Im Tal der Tomaten

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Thea Götzinger hat einen roten Daumen. Die Gartenbäuerin hat sich der Aufzucht von Tomaten verschrieben.

Am Fuße des nördlichsten Tausenders der deutschen Alpen liegt der nach dem Teisenberg benannte Ort; und in einem beschaulichen Weiler am Rande Markt Teisendorfs hat sich Thea Götzinger der Zucht wohlschmeckender Nachtschattengewächse verschrieben. Die Gartenbäuerin aus dem Rupertiwinkel im Berchtesgadener Land ist ungekrönte Königin der Tomaten. Die Samen von 100 Sorten hortet sie in ihrer „Schatzkiste“, angetrocknet auf gewöhnlichem Küchenpapier, jedes Blatt fein säuberlich beschriftet. Aufgezogen hat sie in diesem Jahr 45 Sorten.

Auf den ersten Blick stechen die Stauden nicht sonderlich ins Auge, wenn man ums Haus in den gemütlichen Garten spaziert. Da fallen eine märchenhaft umrankte Laube oder ein uraltes, eingewachsenes Rad schon mehr auf.  Dabei warten da teils kuriose Beeren (wie man die Früchte der Tomatenpflanze streng genommen bezeichnet) auf eine Verkostung. Thea Götzinger kann mit einer so im Supermarkt nie gesehenen Farben- und Formenvielfalt aufwarten. Schwarz, orange, violett, rosa, gepunktet oder gestreift leuchten die reifen Früchte. Rund, herzförmig, flach, sogar in „Flaschenform“ hängen sie an der Staude. Ginge sie dieser „Flaschentomate“ nicht stutzend an den Kragen, sagt Götzinger, wüchse sie zu einem Ungetüm von bis zu sechs Metern Höhe heran.

Aber von vorn: Landauf landab lassen sich Bäuerinnen unter den Fittichen des Amts für Landwirtschaft und Forsten zu sogenannten Gartenbäuerinnen ausbilden. Mit dem erworbenen Wissen peppen sie ihre Gärten zu prachtvollen Welten auf, um sie Besuchern zugänglich zu machen und ihr Garten-Wissen in Form von Führungen, Workshops und Vorträgen weiterzugeben. Und so gestaltete auch Thea Götzinger ein wahres Naturparadies aus dem Flecken Erde rund um ihre Nebenerwerbslandwirtschaft. Draußen auf der Weide grasen Ochsen und Kalbinnen, ein Hahn hält seinen Harem lauthals krähend bei Laune, innerhalb des Zauns sprießen herrliche Rosen und Funkien und wachsen köstliches Gemüse und Salat heran – alles rein biologisch bewirtschaftet! Aus Gründüngung, Kompost und Brennnesseljauche sowie Gießwasser aus dem uralten Brunnen bestehen Götzingers Tricks. Ein besonderes Faible hat die Vorsitzende des örtlichen Gartenbauvereins neben Tomaten auch für die genügsamen Hauswurzen entwickelt, eine gerade im Gebirgsland seit Jahrhunderten als Heil-, Zauber- und Zierpflanze beliebte Art. Von Spinnweb-, über Berg- bis zur Dach-Hauswurz hat Götzinger liebevoll auf „Felsen“, in Wannen oder Schüsseln drapiert.

Schädlinge bekämpft die 46-Jährige nicht selbst, sie lässt bekämpfen. Dazu setzt sie voll auf Nützlinge, denen sie in Insektenhotels, Nistkästen oder Igelhäuschen eine Bleibe bietet. Größte Attraktion sind aber sicherlich die Tomaten, die in Reih und Glied an der Hauswand wachsen oder sich im kleinen Gewächshaus entwickeln dürfen. Auf die Tomate kam Götzinger dereinst, um sich ein Alleinstellungsmerkmal anzueignen. Heute ist sie Expertin, Sortensammlerin und Liebhaberin zugleich, und die ganze Familie ist längst infiziert. Mit Wonne verputzen Gatte, Sohn und die beiden Töchter die Salate, Saucen, Chutneys oder Marmeladen aus der ursprünglich aus den Anden stammenden Frucht, wo die Azteken die „Xictomatl“ erstmals kultivierten.

Weltweit soll es heute weit über 2.000 Tomatensorten geben – von den bis zu einem Kilo schweren Fleischtomaten bis zu den eher niedlichen Exemplaren der Kirsch- oder Cocktailtomaten. Wenn Thea Götzinger ausgeizt, also überschüssige Triebe entfernt, nascht sie gerne mal ein paar Johannisbeertomaten, die tatsächlich kaum größer werden als ihre Namensvettern. Worauf es sonst noch zu achten gilt? „Frostfrei, warm und hell sollte der Standort sein“, rät Thea Götzinger. Die Saat zieht sie daher den Winter über zuerst im Wohngebäude auf, wo ein Spalier aus Töpfen die Fensterbretter und Treppenränder ziert, ehe die ganze Bagage dann im Frühjahr ins freie zieht. Jetzt im Spätsommer ist natürlich die beste Zeit, um sich Deutschlands meistverzehrtes Gemüse mal in seiner ganzen Vielfalt zu Gemüte zu führen. Also, ab nach Teisendorf!

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