diese Stimmung! Unter Gleichgesinnten in alten Kinsosesseln lümmeln, während man auf die „Behandlung“ wartet; ein kühles Blondes zischeln, während aus dem alten Radio Rock ‘n‘ Roll-Nummern rumsen– das zieht einfach. Rudolf Otto patscht mir zum Abschluss zärtlich ein wenig Aftershave auf die babypopoeske Haut. Ein fantastisches Frischegefühl macht sich breit. Einen Bart zu tragen, habe nichts damit zu tun, einem Trend zu folgen. „Das ist eine Lebenseinstellung!“, hat Florian Otto betont. Als ich mich verabschiedet habe und fröhlich pfeifend zum Auto spaziere – „See you later alligator“, quasi als Wiedersehensversprechen – kann ich ihm nur voll und ganz zustimmen.

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