Im Donnerhall des Burghauser „Herzogs“

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Ein Handwerk wie ein Erdbeben: Frank Wagenhofer betreibt Europas älteste Hammerschmiede.

Der Lehmboden bebt im Sekundentakt, wenn der Kopf des mächtigen Schwanzhammers auf ein orange glühendes Werkstück kracht. Funken stieben bei jedem Donnerhall. Drüben, in der Esse, züngeln aus dem Kohlehaufen noch die Flammen, in denen Frank Wagenhofer vorhin den Eisenstab auf 900 Grad erhitzte. Anders als ­seine Vorfahren schmiedet der Hüne heute keine Waffen mehr. In seiner historischen Hammerschmiede, wo früher Hellebarden, Lanzen und Schwerter für die Burghausener Ritter gefertigt wurden, formt der hauptberufliche Meister der Elektrotechnik nun Kerzenständer, Leuchten oder Feuerschalen. Kunsthandwerk statt Kriegsarsenal. Weil das Schmiedehandwerk seit jeher gefundenes Fressen für Sprichwörter war, darf man an dieser Stelle ungescholten sagen: Ausnahmen bestätigen die Regel. Seit Wildsäue wieder vermehrt durch heimische Wälder streunen, verlangen Jäger nach den sogenannten „Saufedern“, verrät Wagenhofer. Mithilfe dieser kurzen Spieße halten sich Waidmänner wildgewordene Keiler vom Leib. Und dann sind da die Sonderanfertigungen, vor allem für den „Herzogstadt Burghausen e. V.“, ein Verein, der – zum Beispiel zum beliebten hiesigen Burgfest – das Leben zur Zeit von Herzog Wilhelm IV. möglichst detailgetreu nachstellt. In der Rolle des Herzogs stets ganz vorne dabei: Frank Wagenhofer.

Dass gerade er, der Schmied, den Herzog mimt, lässt sich als subtile Ehrbekundung verstehen. Wie auf einer im Münchener Staatsarchiv aufbewahrten Urkunde zu lesen ist, war es nämlich genau jener Herzog Wilhelm IV., der dem Windenmacher Martin Gumpelsberger am 24. Juli 1516 für ewige Zeiten das Erbrecht auf die Schleifmühle verlieh. Moment – Schleifmühle, Hammerschmiede – was denn nun? Um den Zusammenhang zu erklären, führt Frank Wagenhofer Besucher zur Rückseite des Ensembles. 2004 brachte die Stadt Burghausen im Rahmen der Landesgartenschau die Anlage um die Hammerschmiede nach alten Vorlagen wieder auf Vordermann. Bei der Gelegenheit restaurierten Frank Wagenhofer und seine Frau Gerlinde gleich auch die Gebäude, die sie 1997 vom kinderlos verstorbenen Onkel übernommen hatten. Sechs Generationen befindet sich Europas älteste betriebene Hammerschmiede damit im Besitz der Familie.

Hinter der Schmiede und dem ehemaligen Gesellenhaus liegt der von alten Eschen umstandene Stauweiher. Forellen ziehen darin gemütliche Bahnen. Öffnet der Hausherr die Schleuse, rauscht das Wasser durchs Schleuswerk, um weiter unten den Wöhrbach zu speisen, der im Herzen der Stadt in das Naturbad Wöhrsee mündet. Zuvor setzen die Fluten aber zwei gewaltige Wasserräder in Bewegung. Diese Räder wiederum lassen per Transmission entweder den im nächsten Raum sitzenden, zwei Tonnen schweren Schleifstein rotieren oder setzen das Trommelfeuer der Schwanzhämmer in Gang. Wenn Wagenhofer im schwachen Licht einiger Petroleumlampen ein Stück Eisen bearbeitet, wuchten 13 Tonnen Gegengewicht den 2,5 Tonnen schweren Hammerkopf empor, um ihn wieder und wieder herniederrummsen zu lassen. „Zwei Gebrechen plagten meine Ahnen“, ruft Wagenhofer über das markerschütternde Klingklong hinweg: „Kaputte Ohren und kaputte Augen.“ Gottlob steht er nicht tagtäglich in diesem Lärm, in dieser feuchtkalten Dämmerung. Denn, Feuer hin oder her, sonderlich warm wird es nie in diesem uralten Gemäuer.

