Im Wüstenflair dem Winter trotzen

Orientalische Anwendungen stehlen in den Chiemgau Thermen der berühmten Jodsole fast die Show.

Christian Topel

Foto: Chiemgau Thermen

Blubberblasen umsprudeln meinen Körper. Ich lasse den Blick über die Wiesen und Wälder schweifen, die sich bis zum Simssee hin erstrecken. Die Luft riecht nach Schnee. Ich liege im 34 Grad warmen Wasser und zeige den sich dunkel über den Bergen bauschenden Wolken die kalte Schulter. Soll er doch kommen, der Winter! Hier, im Außenwhirlpool der Chiemgau Thermen, jagt mir die kalte Jahreszeit keine Angst ein. Nach dem Stündchen vorhin auf dem Crosstrainer – oben, im „Promoveo“, dem topmodernen Trainings- und Gesundheitszentrum im 1. Stock der Therme – war ich höchstens besorgt, mit Muskelkater nach Hause zu hatschen. Doch das warme Thermalwasser dürfte mich davor bewahren. 

Was mich da bei bestem Panoramablick so wohlig umsprudelt, gilt als stärkste Jod-Thermalsolequelle Europas. Entzündungshemmend, kreislaufanregend, blutdrucksenkend und die Schilddrüse stimulierend sollen solche jodhaltigen Quellen wirken – und Dank Wärme und Auftrieb eben auch den Bewegungsapparat entlasten. Die orientalische Wüstenmassage, die ich mir quasi als Netz und doppelten Boden dazugebucht habe, wird also gar nicht nötig sein. Entgehen werde ich sie mir trotzdem nicht lassen! Bis dahin habe ich allerdings noch Zeit.

In den Sommermonaten wäre ich vermutlich hinübergeschlendert an die Cabana Bar, jene wie aus der Karibik geklaute Cocktailbar, mit Strohdach, Sonnenstühlen und echten Sanddünen. Bei diesen Witterungsverhältnissen wechsle ich bloß das Becken. Schließlich steht mit sechs Innen- und Außenbecken mehr als genug Platz für Wasserwanderungen zur Verfügung. Das etwas milder temperierte Aktivbecken lasse ich links liegen. Sport habe ich im Promoveo bereits genug betrieben. Stattdessen schnappe ich mir zwei Schwimmnudeln, klemme sie mir unter die Achseln und stürze mich in den 125 Meter langen Strömungskanal.

„Rentnerrally“ nennen böse Zungen dieses Dahintreiben. Ich sage: Wenn das ein Vergnügen für Rentner sein soll, dann will ich schleunigst einer werden! Über den Himmel ziehen die Wolken, im warmen Wasser ziehe ich meine Kreise, schwerelos, frei wie ein Vogel – pardon: wie ein Fisch. Dann ruft endlich die Wüste! Im Innenbecken versuchen einige ältere Damen mit den Mädels mitzuhalten, die beim Aqua-Zumba durchs Wasser tänzeln. Ich passiere die Party und begebe mich in den Wellness-Bereich, wo schon meine Scheherazade auf mich wartet, um mich ins „Sabbia Med“ zu geleiten, eine Oase aus Sand und Licht, mitten in Oberbayern. Nach der Beschleunigung beim computergestützten Training und im Strömungskanal, nun also endgültige Entschleunigung.

Das Beduinenbett besteht aus einer schlichten Decke, die Saunameisterin und Masseurin Andrea (wie Scheherazade wirklich heißt) im erwärmten Sand ausgebreitet hat. Darauf darf ich mich legen. Es ist buchstäblich taghell. Ein simulierter Sommertag, der die Serotoninausschüttung und die Bildung von Vitamin D anregen solle, erzählt Andrea. Nachdem ich eine kleine Kuhle fürs Näschen in den Sand gebuddelt habe und bequem liege, setzen Klänge einer Laute ein. Um mich herum wird es Nacht. Andrea knetet sanft meinen Rücken, massiert dabei ätherische Öle ein, die nach Myrte, Nelke, Rose duften. Höchst entspannend, fast einschläfernd, das Ganze.
 
Der Tag bricht anschließend im Zeitraffer an. Nach der Massage wird man allein gelassen im Wüstensand und kann seinen Gedanken nachgehen, während sich der Raum nach und nach erhellt, sich ein gemalter Löwe, ein in der Ecke thronendes Tongefäß aus der Dämmerung schälen. Bei einem Glas Heilwasser beobachte ich später vom Ruheraum aus, wie die ersten Regentropfen auf die üppige Pflanzenwelt der Lounge-Ecke draußen vor dem Fenster tropfen. Dort hinaus jetzt? Ins heimische Sauwetter? Auf keinen Fall! Da verlängere ich doch lieber meinen Aufenthalt im hiesigen Orient: auf ins Rasulbad!
 
Die orientalische Reinigungszeremonie sieht zunächst wie ihr glattes Gegenteil aus. Vor dem Eintritt ins gekachelte Dampfbad erhalte ich ein Tablett voller – nun ja – Batz. Sechs Bällchen unterschiedlicher Farbe, die sich nicht als Schmutz, sondern als Heilschlamm entpuppen. Je nach Farbe und Körnigkeit für Gesicht, Dekolleté, Körper, Arme, Beine sowie Hornhaut. Während sich der Ofen langsam einbollert, trage ich die Bemalung auf. Temperatur und Luftfeuchtigkeit steigen nach und nach an, ein Kräutersäckchen verströmt würzige Düfte. Halleluja rufen meine Schleimhäute. Ich sitze unter einen künstlichen Sternenhimmel, aus dem am Ende der Zeremonie ein warmer Sommerregen plätschert, mit dessen Hilfe ich den Schlamm abwasche. Frisch gepeelt habe ich mich in einen Ganzkörperbabypopo verwandelt. Ein bereitstehendes Körperöl soll die Geschmeidigkeit der Haut etwas länger erhalten. Als schließlich doch der Abschied naht, festigt sich ein Vorsatz: Da diesmal keine Zeit blieb, will ich beim nächsten Besuch die Sauna-Welt erkunden!

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