In 80 Portiönchen um die Welt

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob & Nenas

In Rosenheims neuem Genusstempel „Nenas“ gehört Kuddelmuddel quasi zum Konzept. Vom Interieur bis zur Karte stehen Vielfalt, Experimentierfreude und eine in der Art selten prakizierte Internationalität auf dem Programm.  

Böfflamott mit Wurzelgemüse und Serviettenknödel; Tantanmen Ramen mit Pak Choi, Sesam, Hackfleisch und Ei; Avocado-Apfel-Tatar mit Schnittlauchmousse und Falafel; Zürcher Geschnetzeltes vom Kalb an Pilzen und Rösti; Linguine mit veganer Bolognese; Bayerische Entenleber mit Brioche, Balsamico und Kirschen: Wer jedes dieser Gerichte kosten wollte, musste bislang unterschiedliche Restaurants aufsuchen. In der Regel gliedert sich die Gastro-Landschaft ja nach der Herkunft der angebotenen Speisen. Und so spaziert man zum Italiener, zum Asiaten oder ins bayerische Wirtshaus, um jeweils Landestypisches zu schnabulieren.

„Eine fade G´schicht!“, fand Josef Zeilinger, „obendrein, wenn man als Paar oder gar Gruppe mit unterschiedlichen kulinarischen Vorlieben unterwegs ist.“ Und was dem farbenfroh tätowierten Feinschmecker ebenfalls gegen den Strich ging: Oft bekomme man so große Portionen, dass man allein mit der Hauptspeise zu kämpfen habe, mehrere Gänge bewältige man höchst selten. Nun befindet sich der Mann in der glücklichen Position, selbst als Gastronom zu reüssieren – und so setzte er sich kurzerhand hin und entwickelte ein Konzept, das seinen Kritikpunkten den Gar ausmachen sollte. Das Ergebnis öffnete Mitte dieses Jahres im Zentrum Rosenheims seine Pforten.

Schon das Interieur des „Nenas“ zeigt, wohin der Hase läuft. An einer Wand prangt die Weltkarte, an einer anderen schlagen Drucke einen Bogen von Hong Kong in die Schweiz, die Bar ist mit portugiesisch anmutenden Fliesen besetzt und auf Metropolen des gesamten Globus verweisen scherzhaft die zahlreichen Schildchen an einer Holzstange am Fenster. Wer von draußen, vom Max-Josefs-Platz, hereinspaziert, nimmt also augenscheinlich an internationalen Tischen Platz. Auf die Teller kommen dementsprechend „Tapas“ – jedoch nicht stur im Sinne rein iberischer Spezialitäten, sondern quasi als Größeneinheit. Zeilingers Idee: „Wir servieren Köstlichkeiten aus aller Welt. Und zwar so portioniert, dass man sich an einem Abend durch mehrere Länder kosten kann.“

Die Gäste genießen einfach so viele Runden, wie sie Lust und Appetit haben. Langeweile kommt auch nach mehreren Besuchen nicht auf. Denn einerseits tauchen auf der Tageskarte laufend neue Kreationen auf, andererseits tauscht das findige Küchenteam auch alle paar Wochen große Teile der Hauptkarte aus. Dann läutet das Ne-nas neue Themenwochen ein, in denen bestimmte Zutaten oder Regionen den Ton angeben. Bis Ende November beispielsweise beherrschen während der „Wilden Wochen“ zeitgemäß interpretierte Klassiker aus den Wäldern das Geschehen. Wild, Pilzgerichte und Kräuteraromen bilden den Geschmack des heimischen Herbstes ab.

Im Januar folgt eine Reise nach Russland. Als Hommage an den erst am 6. Januar zelebrierten Heiligen Abend der russisch-orthodoxen Christen bringt Väterchen Frost Blinis, Kaviar und Champagner nach Rosenheim. Im Mai soll dann kulinarisch der Geburtstag Buddhas geehrt werden, mit Köstlichkeiten aus dem fernen Tibet. „Dabei ist uns neben der Qualität aller Zutaten eines besonders wichtig: Authentizität bei der Zubereitung“, betont Josef Zeilinger. „Die Gäste sollen die echten, ursprünglichen Geschmäcker kennenlernen“, sagt der gelernte Hotelfachmann, und verweist zum Beispiel auf die Gyoza – chinesische Teigtaschen, die im näheren Umkreis wohl nirgendwo sonst so originalgetreu aus der Pfanne kommen. Auch nach wie vor eher selten: die große Auswahl veganer Gerichte, die dem Nenas sehr am Herzen liegen.

Mit Herz und Verstand hat der ehemalige Barchef Zeilinger auch die Spirituosen zusammengestellt. Das Nenas will durchaus auch als kleine, lauschige Bar beeindrucken. Darum gibt es keine überbordende Cocktailkarte, sondern konzentriert gewählte Klassiker der gediegenen Drink-Kultur, natürlich topsolide zubereitet.

Dem „Arte Vino“ sei Dank: Nicht zuletzt kann sich das Nenas auf vorzügliche Weine verlassen. Jenes unter Weinliebhabern weithin bekannte, alteingesessene Etablissement hat Josef Zeilimger vor gut zwei Jahren übernommen. Nachdem es ihm zu langweilig geworden war, hunderte Mitarbeiter eines gigantischen amerikanischen Konzerns in München zu verköstigen. „Mir hat die Action des Á-la-carte-Geschäfts gefehlt“, sagt Zeilinger lachend. Davon hat er nun ja genug – und die Gäste von Nenas und Arte Vino sowieso. 

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