Hoch oben „hinterm Haus“

Auf Tour mit den Brannenburger Weltklasse-Slacklinern Julian Mittermaier und Valentin Rapp an der Maiwand im Inntal.

Petra Rapp

Fotos: Petra Rapp

Ein grau-kalter Tag, doch der Winter ziert sich noch. Die Jungs packen ihr Zeug in große Rucksäcke. „Klar ist es schöner, wenn die Sonne scheint, aber so lange es nicht gewittert oder alles völlig vereist und deshalb gefährlich ist, ist uns das Wetter eigentlich ziemlich egal. Wenn wir was vorhaben, ziehen wir das auch durch“, sagt Valentin und ist doch froh, dass er heute neben Julian weitere Begleiter hat, die sich auch gut als Packesel eignen. Denn Slackliner haben des Öfteren eine ganz schöne Last zu tragen, bis sie mit allem, was sie für ihren Sport brauchen, dort sind, wo sie hinwollen. Zumal die beiden Brannenburger Julian Mittermaier (22) und Valentin  Rapp (21) das dünne Band am liebsten als Highline hoch oben in den Bergen aufbauen.

Julian und Valentin trainieren oft im heimischen Inntal: am Wendelstein, an der Kundl am Heuberg, am Lechnerköpfl oder häufig auch an der Wolfsschlucht in Neubeuern. Und das mit großem Erfolg: Julian, der in Regensburg Maschinenbau studiert, stellte im August dieses Jahres in der Schweiz mit 224 Metern Länge einen neuen Highline-Weltrekord auf. Valentin hat vor kurzem seine Ausbildung zum Videojournalisten beendet und jetzt wieder mehr Zeit zum Slacken. Im Herbst hat er ein Highline-Projekt in der Schweiz realisiert, Ende Januar 2015 bricht er zu neuen Zielen nach  Südamerika auf.

Heute geht es aber in der Heimat hinauf. Gleich „hinterm Haus“, wie Julian das geplante Highline-Projekt in der Nähe der Maiwand (1.135 Meter) benannt hat. Sie waren schon einmal oben und haben die Gegend grob erkundet. „Bohrmaschine brauchen wir nicht. Wir können die Line an Bäumen über den Maigraben aufspannen“, sagt Julian und schultert den schweren Rucksack. Der Weg führt vom Wanderparkplatz in Flintsbach am Inn hinauf in Richtung Petersberg. Wir nehmen nicht den Hauptweg, sondern den schönen Waldsteig weiter westlich, vorbei beim „Wagner am Berg“. Den Petersberg lassen wir später links liegen, gehen weiter Richtung Hohe Asten bis zum alten Gehöft „Bauern am Berg“. Von dort führt ein relativ wenig begangener Pfad Richtung Riesenkopf und zur Maiwand. Rechts hinauf zum Maigraben ist Vorsicht geboten. Windbruch macht den Zustieg beschwerlich, immer wieder ist abschüssiges Grasgelände zu queren und es tun sich tiefe Felsabstürze auf. Nach knapp 90 Minuten Zustieg sind die Jungs dort, wo sie hinwollen: am Graben südlich der Maiwand.

Während Julian auf der einen Seite bleibt, verschwindet Valentin mit der restlichen Ausrüstung im Wald und taucht irgendwann gegenüber des Grabens auf gleicher Höhe wieder auf. Rund zwei Stunden dauert der Aufbau der Highline, bei denen ihnen stark verästelte Bäume am Boden der Schlucht das Leben schwer machen und ihnen beim Verbinden der Line ständig in die Quere kommen. Echte Knochenarbeit, und einmal mehr wird klar, Highliner sind noch wahre Enthusiasten, denen nichts zu blöd und nichts zu anstrengend ist.

Der Wind pfeift inzwischen ungemütlich kalt um die Ohren, was die Jungs aber nicht stört. Sie haben jetzt Adrenalin pur im Blut. Schuhe aus, Klettergurt und Sicherung noch einmal checken, dann geht es los: 70 Meter vor und einige Hundert Meter unter sich – auf einem wenige Zentimeter breiten Band, das auch noch vier Meter durchhängt. Für Julian kein großes Problem, er begeht die Line „onsight“, wie es in der Slackline-Sprache heißt, wenn man die Line gleich im ersten Anlauf durchgeht. Valentin braucht ein paar Versuche, aber auch er schafftes dann und ist zufrieden. Die Jungs zieht es nach kurzen Verschnaufpausen in der Hängematte immer wieder hinauf auf das Band, mal mit verbundenen Augen, mal Trickline-Elemente einstreuend oder surfend.

Jeder, der Slacklinen schon einmal ausprobiert hat, weiß, wie anstrengend das sein muss. Volle Konzentration, volle Körperspannung bis in die kleinsten Muskeln und das nach dem Aufstieg und dem langwierigen Aufbau. Aber die Jungs sind fit und haben sichtlich ihren Spaß. Wir dagegen sind nicht mehr ganz so fit, die Nerven doch ein wenig strapaziert und unsere Körper durchgefroren. Wir nutzen die Zeit zu einem Abstecher auf den nahen Riesenkopfgipfel (1.337 Meter), der über einen schönen Steig in rund einer halben Stunde vom Maiwandgraben erreicht ist. Dunkle Wolken ziehen auf. Die Highline-Trainingseinheit dürfte wohl langsam zu Ende gehen und die Packesel werden weiter unten allmählich wieder gefragt sein. Abstieg.

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