Heiligs Holzle

Christian Topel

Kaum ein Wohnzimmer, in dem zur Weihnachtszeit nicht allseits bekannte Untermieter hausen: Krippen kommen nicht aus der Mode – nur das entsprechende Handwerk kämpft.

Maria, Josef und das Jesuskind in seiner Krippe erzählen zwei Geschichten: die eigene, die Weihnachtsgeschichte, und die eines Handwerks. Eine knapp einen Meter hohe, in den Stamm einer Zirbelkiefer geschnitzte heilige Familie steht in der Holzschnitzerei Bechtold, deren Werkstatt im Laufe der Jahre vom profanen Abeitsplatz auch zu einem Ort der inneren Einkehr wurde, dem hektischen Alltag da draußen irgendwie entrückt. Gut 20 Jahre ist es her, dass Firmengründer Klaus Bechthold am rohen Holz der Kiefer Hand anlegte. Inzwischen teilt er sich die Arbeit mit seinem Sohn Bernd, der der Weihnachtsgeschichte in detailversessener Arbeit immer wieder neue Gesichter verleiht – während die Zirbelkiefer-Krippe zu einer Art Relikt geworden ist.  

Die große Werkstatt der Holzschnitzerei Bechtold liegt seit 1980 in Kolbermoor, Vater und inzwischen vor allem Sohn empfangen ihre Kunden aber seit 2004 in jenem ganz in Holz gekleideten Haus, das einem eher tristen Eck an Rosenheims Münchner Straße nostalgischen Charme verleiht. Vieles, was hier geschieht, geschah früher nicht anders. Die Liebe zum Handwerk  zum Beispiel hat keinen Span nachgelassen. Wenn Bechtold junior eine Figur in den Händen wiegt, sucht er das durch die Fenster fallende Sonnenlicht, gerade so, als benötigten Schöpfer und Werk  Wärme; er wählt aus Dutzenden Messern sorgfältig das passende und atmet beim Schnitzen bewusst tief und selig den Geruch des Holzes ein. Bei Zirbelkiefer riecht jede Kerbe noch nach Jahrzehnten: „Wenn man dieses Holz bekommen kann, sollte man es nehmen“, sagt der junge Holzschnitzer. Doch die echte Handarbeit mit der traditionellen Holzart ist – zum Leidwesen des Künstlerherzens – die Ausnahme geworden. Zu selten ist das Holz, zu teuer den Kunden das stundenlange Herausarbeiten der Figuren aus dem rohen Stück. Die Folge: Von ehemals fünf Holzschnitzereien in Rosenheim ist nur der Betrieb von Klaus und Bernd geblieben.

Die meisten der Figuren, die zu Hunderten die bis an die Decke reichenden Regale der Holzschnitzerei Bechtold füllen, bestehen mittlerweile nicht nur aus Ahorn- oder Lindenholz, sie gingen auch schon durch viele andere Hände – und vor allem Maschinen. Heutzutage kommen sie vorgefräst in der Werkstatt an. In den hiesigen Krippen stehen schon lange keine Einzelstücke des früheren Marktführers  Österreich mehr, sondern Fräslinge aus Südtirol. Nach der Vorlage alter Krippenfiguren fertigen dortige Fräsmaschinen 20 bis 30 Exemplare in einem Rutsch. Der Preisunterschied zu den komplett handgeschnitzten Figuren, im Idealfall aus Zirbenholz, ist marktentscheidend. Er liegt pro  Stück bei ein paar hundert Euro. Klar, dass Kunden zu günstigeren Angeboten greifen. Das alles heißt jedoch keineswegs, dass zu wenig Handarbeit für Bechtolds übrig bliebe! Die Figuren müssen nachgeschnitzt, geschliffen, bemalt, gewachst oder gar angezogen werden – Lederhosen seien wieder modern, erzählt Bernd grinsend, der selbst in der Hirschledernen dasteht. Man erwischt den Junior durchaus noch beim „alten“ Handarbeiten, abends, wenn er Ruhe sucht. Indem er detailverliebte, wildromantische  Krippenställe baut, gleicht er den der Südtiroler Geschäftstüchtigkeit geschuldeten Kreativitätsverlust aus.  Eine Krippe für unter 100 Euro trotz 15 Stunden Handarbeit: den Kunden freut’s.

Wer einer heiligen Familie Herberge geben will, kann aus rund 120 verschiedenen Stilrichtungen wählen, die sich von Uromas Zeiten bis ins heutige Fräs-Zeitalter gehalten haben. Moderne Figuren sind günstiger, da puristisch. Den barocken Faltenwurf in Josefs Mantel hingegen muss Bernd teilweise mit dem Zahnarztbohrer nacharbeiten. Auch beim Bemalen der Figuren hat sich einiges getan. Nur noch selten wird in der Schnitzerei antik gefasst, das heißt auf Kreidegrund mehrfach Kaseinfarbe aufgetragen. Stattdessen kommen moderne Grundierungen und Ölfarben zum Einsatz.

Nur eins blieb immer unangetastet: Die Gestik der Heiligen Familie. Dass Maria kniet und ihre Hand schützend über das Jesuskind hält, dass sich Josef im Schein seiner Lampe bückt – das wird sich nicht ändern. Einzig um den Heiland muss man sich Sorgen machen. Er geht immer häufiger verloren. Viele Krippenbesitzer wollen das Baby erst am Heiligen Abend in sein Bett aus Heu legen. „Die meisten verlieren’s bis dahin, in der Adventszeit verkaufe ich mittlerweile so viele Kinder wie nie“, lächelt Bernd Bechtold schelmisch. Was sonst in und um den Krippenstall herum passiert, zeugt von der Sammelleidenschaft der „Herbergsväter“: Da tummeln sich Frösche, Enten, Schildkröten oder gar eine Löwengarde für die Heiligen Drei Könige. Jeder Hundebesitzer will zudem ein Exemplar seiner Rasse im Stall haben.

Ohne Krippen wäre wohl auch der Stern von Rosenheims letzter Schnitzerei schon untergegangen. Der Verkauf von Krippenfiguren während der Weihnachtszeit macht zwei Drittel des Jahresgeschäfts aus. Nicht umsonst steht sich die Familie auch seit 20 Jahren die Beine im einem Stand auf dem Rosenheimer Christkindlmarkt in den Bauch. Es hat etwas Tröstliches: Die Freude an der eigenen Weihnachtskrippe reißt nicht ab, so schnell wird Bernd sein Schnitzwerkzeug also nicht an den Nagel hängen.

www.holzschnitzerei-bechtold.de

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