Holz in der Hütt´n

Nach dem Neuaufbau steht die Kala Alm so rustikal-gemütlich da, dass Rodler gar nicht mehr abfahren wollen.

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Seine Gitarre hätte Simon gar nicht hier hoch schleppen müssen. Beim Betreten der Kala Alm stechen unserem Musikus sofort eine altehrwürdige Diatonische Knopfharmonika – kurz Ziach – und ein Gitarrenkoffer ins Auge. Die Instrumente lehnen an dem offenen, die Gaststube beherrschen- und beheizenden Kamin. Über der Feuerstelle begrüßt uns das ins Mauerwerk eingelassene Familienwappen mit der Jahreszahl 1508, am Tresen mit kraftvollem Handschlag Hüttenwirt Domitius Mairhofer. Von seinen Eltern übernahmen der „Domi“ und seine Frau Renate 1993 die Alm, um sie in eine einer sommers wie winters beliebte Rast- und Durchgangsstation für Sport- und Wandersleute zu verwandeln.

Warum wir uns hier südöstlich des Tiroler Thiersees auf 1.425 Metern Höhe versammeln? Weil wir es als Macher eines Freizeitmagazins für Blasphemie befunden hätten, unsere Weihnachtsfeier in einem gewöhnlichen Restaurant direkt vor der Haustür abzuhalten. A bisserl actionreicher und uriger als beim Italiener ums Eck wollten wir es dann doch haben! Also entschlossen wir uns, die 50 Minuten vom Gasthof Schneeberg aus über eine breite  Forststraße bergauf Richtung Pendling zu stapfen. Auf halbem Wege zu Kufsteins prominentem Gipfel nämlich liegt die Kala Alm – in dritter Generation in Familienbesitz, und Ende letzten Jahres an gewohnter Stelle neu und vor allem größer (wieder) aufgebaut. Im Restaurant und dem abtrennbaren Erkerstüberl können jetzt 160 Gäste Platz nehmen – und weitere 150 draußen auf der Sonnenterrasse. Von dort überblickt man das gesamte Panorama der Brandenberger Alpen bis zum Trainsjoch.

Wir verschaffen uns drin im Warmen zuerst einen Überblick über den riesigen Raum. Fazit: beeindruckend! Die gewaltigen Altholzbalken (mehrere hundert Kubikmeter haben Mairhofers verbaut) zeugen von der Jahrhunderte alten Geschichte des hiesigen Almbetriebs, der laut Domi um 1870 herum seinen Anfang nahm: mit drei Hütten etwas weiter hinten am Hang, wo Mensch und Vieh ihrem Tagwerk nachgingen, ehe der  Brand von 1969 den alten Mairhofer zum Umdenken zwang. Der erste Versuch eine Jausenstation zu errichten, scheiterte  jedoch an Geld und Zeit, erinnert sich Domi. Erst 1985 sei der Straße und damit der Rodelbahn endlich die Hütte am jetzigen Standort gefolgt – die deutlich bescheidener dastand als die Kala Alm der Gegenwart. Mit für heutige Ansprüche einfach nicht mehr zeitgemäßen sanitären Anlagen, mit einer Küche, die dem Ansturm nicht mehr gewachsen war. Deshalb die Rundumerneuerung.

Nachdem wir unsere Wänste mit dem legendären Schweinsbraten aus dem Holzofen, mit Hirschgulasch, Kaspress- und Germknödeln vollgeschlagen und uns – nur zu Verdauungszwecken freilich – den einen oder anderen Obstler gegönnt haben, greift Simon in die Saiten. Wir erleben einen Hüttenabend, wie er im Buche steht. Chefredakteur und Praktikantin grölen, dass der klobige Hirschgeweih-Kronleuchter schaukelt. Apropos Hirsch: „Das Logo haben die Weibaleit ausgsucht“, grantelt unser Gastgeber – immerhin mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Neben Ehefrau Renate packt seit etwa zwei Jahren auch Tochter Stefanie fleißig mit an. Für die Nachfolge ist also gesorgt, auch, wenn sich Domi zuerst ein bisschen gesträubt hatte. Die 26-Jährige gab einen lukrativen Job auf zugunsten des Hüttenlebens. Warum sie sich gegen die Wirtschaftskammer und für das Wirtinnendasein entschied? „Mir sind Menschen einfach lieber als der Schreibtisch. Es ist schön zu sehen, wie es den Gästen bei uns gefällt. Wenn sie zufrieden und glücklich wieder nach Hause aufbrechen, gibt das einem ein richtig gutes Gefühl“, sagt Steffi. Geeignet scheint sie allemal. „Am Berg brauchst scho a bissi a Haut“, erklärt Domi, „aber Steffi hat meine sture Ader geerbt.“

Uns gegenüber legen die Damen erst Stunden später eine sympathische Sturheit an den Tag. Alle anderen Gäste sind längst zum Parkplatz hinunter gerodelt, nur uns will das von einer Traunsteiner Brauerei stammende Bier nicht aufhören zu schmecken. Für solche Fälle haben Mairhofers sich selbst ein Übernachtungs-Refugium gebaut. So müssen sie niemanden rausschmeißen, und feiern kurzerhand selbst mit. Allzu gemütliche „Hockenbleiber“ wie uns stehen vier Mehrbettzimmer mit insgesamt 30 Stockbetten zur Verfügung, und in die urgemütlichen Katakomben geleiten uns die Wirtsleute schließlich doch.

Heiser, satt und – zugegeben – mit leichtem Seegang. Gottlob ist der Blick noch nicht so trüb, dass uns nicht auch hier unten die von Altholz und Stein geschaffene, heimelige Atmosphäre auffiele und selig entschlummern ließe. Beim Frühstück am nächsten Morgen dann visioniert Domi ein wenig vor sich hin. Mit ihrem edel-rustikalen Charme punktet die Kala Alm zwar bei Erwachsenen. Es mangele aber an echten Attraktionen für Kinder. Also müsse ein Spielplatz her! Und wenn man schon Pläne schmiede: Eine Sauna stelle sich Domi hier oben schön vor, einen See könnte man doch auch anlegen, eine Schneise für Skitourengeher in den Hang reißen, sich ein Räucherkammerl bauen… An Ideen mangelt´s dem Domi beileibe nicht. Was davon er wirklich umsetzen wolle? „Ma kriagt fast ois hi, ma muass es nur erwarten können“, orakelt der nimmermüde Wirt der Kala Alm. Und winkt uns grinsend hinterher, als wir uns auf einigen seiner hundert Leihrodeln an die drei Kilometer lange Abfahrt machen…

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