Als Waffenfabrik hiesiger Herzöge wird die Hammerschmiede erstmals 1465 erwähnt. Georg der Reiche habe von oben, von der längsten Burg der Welt aus, den Feuerschein der Schmiede sehen können, offenbaren Aufzeichnungen. Während sich die Burgherren gerade zu Kriegszeiten dort unten mit Waffen eindeckten, waren es zu Friedenszeiten Werkzeuge und Arbeitsgeräte, die das Überleben der Bevölkerung sicherten. Ohne Zweifel, die Hammerschmiede war Jahrhunderte eines der wichtigsten Gewerbe Burghausens. Daher fackelten die Wagenhofers nicht lange, als sie nach dem Tod von Onkel Maximilian Strasser vor der Frage standen, ob sie den geschichtsträchtigen Betrieb übernehmen sollten. Frank Wagenhofer hatte ohnehin schon als Bub an der Seite des Großvaters Einblicke ins „Eisenbändigen“ gewonnen. Das Handwerk beherrschte er und der Umgang mit den vier Elementen – Wasser, Erde, Feuer, Luft – faszinierte ihn damals und fasziniert ihn heute mehr denn je. „Schmiede“, sagt er, „hatten schon immer etwas schamanisches an sich.“ Gattin Gerlinde Wagenhofer hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kraft der Elemente, diese Energie des Ortes quasi urbar zu machen. Sie veranstaltet regelmäßige Jahreskreisfeste, lehrt das Räuchern oder den Umgang mit ätherischen Ölen.

 

Ein Ort der Begegnung ist die Hammerschmiede nach wie vor. Das Museum, das im ersten Stock des Hauptgebäudes entstehen soll, braucht zwar noch ein bisschen (freilich erlaubt das Ehepaar bereits einen Blick auf den Transmissions-Bohrer oder einen mannsgroßen Blasebalg), doch Frank Wagenhofer lässt im Rahmen von Führungen schon seit einigen Jahren das späte Mittelalter wiederauferstehen. Firmen, Vereine, Schulklassen oder auf Anfrage auch einzelne Familien können erleben, welch knochenharter Job das „Schmieden“ gewesen sein muss. Spätestens beim Teamschmieden, wenn Teilnehmer rund um den Amboss stehen und eigenhändig auf ein Eisen eindreschen dürfen, wächst der Respekt bei jeder Erschütterung, die sich bis in die tiefsten Muskelfasern fortpflanzt. Wagenhofer lockert seine Lehrstunden auf unnachahmlich amüsante Weise auf, ist Experte und Entertainer zugleich. „Frauen“, sagt er augenzwinkernd, „mögen es glitzernd.“ Dabei bearbeitet er die gewundene Spitze eines zuvor zurecht gebogenen Kerzenständers mittels einer Messingbürste. Der Abrieb brennt sich ins Eisen ein, sodass schließlich ein goldener Schimmer das Stück überzieht. Ein Schmied, schmunzelt der Vater zweier Kinder, galt immer als gute Partie. „Wir können Schmuck herstellen.“

Der Fairness halber vollführt Frank Wagenhofer postwendend einen „Trick“, der Männern gefallen dürfte. Als er sich ein Bockbier einschenkt, ist die Verwunderung zunächst groß. Zumindest unter denjenigen, die nicht so ganz firm sind mit alten, ­bayerisch-bierseligen Bräuchen. Beim „Bierstacheln“ tauchten die Feinschmecker unter den Schmieden einen glühenden Stahlstab für einen Wimpernschlag in den Krug und zogen ihn unter kreisenden Bewegungen wieder heraus. Der kurze Hitzeschock lasse den Restzucker im Bier karamelisieren, das ergebe einen unverwechselbaren bitter-süßen Geschmack, erklärt Frank Wagenhofer. Teils verabschiede sich auch die im Bier enthaltene Kohlensäure. Das setze dem Ganzen eine feincremige, ausdauernde Schaumkrone auf. Sehr süffig, sind sich alle Probanden einig.

Nicht minder zünftig dürfte es bei der auch diesen Sommer wieder stattfindenden „Hammerschmiedenacht“ zugehen. Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Verleihung des Wasserrechts stellen die Wagenhofers am 23. Juli ab 16 Uhr ein besonders vielseitiges Programm auf die Beine. Neben Frank Wagenhofer stellen ­weitere Kunsthandwerker ihre Stücke aus – und natürlich auch vor Ort her. Ein weiterer Schmied wird am Federhammer sitzen, eine Goldschmiedin feine Schmuck-stücke gestalten oder der bekannte Glasbläser Sigi Franz filigrane Skulpturen fertigen. Kinder können am Ufer des Weihers einer Märchenerzählerin lauschen und zwischendurch gibt´s Leckereien und Musik. Alles für lau! Falls Sie also noch keine besseren Pläne geschmiedet haben.

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