Hier spielt die Musik

Catherine Bruha

Fotos: Andreas Jacob

Schreiner, Schlosser, Kürschner, Musiker und Künstler vereint in einer Person: Der Orgelbauer aus Feldkirchen-Westerham

Es hat schon seinen Grund, dass die Orgel in der christlichen Liturgie den Ton angibt. Kein anderes Instrument vermag solch eine sakrale Stimmung zu erzeugen. Wenn der Orgelwind kraftvoll durch die Pfeifen fährt, dann erweckt es den Anschein, als dröhne der Atem Gottes durchs Kirchenschiff. Ob ihrer Größe, ihres – optisch wie akustisch – oft den gesamten Raum einnehmenden Charakters und nicht zuletzt natürlich ob ihres majestätischen Klangs gilt die Orgel auch als „Königin der Instrumente”. 2017 fanden der Deutsche Orgelbau mitsamt der Orgelmusik gar Aufnahme in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Man übertreibt also nicht, wenn man Orgelbauer, ob sie nun in Kirchen oder Konzertsälen tätig werden, als Handwerker und Künstler zugleich bezeichnet.

Rund 400 handwerkliche Orgelbetriebe gibt es hierzulande. Einen davon betreibt Reinhard Frenger. In Feldkirchen-Westerham, einer Gemeinde zwischen München und Rosenheim, beschäftigt er zwei Mitarbeiter. Wenn er erzählt, wieso er diesen Weg einst einschlug, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der damalige Freund der Schwester studierte Kirchenmusik und Orgelbau war ein Teilgebiet dieses Studiums. „Dessen Erzählungen weckten mein Interesse. Ich war sicher, den perfekten Beruf für mich entdeckt zu haben.“ Im Jahr 1978 zog Frenger also aus dem Heimatort Bad Aibling aus, um in Ludwigsburg die Ausbildung zum Orgelbauer anzutreten. „Damals waren wir 120 Schüler”, erinnert sich Reinhard Frenger. Heute wollen nur mehr knapp 40 Auszubildende das Traditionshandwerk erlernen, Nachwuchs wird händeringend gesucht.



Als äußerst vielseitig erwies sich die Ausbildung für Reinhard Frenger. Den Beruf empfindet er bis heute als äußerst abwechslungsreich, umfasst er doch unter anderem Schreiner-, Schlosser- und Kürschnerarbeiten. Auch eine musikalische Ader ist von Vorteil – logisch, schließlich handelt es sich um die Arbeit mit und an einem Instrument. „Und nicht zuletzt“, betont Frenger, „muss ein Orgelbauer auch wie ein Architekt denken.” Denn wenn es um die Planung einer neuen Orgel für eine Kirche gehe, müssten natürlich auch die Raumverhältnisse beachtet und bestmöglich ausgenutzt werden! Letztlich soll eine Orgel Zuhörer und Betrachter gleichermaßen in ihren Bann ziehen – und das beinhaltet die bereits erwähnten künstlerischen Aspekte. Das äußere Erscheinungsbild einer Orgel, beispielsweise ein opulent gestaltetes Prospekt (wie die Vorderansicht des Instruments genannt wird), darf keinesfalls unterschätzt werden!  


Nach seiner Ausbildung,
die er in einem Orgelbaubetrieb in der Nähe von Passau abschloss, zog es Reinhard Frenger zurück Richtung Heimat. Zehn Jahre lang arbeitete er für einen großen Münchener Betrieb, ehe er sich im Jahr 1991 nach bestandener Meisterprüfung entschloss, die Selbstständigkeit zu wagen. Mittlerweile hat „Orgelbau Frenger“ weit über 50 Orgeln gebaut. Die Aufträge kommen meist von Pfarreien, seltener auch von Privatpersonen. Bei der Arbeit unterstützen Reinhard Frenger seine Mitarbeiter, privat steht seine Familie immer hinter ihm.

Zu den Leistungen von Orgelbau Frenger zählen nicht nur die Planung und der Neubau von Instrumenten, sondern auch das Pflegen, Reinigen und Restaurieren von bestehenden oder historischen Orgeln. Dabei tauchen hin und wieder alte Zeitungsausschnitte oder Schriftstücke wie vergilbte Notenblätter auf – faszinierende Zeugnisse, meist hinterlassen vom ursprünglichen Erbauer der alten Orgel.

Ein spektakuläres Projekt erlebte erst kürzlich seine Einweihung. In der Kath. Pfarrkirche St. Josef in Holzkirchen stand ein Orgelneubau unter Verwendung von Orgelteilen und Pfeifenwerk des Vorgängerinstruments aus dem Jahr 1984 an. Das Besondere: Auch die kegelförmige Kirche in Holzkirchen wurde komplett neu errichtet. Frenger musste im Grunde spekulieren, wie sich die akustischen Voraussetzungen des neuen, modernen Raumes und das Instrument zusammen verhalten würden. Entstanden ist in etwa 4.100 Arbeitsstunden ein modernes Meisterwerk mit 1.643 Holz- und Metallpfeifen, 4,64 Meter hoch, 7,60 Meter breit, 1,50 Meter tief und ca. 5.600 Kilogramm schwer, das sich perfekt an die Gegebenheiten anpasst. Um die Wucht des Baukörpers zu reduzieren, wurde ein spezielles Metallgewebe vor die Orgel gehängt. Es besitzt eine akustische Transparenz und lässt den Aufbau des Instruments durchscheinen. Am 18. März wurde das neue Kirchenzentrum in Holzkirchen mit einer feierlichen Orgelweihe durch Kardinal R. Marx eröffnet. Und Reinhard Frenger kann stolz sein, wiederum eine einzigartige Einheit aus Klang, Architektur und Technik gefertigt zu haben – ein Kunstwerk eben.

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