Ich schwebe, also bin ich

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Die nahezu vollkommene Abwesenheit äußerer Reize macht seinen Reiz aus: Das „Floating“ versetzt in einen Zustand der endgültigen Entspannung.

Irgendwann lässt du los. Zuerst schlägst du die Augen noch testweise auf, versuchst das Schwarz zu  durchdringen. Doch deine Blicke finden keinen Fixpunkt, nirgends. Also schließt du die Lider. Was du nun noch zu sehen glaubst, entspringt deinen friedvoll verebbenden Gedanken. Der Stress im Kopf erlischt wie die Flamme einer Kerze. Flüchtigen Blitzen gleich huschen letzte Erinnerungen an die Welt da draußen über die Netzhaut. Dann umhüllt dich totale Dunkelheit. Ein Firmament ohne Gestirne, der Kosmos vor dem Urknall, du inmitten deines ureigenen Universums.

Nach und nach vergisst du, dass du Arme und Beine nur leicht senken müsstest, um den Boden zu berühren. Du lauschst auch nicht mehr krampfhaft nach anderen Geräuschen, sondern hältst dich am einzig hörbaren fest: an deinem Herzschlag. Sein gleichmäßiges Pochen bildet den Soundtrack der Stille. Dieser gedämpfte Klang ist dein einziger Begleiter. Wenn er dich schließlich sanft hinüber wiegt in den Schlaf, bist du angekommen: Ohne Gefühl für Raum oder Zeit schwebst du wie schwerelos im Nichts. Es existiert keine Last mehr, weder für Körper, noch für Geist...

Was klingt wie ein esoterischer Lobgesang aufs Nirwana, ist eine durch und durch reale Erfahrung. Der eigene Leib kann sie zum Beispiel im „Optymed Medical & Beauty SPA“ in Kolbermoor machen. Hier steht eines der in hiesigen Gefilden nach wie vor seltenen „Floatarien“. Was im Grunde nicht viel mehr darstellt als einen runden Tank von etwa 2,5 Metern Durchmesser. Sein Inhalt allerdings macht ihn zum unschlagbaren Ort der Extrem-Entspannung.

Ein Floatarium wird mit einer Sole aus hochkonzentriertem Salzwasser (Magnesiumsulfat) befüllt, das genau Körpertemperatur trägt. „Darin schwebt der Mensch wie man es vom toten Meer her kennt“, erklärt Andrea Schmidt, die Gäste hier in Kolbermoor in die Kunst des Loslassens einführt. Die zweite wichtige Zutat: der Deckel. Im Inneren solch eines Tanks nämlich muss es völlig dunkel und still sein, damit äußere Sinnesreize Nervensystem und Gehirn nicht mehr stören.

Diese Reizreduktion ermögliche neben der körperlichen auch eine mentale Entspannung. Der Deutsche  Floatingverband hat unzählige wissenschaftliche Belege für die wohltuende Wirkung des Floatens gegen allerlei Zivilisationskrankheiten gesammelt. Demnach führe das stille Schweben im Starksolebad zu medizinisch nachweisbaren Effekten in den Bereichen der Orthopädie, Sportmedizin, Rehabilitation, Schmerzmedizin, Dermatologie und Stressreduktion. Es sei für jede Altersstufe  geeignet, betont Andrea Schmidt. Wer Angst vor allzu viel Dunkelheit habe, dem stelle sie eine Kerze ans Becken. Bei Kindern blieben die Eltern im Raum.

Warum wir jener Wunderkammer dennoch leicht skeptisch gegenübertreten, mag an ihrer Vereinnahmung durch die New-Age-Bewegung liegen. Zwar war es mit John C. Lilly ein renommierter  Wissenschaftler, der das Prinzip des Floatings Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte. Doch was im Auftrag der US-Regierung für das „National Institute for Mental Health“ seinen Anfang nahm, mündete eine Zeit lang ins Baden zum Zweck der Bewusstseinserweiterung. Nach einem Sanskrit- Begriff tauften Esoteriker das Floating-Becken gar auf den Namen „Samadhi-Tank“.

Dieses halbseiden-fernöstliche Image konnten Floatarien dank zahlreicher Studien wieder ablegen. Gottlob, so wagen heute auch die bodenständigsten Burn-Out-Kandidaten den Drift auf der „Thetawelle“. Im Theta-Bereich schwingen Hirnwellen sonst nur kurz vor der Tiefschlafphase. Künstlich herbeiführen lässt sich dieser Zustand tiefster Entspannung abseits des Solebeckens  nur mittels Meditation, bei autogenem Training oder während des sogenannten „Runner‘s High“, dem Rausch des Langstreckenläufers. Doch warum stundenlang meditieren, warum mühsam Kurse besuchen, warum stundenlang laufen, wenn´s auch auf dem Rücken liegend funktioniert?

Der Weg zur neuen Leichtigkeit des Seins führt zuerst in die Umkleidekabine. Bademantel, Handtücher und SPA-Schlappen liegen bereit. Andrea Schmidt führt Besucher daraufhin in die Floatingsuite und erklärt den Ablauf: Dass man zuerst duschen möge, um die Haut von Pfl egeprodukten und Hautpartikeln zu reinigen. Die wertvollen Mineralien und Spurenelemente im Floatingbecken könnten  so besser in den Körper aufgenommen werden. Währenddessen fülle sich das Floatarium mit der frisch  aufbereiteten Magnesiumsalz-Sole. Schließlich steigst du ins Becken. Nackt. Geruhsam kreist die Flüssigkeit, und dein Körper kreist mit, wie ein Korken auf dem Wasser. Dann versiegt das Licht. Du schließt die Augen. Hörst dein Herz ruhig schlagen. Und irgendwann lässt du los.

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