100 Jahre Design und Werbung

Christian Topel

Anprobe schicker Schuhmodelle, die sogenannte „Anzeichnung“, 1972
Foto: Gabor Shoes AG

Mit der Ausstellung „Made in Rosenheim“ begleitet die Städtische Galerie ein Jahrhundert des regionalen Produktdesigns und der Werbegrafik – darunter eine überraschend große Anzahl ikonischer Werke.

Wir leben in kuriosen Zeiten. Nie war es so leicht, Dinge aus aller Welt zu konsumieren. Wir müssen dazu nicht einmal die Couch verlassen. Zwei, drei Klicks auf dem Smartphone und die neuen Apple AirPods kommen aus Übersee angeschippert. Herrlich bequem – und furchtbar verschwenderisch! Darum stehen die Zeichen der Zeit gleichzeitig auf Konsumkritik. Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz rücken immer stärker ins Bewusstsein von Verbrauchern.

Die Städtische Galerie Rosenheim widmet ihre aktuelle Ausstellung einer weiteren, um nicht zu sagen der anderen Seite des Konsums: nämlich jenen Menschen, die alles das, was wir kaufen, zuerst erdenken, entwickeln, gestalten, fertigen – kurzum designen. Dabei zeigt sich, dass diese Designer oft in den Hintergrund treten, in den Schatten gestellt vom Ruhm ihrer Erfindungen. Infolgedessen geht es in erster Linie um außergewöhnliche Produkte; um Gegenstände, die Geschichte geschrieben haben; die sich aufgrund ihrer herausragenden Ästhetik, Funktionalität oder Emotionalität ins kulturelle Gedächtnis gebrannt haben; denen das Label des „zeitlosen Designs“ anheftet. Konsequenterweise beleuchtet die Schau daneben auch wichtige Verbündete dieser Produkte und ihrer Designer. Denn etwas kann noch so genial gebaut sein, wenn niemand davon erfährt, wird’s ein Ladenhüter. An Mann und Frau bringen erst die Werber das gute Zeug. Und vor allem unter den Werbegrafikern finden sich oft kongeniale Köpfe, deren Plakate uns auf vielfältige Weise von der „Notwendigkeit“ der angepriesenen Produkte überzeugen.

 

Ernest IGL Hofmann, mit Korpus des  IGL-Top-Schreibtisches
Foto: Irmel Hofmann

Ihren besonderen Reiz enwickelt „Made in Rosenheim“, weil die Ausstellung sich gerade nicht auf die gemeinhin bekannten Design-Ikonen wie das eingangs erwähnte Apple stürzt, sondern sich auf die in der Öffentlichkeit vielleicht unterschätzte Strahlkraft heimischen Produktdesigns und regionaler Werbegrafik verlässt. In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Städtischen Museum stellt  die außergewöhnliche Ausstellung also in Rosenheim entworfene und produzierte Gebrauchsgegenstände  in den Mittelpunkt. „Der Mut und Erfindergeist vieler Rosenheimer Tüftler, Firmeninhaber und Handwerker war und ist bemerkenswert. In unserer Ausstellung sind die Objekte dieser Rosenheimer Fachleute die Stars“, so Galerieleiterin Monika Hauser-Mair. 

Faltboot Klepper Aerius, um 1950, Klepper Museum
Foto: Martin Weiand

Umrahmt und begleitet werden die Objekte durch eine breite Vielfalt „banaler Kunst“ von Ladenschildern, Plakaten und Reklamen, die die Alltagskultur wesentlich geprägt haben. Besucher erwartet ein zeitlich gegliederter Rundgang durch die Zeit von 1900 bis in die 1990er Jahre – konzipiert von Stadtheimatpfleger Karl Mair und unter kuratorischer Mitarbeit von Elisabeth Rechenauer und Lydia Zellner. Wer sich auf diese ästhetische, gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtliche Reise wagt, wird die eine oder andere Überraschung erleben. Unter der facettenreichen Auswahl bedeutsamer Alltagsgegenstände, Werbeschilder und Druckerzeugnisse von manchmal vergessenen, manchmal bis heute erfolgreichen Rosenheimer Firmen oder Designern befinden sich einige, die mitunter weltweit, oft zumindest deutschlandweit für Furore sorgten.

