Im Fadenkreuz der Farben

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Familie Licht webt naturbelassene Teppiche.

100 Jahre auf dem Buckel, aber die Sächsin schießt immer noch „aus allen Rohren“. Erwin Licht hat sie fit gehalten. Sich um sie mit mindestens ebenso liebevoller Sorgfalt gekümmert wie um sich selbst. Hat dort einige Tropfen Öl verabreicht, hier den Transmissionsantrieb von Wasser auf Strom umgestellt. Und so steht der 75jährige Webermeister immer noch nahezu jeden Werktag an dieser Maschine aus der „Großenhainer Webstuhlfabrik“ und „schießt“. Das Relikt aus einer lange untergegangenen Industrie-Epoche würde sich auch im Museum gut machen, tut seinen Dienst aber so tadellos, dass an ein Ausrangieren nicht zu denken ist.

Das gelte übrigens für beide, betont Alfred Licht – für den Webstuhl wie für den rüstigen Weber! Heute führt zwar er, der Sohn, die „Simssee Handweberei Licht“, doch den Firmengründer möchte niemand missen müssen. Und das hat nicht nur nostalgische Gründe, obwohl durchaus ein wenig Stolz mitklingt, wenn der Junior über die beschwerlichen Anfangsjahre des Seniors spricht. 1938 geboren, gehörte Erwin Licht zu jenen fast Hunderttausend Menschen, die aufgrund des sogenannten Molotow-Ribbentrop-Abkommens ab 1940 aus einem Gebiet namens Bukowina (in der heutigen Ukraine) nach Deutschland umgesiedelt wurden. Der Cernowitzer Bub absolvierte in den Kriegs- und Nachkriegswirren gerade mal vier Volksschulklassen und fand als Flüchtling nur schwer eine Lehrstelle. Bis er in einer Bad Endorfer Weberei unterkam, im Laufe der Jahre neben der Lehre per Telekolleg die mittlere Reife nachholte und schießlich als Webermeister in die Welt der Selbständigkeit entlassen wurde.

Mit den Anfängen in einem zugigen Kabuff einer alten Mühle hat der heutige Firmensitz nichts mehr gemeinsam. Verkauften Lichts ihre Erzeugnisse in den 1980er Jahren aus einer Garage heraus, präsentieren sie ihre Woll-, Stoff- und Fleckerlteppiche heute in einem – nomen est omen – lichtdurchfluteten Raum in Stephanskirchen. Büro und Werkstatt liegen gleich dahinter, oben drüber wohnt die Familie. Die Aufgaben sind klar verteilt, die Talente ergänzen sich so harmonisch, wie die farbigen Stoffstreifen in den von Alfred gefertigten Teppichen. Jedes Stück ein Unikat. Individuell nach Kundenwünschen gestaltet.

Größte Schwierigkeit dabei: überhaupt an Stoff zu kommen, wenn Kunden ihn nicht selbst  beibringen. Wer sammelt heute noch alte Klamotten, schneidet sie in Streifen, und rollt sie dann auf, um sich einen Teppich daraus machen zu lassen? Zumal „kunterbunt“ schon lange nicht mehr im Trend liegt! Lichts beziehen deshalb vor allem Möbelbezugsstoffe aus der Gegend um Hof, wo die bayerische Textilindustrie noch heimisch ist. Vorteil: Die Stoffe seien robuster, in Alfreds Worten: „Fast ned zum aufarbeit´n.“

Ehefrau Elke besetzt die Kreativabteilung. Sie bringt die von den Kunden gewünschten Farben, Formen  oder Muster erst zu Papier, ehe es ans Weben geht. Im Studium haben sich die gelernte Textilmustergestalterin und der von Vater Erwin ausgebildete, heutige Innungsobermeister Alfred kennengelernt. Auf die gemeinsame Philospohie einigten sich die drei ohne Diskussion: so verwenden sie nachwachsende Rohstoffe wie Schafwolle, Baumwolle und Jute, Farben natürlichen  Ursprungs und verzichten auch bei der Verarbeitung auf Chemikalien.

Rumms! Das Weben ist ein lautes Handwerk – obwohl dabei im Grunde nur verschiedene Fäden rechtwinklig verkreuzt werden. Die Längsfäden (Kettfäden) werden gleichzeitig angehoben oder gesenkt. Laut wird´s, wenn nun ein in das „Schifferl“ gebetteter, aufgerollter Querfaden in den entstehenden Zwischenraum (das Fach) eingeschossen wird. Das geschieht bei den Webstühlen von Lichts auf Knopfdruck. Der hohle Holzklotz saust durchs Fach und bremst donnernd am anderen  Ende. Jetzt senkt der Weber die vorher angehobenen Fäden und hebt die vorher gesenkten an. Ergebnis: ein rechtwinkelig verkreuztes Gewebe, in diesem Fall der Teppich.

Die Webstühle der Simssee Handweberei findet man in dieser Form nirgends sonst auf der Welt. Abgesehen von der betuchten Sächsin stammen sie aus oberfränkischen Textilfabriken und zählen an die 60 Lenze. Seniorchef Erwin baute sie allesamt zum Transport auseinander, vor Ort wieder zusammen und – damit nicht genug – passte sie mit ausgefuchsten Tüfteleien auf die Bedürfnisse seines Betriebs an. So ersonn er eine einzigartige Konstruktion, bei der die hinter  den Webstühlen an der Wand abrollenden Kettfäden zu verschiedenen Zeitpunkten auslaufen. Garnabfall ist damit Stoff von gestern! Die Teppiche des Familienbetriebs sind demgegenüber beliebtes  Wohnaccessoires der Gegenwart. Bis nach Australien verkaufte Alfred Licht kürzlich ein Exemplar. Der erste fliegende Teppich im Sortiment!

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