In der Höhle des Löwen

Christian Topel

Fotos: ar-photografie und markuspictures, Timo Karnatz: odin-photo.de

Auf der Plattform blackbeards finden echte Kerle Bartstilberatung und eine fast ungehörige Menge erlesener Rasur- und Bartpflegeprodukte.

Nun steh ich hier, ich Zotteltier, und starre auf ein Blatt Papier. Nun ja, in Wirklichkeit starre ich den Bildschirm an – verzweifelt auf den Musenkusses wartend. Außerdem sitze ich. Wenn ich aber schon einen der berühmtesten Monologe der Literaturgeschichte bemühe, sollte wenigstens der Reim hinhauen, dachte ich mir. Dabei läge das Original rein inhaltlich gar nicht so daneben: „Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor“, hat unser Dichterfürst Goethe seinen Dr. Faust sagen lassen, nachdem diesem auch nach diversen Studien kein Licht aufgehen wollte. 

„Lasse er sich keine grauen Haare wachsen“, hätte mir der wortgewandte Johann Wolfgang wohl entgegnet, hätte ich ihm von meiner Aufgabe erzählt. Und, zugegeben, er hätte ja so Recht gehabt. Worin liegt denn bitteschön die Schwierigkeit, ein paar Worte über ein Phänomen zu verlieren, das uns seit Monaten allenthalben über den Weg läuft? Über den Weg getragen wird, um genau zu sein. Herrgott nochmal, ich trage ja selbst einen spazieren – einen Bart. Doch dürfte genau darin das Problem liegen. Mir fehlt der Abstand. Zudem, seien wir ehrlich, sezieren sich die wenigsten gern öffentlich selbst. Eins ist zumindest verbrieft: zu den sogenannten Hipstern gehöre ich nicht! Schließlich lasse ich die Gesichtsbehaarung schon Jahrzehnte sprießen, mal mehr, mal weniger lang. Ohne die Wolle, finde ich, wirkt mein Kinn so kindlich, im Vergleich zu der viel zu voluminösen Unterlippe. Oh – da haben wir´s ja doch schon: Ein häufiger Grund, sich der Rasur zu verweigern, lautet: Eitelkeit. Über die Hälfte der Deutschen, hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov erfragt, findet Männer mit Gesichtsbehaarung attraktiv. Drei von fünf Frauen mögen Männer mit gepflegtem Bart. Kein Wunder also, dieser um sich wachsende Anblick. 

Auch Michael (Mike) Seebauers Gesicht ziert ein wahres Prachtexemplar, ein zwölf Zentimeter langer Vollbart. Der seit 2011 in Rosenheim lebende gebürtige Oberpfälzer schreibt der männlichen Zierbehaarung eine geradezu geschlechtskonstituierende Eigenschaft als „characteristicum masculinum“ zu: „Richtige Männer erkennt man am Bart“, sagt Seebauer. Oder: „Ein Mann ohne Bart ist wie ein Löwe. Nur ohne Mähne.“ Klar, das meint er augenzwinkernd. Doch hat er eine so gewaltige Liebe zu den unterschiedlichen Spielarten des Gesichtsgewächses entwickelt, dass er seinen Lebensunterhalt damit verdient: Mike Seebauer rief „blackbeards.de“ ins Leben, eine Mixtur aus Online-Shop und Ratgeber rund um Bärte und Bartpflege. 

Schuld an dem Projekt soll Mikes Vater sein. So zumindest lautet die Legende. Papa Seebauer soll sich 2009 aus heiterem Himmel seines prächtigen, grau melierten Schnurrbarts entledigt haben. Für den Sohn ein Schock. Rein optisch war der Mann plötzlich ein Fremder. Vorbei die geradezu kontemplativen Minuten, in denen der Sprössling seinem Erzeuger dabei zusehen durfte, wie dieser liebevoll, mit größter Vorsicht und unter Zuhilfenahme einer kleinen Schere das Oberlippen-Beet ­stutzte. Doch alles Bitten und Betteln half nichts. Seebauer senior gedachte, fortan kahl zu bleiben! 

Damit hätte sich Seebauer junior abfinden können – stattdessen entwickelte er einen Plan. Und das Motto jenes Plans lautete: back to the beard! Mike setzte sich hin, trug so viele Informationen über Bärte zusammen, wie er nur kriegen konnte und packte alles auf eine Website. Obwohl sich diese Website ursprünglich nur an einen Mann richtete, sind viele der anfänglichen Texte noch heute dort zu lesen. Und die Lektüre entpuppt sich für Mann und Frau, für Bärtige wie Bartlose als genauso erhellend wie unterhaltsam. Allein das
„Lexikon“ der Bartstile verblüfft – wer weiß denn schon, dass locker 30 verschiedene „Frisuren“ existieren, vom „Anchor“ über „Henriquatre“ bis hin zum Ziegenbart? Minutiös beschrieb Mike die Vor- und Nachteile jedes Bartes zunächst im Bezug auf die väterliche Gesichtsform, trug Tipps zusammen, wie jeder einzelne Bartstil optimal in Schuss zu halten wäre und hoffte, seinen Vater damit zu überzeugen, die Rasierklingen wieder ad acta zu legen. „Ich wollte die Vorzüge eines Bartes beschreiben, die schier unendlichen Möglichkeiten unterschiedlicher Bartstile für ihn illustrieren und den Wunsch in ihm wecken, wieder einen Bart zu tragen“, erinnert sich der 32-Jährige.