IGL-Chef-Front, Schreibtisch, um 1970
Foto: Martin Weiand

Ein Schreibtisch aus Rosenheim zum Beispiel ging um die Welt – und Jahrzehnte nach seiner Erstauflage buchstäblich bis nach Hollywood. Entworfen hatte ihn 1970 ein gewisser Ernest IGL (mit bürgerlichem Namen Ernest Hofmann). Nach dem Besuch der Hochschule für bildende Kunst in Prag und der Akademie der Angewandten Kunst in München, arbeitete IGL zunächst als Zeichner und Grafiker in der Landeshauptstadt. Bald konnte er sich als international gefragter Industrie-Designer durchsetzen. In dieser Funktion entwarf er für das Rosenheimer Möbelhaus Werndl den revolutionären Schreibtisch „Igl Jet“. Statt aus Holz und/oder Stahl, statt eckig und wuchtig, schuf er eine ganz neue Material- und Formensprache. Mit seinen abgerundeten Ecken und der geschmeidigen Leichtigkeit des Polyurethan-Duromer-Kunststoffs entstand ein Arbeitsmöbel im Space-Age-Look, eine bis heute bei Sammlern begehrte Ikone – und kürzlich Kulisse im Hollywood-Blockbuster „Men in Black³“.

Fritz Fend im Fend Flitzer, 1949
Foto: aus dem Stadtarchiv Rosenheim

Ältere Herrschaften werden sich an das auf dem Ausstellungsplakat abgebildete Fahrzeug erinnern. Im Volksmund „Fend-Flitzer“ genannt, handelt es sich um den kurz nach dem zweiten Weltkrieg von dem Rosenheimer Flugzeugbau-Ingenieur Fritz Fend auf den Markt gebrachten Einsitzer, der bei einem Verbrauch von nur 2,5 Litern rund vier PS auf die Straßen brachte und immerhin eine Höchstgeschwindigkeit von 65 Stundenkilometer erreichte. Laut Stadtarchiv habe der in Testfahrten am Tatzelwurm und am Großglockner gestete Flitzer 1.285 Mark gekostet und in Rosenheim zwischen 1949 und 1951 immerhin 250 Käufer gefunden.

Fahrzeugweihe der  Bus-Flotte von Frucade, 1963
Foto: DRINKSTAR GmbH

Insgesamt garantiert die Ausstellung eine emotionale Zeitreise, die sich am Auftritt vieler bekannter Marken entlanghangelt. Auf dem Klepper-Faltboot fuhren schon die Großeltern über den Chiemsee; die Frucade erfrischte schon vor Jahrzehnten durstige Kehlen auf so manchem Kindergeburtstag; mit Kathreins geschwungener Zimmerantenne beruhigten sich die Fernsehbilder; und auf den Plateauschuhen von Gabor machten Stars und Sternchen eine gute Figur. Neben bekannten Marken wie Klepper, Kathrein, Gabor, Frucade und Prijon wird der Besucher auch viele Anekdoten der Rosenheimer Designgeschichte erfahren: So etwa, dass der schwedische König Carl XVI. Gustaf seine Silvia in einem aus Rosenheim kommenden Dirndl bei der Olympiade in München kennenlernte oder die Beatles in ihrem Film „Help!“ auf dem „Schobob“ des Rosenheimer Kunstschlossers Hans Schober die Alpen hinabsausen. Diese und weitere Produkte und Geschichten präsentiert und erzählt die Ausstellung „Made in Rosenheim“. Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet die Ausstellung ab.

Werbeplakat der Firma Klepper für Regenbekleidung, Brynwolf Wennerberg
Quelle: Stadtarchiv Rosenheim

 www.galerie.rosenheim.de

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