„Ich glaub‘, mein Tintenfisch kleckert!“

Verena Kögel

Fotos: Thomas Sgodda

Mit stimmlichem Wumms und außergewöhnlichem Repertoire  singt sich ein Münchener Kneipenchor in die Herzen nicht nur von Filmfans. 

Montagabend, 19 Uhr. In der Münchener Kultur- und Sechzigerbar „Riffraff“ kommt ein munteres Völkchen zusammen, rückt Stühle zurecht und versorgt sich mit Bier und Notenblättern. Ehe die Truppe losschmettert, drehen einige noch an der Deckenbeleuchtung herum, um in der schwummrig- schönen Kneipe überhaupt eine Chance zu haben, die Noten zu entziffern. Dann hängt sich Chorleiter Dominik Schauer die Gitarre um und beginnt, ein paar auflockernde Stimmübungen anzuleiten. Einige „Mi-Mi-Mi-s“ und Tonleitern später geht die Probe richtig los: Durch Giesings Gassen tönt der Gesang des stimmgewaltigen „Bud Spenzer Heart Chor“ (Spenzer übrigens absichtlich mit „z“).

Seit zwei Jahren gibt es dieses Projekt, dessen Existenz ein, zwei glücklichen Fügungen zu verdanken ist. Damals, erinnert sich Domi, hegten ein paar Freunde und er den Wunsch, ab und an gemeinsam zu singen. Zufällig stand zu dem Zeitpunkt ein Raum in der ehemaligen Giesinger Stadtbibliothek zur Zwischennutzung zur Verfügung, der perfekte Proberaum. „Sonst wäre unsere Idee vielleicht wieder im Sande versiegt“, vermutet der Musiklehrer. Als er kurz darauf von Freunden mit dem Nachnamen „Hill“ gebeten wurde, bei der Taufe des Söhnchens „Terence“ Lieder aus den legendären Bud Spencer Filmen darzubieten, fügten sich die Puzzle-Teile zusammen. Die Idee zu einem Chor war geboren, der sich ausnahmslos durch die Soundtracks von Bud-Spencer-Filmen singt. „Bei unserer ersten Probe waren wir zwanzig Leute, eine Woche später dreißig“, erzählt Schauer. Ein paar Monate voller wohlwollender Medienresonanz und begeisterter Mundpropaganda später musste der Chorleiter einen Aufnahmestopp aussprechen. Mehr als 60 sangesfreudige Männer und Frauen würden die Mauern des neuen Proberaumes im Riffraff zum Platzen bringen.

Was sind das für Menschen, die sich einem so kuriosen Chor verschreiben? Auf der Bühne steht eine kunterbunte Truppe von Hobby-Sängern, die vor allem Spaß und Leidenschaft verbindet. Das Schöne an seinem Chor, sagt Schauer, seien die unterschiedlichen Charaktere.

„Bei uns singt die Apothekerin neben der Drehbuch-Autorin mit einem Schafzüchter. Was uns verbindet, ist diese unglaubliche Freude am gemeinsamen Singen.“ Die Songs aus den bekannten Hau-drauf-Filmen seien obendrein so genresübergreifend, dass sich der Heavy-Metal-Fan genauso wiederfindet wie Freunde harmloser Popmusik. Dem Charme des legendären „Lalalalala“ aus dem Streifen „Zwei wie Pech und Schwefel“ könne sich ohnehin niemand entziehen, sagt Schauer schmunzelnd. „Da legen auch die härtesten Kerle mit Vollbart und Karohemd ihre ganze Inbrunst hinein.“

Mit seinem Namenspatron trägt der Chor quasi eine frohe Bühnenbotschaft in die Welt: „Bud Spencer war ein moralischer Kompass“, findet Schauer. „Ein dicker Bär mit dem Herz am rechten Fleck, dessen Rollen sich immer für die Schwächeren einsetzten und gute Menschen waren. Genauso ticken wir und so ticken auch unsere Fans!“ Folgerichtig hat Domi Schauer aus dem Chor einen gemeinnützigen Verein gemacht, den Bud Spenzer Heart Chor e. V., der mit seinen Auftritten der Gesellschaft etwas zurückgeben will. „Wenn wir auftreten, glüht die Luft. Nach unseren Gigs blicken wir in zufriedene, fröhliche Gesichter.“ Mittlerweile hat der Chor mehr als 30 Songs aus den Spencer- Hill-Filmen im Repertoire – darunter natürlich die allseits bekannten Hits wie „Banana Joe“, „Flying Through The Air“ und „Bulldozer“. Laut Schauer gibt es noch endlos viele weitere Songs und er brennt darauf, das Spektrum nach und nach zu erweitern.

Bei den längst Kult gewordenen Konzerten wird der Chor von Gitarre, Kontrabass und Cajón begleitet. Und Auftritte hat der Bud Spenzer Heart Chor „noch und nöcher“, manchmal zwei Konzerte an einem Wochenende. Highlights waren einmal der Auftritt beim „Spencerhill Fantreffen“ im sächsischen Lommatzsch, wo Terence Hill als Kind eine Weile lebte. Da durften die Münchener vor 4.000 Fans singen. Und als beim Münchner Filmfest die Weltpremiere der Doku „Sie nannten ihn Spencer“ in Anwesenheit des Sohns von Carlo Pedersoli gefeiert wurde (wie der Schauspieler mit bürgerlichem Namen hieß), stimmte der Chor auf den Film ein.

Doch nichts kann das Lob von oberster Stelle toppen! Zum achtzigsten Geburtstag von Terence Hill trat der Chor in Berlin auf, als sich Spencers kongenialer Filmpartner per Live-Stream begeistert zu Wort meldete. Auch Bud Spencers Manager hat Schauer schon bestätigt: „Bud hätte sich sehr über den Chor gefreut.“

Bei zwei großen Weihnachtssingen Ende November im Grünwalder Sechziger Stadion und in der St. Maximilian Kirche trällern die Giesinger ausnahmsweise mal ein ganz anderes Programm: „TOTO total“ bedeutet vier Stunden am Stück den Nummer-Eins-Hit „Africa“ für den guten Zweck. Für die Zukunft wünscht sich Domi Schauer vor allem zweierlei: „Dass es so lustig und erfolgreich weitergeht – und dass wir einmal in Wacken auftreten dürfen.“

Die Schnittmenge von Bud Spencer- und Heavy-Metal-Fans hält Schauer für groß. Und wer je ein Konzert des Giesinger Kult-Chors erleben durfte weiß: Die haben locker so viel Karacho wie ein Gitarrensolo – beziehungsweise Bud Spencers Faust.

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