Die Story hat mir Mike Seebauer in seiner blackbeards-Zentrale im Herzen Rosenheims erzählt, eine zum Büro umfunktionierte, ehemalige Altbauwohnung mit knarzenden Holzböden und in der Mache befindlichem Showroom. Hingucker: aus einem Flugzeug aus- und in den blackbeard-Style umgebautes Mobiliar. Nun hätte ich mir die Mühe machen und recherchieren können, ob sich das alles wirklich so zugetragen hat oder bloß eine clevere Marketing-Masche darstellt; eine urbane Legende, die für Sympathie sorgen und dadurch den Verkauf der Rasur-, ­Bartpflege- oder Körperpflege-Utensilien ankurbeln soll. Denn davon gibt es inzwischen Unmengen zu ­erstehen auf der vom ursprüngichen Ziel etwas abgerückten Website. Ehrlich gesagt ist mir der Wahrheitsgehalt jener Anekdote aber herzlich egal. Dieser bärtige Bär blickt einen aus ehrlichen, stahlblauen Augen an und steht jedem Kerl aufopferungsvoll zur Seite, der Fragen zum oder Probleme mit seinem Bart hat. Die Leidenschaft ist echt – und darauf kommt es an! „Mein Bart ist eine Lebenseinstellung“, sagt Mike, der Bart trägt, seit ihm Haare wachsen. Den Flaum am Kinn hat er geflochten, dann trug er immer mal wieder einen Chin Strap oder einen Henriquatre und seit 2011 Vollbart. 

Unter uns Löwen, frage ich den Experten also, welche Werkzeuge sollte ich mir anschaffen für einen ordentlich gepflegten Bart? Mike holt tief Luft, bevor er mich aufklärt: „Ein gutes Bartöl macht den Bart geschmeidig, versorgt ihn mit Feuchtigkeit und Nährstoffen und verleiht ihm seidigen Glanz sowie einen anregenden Duft.“ Außerdem sollte Mann sich eine Bartbürste gönnen, um das Gestrüpp von kleinen Wirrungen zu befreien und das Bartöl gleichmäßig auf jedes Haar zu verteilen. So viel zur notwendigen Grundausstattung. Darüberhinaus könne man sich natürlich auch Bartpomade, Bartwichse oder Bartshampoo anschaffen. Ich erkenne: Es gibt kaum Pflegeprodukte, vor die man nicht das Wort „Bart“ setzen könnte. Andererseits habe ich nicht ewig Zeit, frühmorgens im Bad. Wie lang fummelt Mike denn täglich herum an seinem Prachtstück, will ich wissen – und bin erleichtert: Maximal fünf Minuten, wenn er den Oberlippenbart nicht zwirbelt. Und allgemein? Welcher Bartstil ist grundsätzlich der pflegeleichteste, welcher am kompliziertesten zu handhaben? 

Wer´s einfach mag, belässt es bei einem Drei-Tage-Bart, meint Mike. Hier müssten lediglich ab und zu die Konturen rasiert werden, auch benötige man nicht so viel Bartöl. Die Königsdisziplin sei die Pflege eines mächtigen „Hollywoodian“, laut Mike quasi der Adelige unter den Vollbärten. Er bedürfe täglicher Aufmerksamkeit, Pflege mit Bartöl und Pomade, zudem gelte es die Konturen an den Wangen stets akkurat und gerade zu rasieren sowie einzelne Haare mittels einer Schere zu stutzen, damit sie nicht abstehen. Puh, je länger ich diesem Guru zuhöre, desto mehr komme ich mir wie ein schändlicher Bartpflege-Dilettant vor, mit meinem profanen Einshampoonieren. Nun, ich gelobe Besserung! Zumal sich auf blackbeards.de tolle Tutorials finden, die den adäquaten Umgang mit dem persönlichen Bart oder sogar die Herstellung eigener Bart-öle bildgewaltig erklären. Vorher bin ich aber doch neugierig. Gehen wir davon aus, blackbeards wurde damals wirklich auf das väterliche Bart-Revival hingetrimmt – gab es ein Happy End? Mike strahlt. „Mein Vater trägt heute einen Drei-Tage-Bart“, sagt er, sichtlich froh. Ende gut, alles gut, beim Barte des Propheten!
 

www.blackbeards.de

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