Illusionen an der Wand

Fototapeten sind mehr als nur Hingucker. Sie prägen entscheidend die Stimmung in Wohn- oder Geschäftsräumen.

Christian Topel

Fototapeten sind mehr als nur Hingucker. Sie prägen entscheidend die Stimmung in Wohn- oder Geschäftsräumen.

„Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Prophet kommen.“ Eine alte Redewendung, die sogar als Geschäftsidee taugt. Der Rosenheimer Unternehmer Gerhard Komar jedenfalls machte es zu seinem Erfolgsrezept, den Propheten quasi die Berge zu bringen. Zugegeben, in der ersten Blütezeit der heutigen Komar Products KG waren es vor allem Palmenstrände, die den Menschen nach Hause geliefert wurden; und jene Paradiese bestanden lediglich aus Papier; doch das Prinzip bleibt das gleiche: Wer nicht in die Ferne schweifen kann, sollte das Gute zumindest an der heimischen Wand genießen dürfen – in Form von Fototapeten, für die das Unternehmen  heute auf der ganzen Welt bekannt ist. 1972 brachte Komar die ersten in Umlauf – ein Meilenstein in der bis dahin noch jungen Firmengeschichte.

Zu dem Zeitpunkt hatte es Gerhard Komar zwar schon zu Ruhm und Ehren gebracht, seine Produkte bestanden auch schon aus Papier, doch klebten sie nicht an der Wand. Mit seiner Werbeagentur und dem Verlag publizierte der Rosenheimer seit 1967 Biographien über die damaligen Stars des FC Bayern, darunter Franz Beckenbauer oder Sepp Maier. Zudem vertrieb er Kataloge und Schreibutensilien wie den weltberühmten Notizzettel-Würfel. Warum also das Umsatteln aufs große Pferd? Der Zufall und der gute Riecher des Inhabers spielten zusammen. Ein Kunde hatte das außergewöhnliche Format bestellt, ging aber kurz darauf pleite. Gerhard Komar suchte sich kurzerhand einen eigenen Vertriebsweg, bestückte den Katalogversand- und den Einzelhandel und stieß offensichtlich in eine Marktlücke. Erstes Motiv, damals noch in Schwarz-Weiß: die Silhouette eines Waldes. Mit dem Farbdruck überschwemmte dann die Karibik deutsche Wohnzimmer.  

Freilich ist das Portfolio in fast fünf Jahrzehnten Firmengeschichte immens gewachsen. Neben den klassischen Fototapeten zählen heute auch Vliestapeten, Gallery XXL Poster, riesige Deco-Sticker und Window-Sticker zur weit über 300 Motive umfassenden Kollektion. Keine Frage, Komar hat nach wie vor die unverwüstliche Südsee-Romantik im Programm, auch Ansichten von New York oder Paris gehörten von Beginn an zu den Dauerbrennern. Welchen weitverzweigten Weg die Wandgestaltung darüberhinaus genommen hat, offenbart sich bei einem Rundgang durch den 2011 aus Platzgründen nach Kolbermoor verlegten Firmensitz. Ehrensache, dass der Weltmarktführer an den eigenen vier Wänden zeigt, was er kann. Und so tobt sich eine Marvel-Comiclegende wie der unglaubliche Hulk  an der einen Wand aus, während von der anderen die Disney-Meerjungfrau Arielle lächelt; an einer weiteren Wand möchte man am liebsten schnuppern, so einladend leuchtet eine riesige Blüte. Gegenüber scheinen pastellfarbene Holzlatten angebracht zu sein – „Vintage-Look“ tragen nicht nur Möbel oder Klamotten! Vom Büro der heutigen Geschäftsführerin und Gründertochter Sabine Komar-Häusler aus überblickt man schließlich die Skyline Manhattans.

Nach dem schmerzhaften Abschied vom Gründervater im Jahr 2007 wurde Komar zu einer Art herzlichen, dabei nicht minder erfolgeichen „Matriarchat“, das über 60 Mitarbeiter beschäftigt. Auch Sabine Komar-Häusler, die seit 2006 im Chefsessel sitzt, betont die emotionale Kraft von Fototapeten: „Es handelt sich um eine Illusion, eine Sehnsucht oder einen Traum, den man sich ins Zimmer holt.“ Übrigens längst nicht mehr nur in deutsche Zimmer. 80 Prozent seines Umsatzes macht Komar im Ausland, vorneweg in den arabischen Ländern. Bei den Exportschlagern zeigt sich die Tragweite von Sabine Komar-Häuslers Aussage. In Dubai zum Beispiel zieren eher Wasserfälle oder sattgrüne Wälder die Wände...  

Genau das macht die Stärke der Komarschen Wandbekleidung aus: nichts erzeugt so einfach und gleichzeitig so stark eine bestimmte Raumstimmung – obwohl man in der Regel nur eine einzelne Wand beklebt. Eine Skyline an solch einer „Feature-Wall“ vermag eine gewöhnliche Wohnung in ein Penthouse zu verwandeln; die Abbildung roher Betonblöcke verzaubert eine Studentenbude in ein lässiges Loft; Ornamente oder Muster entführen in fantastische Welten. Größengrenzen kennt Komar nicht. „Wir haben schon Schwimmbäder bestückt“, erzählt Sabine Komar-Häusler. Wenn es mal mehr sein soll, als die herkömmlichen acht quadratischen Teile fabrizieren die Kolbermoorer Maßarbeit: das gesamte Sortiment kann auf beliebig viele Vliesträger gedruckt werden! Auch privat setzt Familie Komar auf die eigene Produktvielfalt: Birkenrinde, Holzpanele, Backstein, eine wolkige Himmelsstimmung und knallrote Rosen verschönern das Zuhause – zumindest für den Moment. Denn so eine Wand ist ja in Windeseile beklebt, betont Marina Häusler, Enkelin des Firmengründers und damit bereits die dritte Generation „am Tapeziertisch“. An neuen Ideen und Motiven mangelt es nie, dafür sorgen eine emsige Kreativabteilung und weltweit nach atemberaubenden Flecken Ausschau haltende Fotografen. Da dürfen sich fade Wände auch in Zukunft noch auf Einiges gefasst machen!

www.komar.de

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