Himmlische Stick-Künste

Alexandra Wagner-Simmer

Fotos: Andreas Jacob

In Engelsberg fertigen eine Mutter und ihre Tochter einzigartige Fahnen.

Wenn der Himmel schief hängt, ist auf Erden kein Staat zu machen – schon gar nicht auf der Christi Himmelfahrts- oder der Erntedank-Prozession. Das weiß auch die Kirchenverwaltung der Kirche von Hörbering bei Neumarkt St. Veit und ließ ihren über 120 Jahre alten, kunstvollen Baldachin aufwendig restaurieren. Eine reizvolle Herausforderung für die renommierte Kunststickerei Jaeschke & Zwislsperger, die den Restaurations-Auftrag des Damast-Himmels mit viel Fingerspitzengefühl meisterte.  

Mit Nadel und Faden schaffen sie Kunstwerke: Annemarie Jaeschke und ihre Tochter Carmen-Maria Zwislsperger haben sich auf die Fertigung, Restaurierung und Konservierung von Fahnen, Standarten und Messgewändern spezialisiert. Das Unternehmen produziert individuell gestaltete Textilien, die mit den Insignien des Auftraggebers, seinem Wappen oder kirchlichen Motiven bestickt werden. Jede Vereinsfahne ist ein individuelles Einzelstück, ein Repräsentationsgegenstand, mit dem sich der Auftraggeber mit Herz und Seele identifiziert und das Generationen überdauert. Oft stellt die Wahl des Motivs, die Auswahl der Farben und Muster ein gutes Stück Heimat- und Geschichtsforschung dar. Vereine, Feuerwehren und Kirchenvertreter gehören deshalb zu den Stammkunden der Fahnenstickerei. So trägt die Werksfeuerwehr Swarovski bei festlichen Anlässen eine Fahne aus der Kunststickerei Jaeschke, genauso wie der Loisachtaler Gauverband. Die  kunstvolle Fahne für das 400-jährige Jubiläum des renommierten Passionsspielortes Erl in Tirol stammt aus der Manufaktur der beiden Stickerinnen; der Oktoberfest-Umzugswagen der Moriskentänzer der Technischen Universität München glänzt mit Stoffen aus dem Hause Jaeschke und selbst für die Babelsberger Filmstudios war der oberbayerische Handwerksbetrieb schon mit Nadel und Faden am Werk.

„170 bis 270 Stunden dauert die Herstellung einer neuen Fahne in der Regel“ erklärt Geschäftsführerin Annemarie Jaeschke, die viele Jahre als Bundesinnungsmeisterin dieses traditionsstarke Handwerk repräsentierte. „Die Betonung liegt auf Handwerk“ erklärt sie, schließlich werden die Fahnenmotive, die Familienwappen, Notenpultbehänge, Paramente und Schmuckbänder auch heute noch zum großen Teil von Hand bestickt. Die Restaurierung von alten Stickereien bedeutet einen noch höheren Aufwand: Hier werden die Original- Stickereien vom defekten Stoff abgenommen und auf einen neuen übertragen. Bei der Konservierung stabilisieren die Kunststickerinnen im aufwendigen  Spannstichverfahren mit feinster Haarseide Stoffe und Stickereien und bewahren sie so vor dem Verfall. Eine Technik, für die mehr als Erfahrung und Fingerspitzengefühl nötig sind. Annemarie Jaeschke, die die Kunststickerei in einem Kärntner Kloster erlernte, war das Thema Ausbildung schon immer ein Anliegen. Und so weihte sie nicht nur früh ihre Tochter und heutige Teilhaberin in die Geheimnisse der Fahnenstickerei ein, sondern bildet gemeinsam mit ihr in ihrem Meisterbetrieb auch aus. Viele der 13 Mitarbeiterinnen gehören zur Elite des Stickerei-Handwerks in Deutschland und haben schon so  manche Auszeichnung erworben.

Kein Wunder also, dass sich die Kirchenverwaltung von Hörbering bei Neumarkt St. Veit an die renommierte Kunststickerei wandte, um den kostbaren Kirchenbaldachin ihres Gotteshauses restaurieren zu lassen. 120 Dienstjahre hatten dem Himmel aus cremefarbigem Kirchendamast arg zugesetzt: der Stoff des Baldachins war zerstört, sodass die historischen Stickerei-Motive, wie beispielsweise das Lamm Gottes, aufwendig vom alten Stoff abgenommen und auf den neuen – eigens hierfür gewebten - Stoffteppich übertragen wurden. Teilweise war es nötig, Motive zu verstärken, sprich noch einmal nachzusticken. Die Seitenteile aus goldenem Brokatstoff mit Blumen, Blätterranken, Kronen und Bogenornamenten konnte Meisterbetrieb Jaeschke von Hand mit Goldgespinstfäden besticken und selbst den handgedrehten Originalfransen mit Goldanteil – auch Bouillon-Fransen genannt – wieder zu frischem, strahlenden Glanz verhelfen. Mehr als 270 Arbeitsstunden stecken heute in dem prächtigen Baldachin, der auf besondere Weise die Verbindung von Tradition und hochentwickelter  Handwerkstechnik verkörpert. Der Auftraggeber ist zufrieden: dem Engelsberger  Familienbetrieb Jaescke & Zwislsperger ist ein himmlisches Kunstwerk gelungen, das den Hörberinger  Pfarrer während vieler Christi Himmelfahrt- oder Erntedank-Prozessionen stets würdevoll begleiten wird.

 

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