„Gut Holz“ auf historischem Geläuf

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

Das Flötzinger Bräustüberl weckt seine alte Kegelbahn aus dem Dornröschenschlaf. Der Erstanschub soll im Januar stattfinden.

Der Zeitgeist, das ist schon ein eigenwilliger Geselle. Wenn’s ihm fad wird, dann zieht er los, fliegt über Land und Leute hinweg und radiert Jahrzehnte, ja Jahrhunderte alte Traditionen aus. (Oder, zugegeben, säht ungefragt Samen für neue.) Streng genommen geht ihm das natürlich nur so spielend leicht von der Hand, weil wir Menschlein uns von ihm an der Nase herumführen lassen wie früher die Pflug-Ochsen von ihren Bauern. Klingt gemein, hilft aber, den Blick kurz zurück schweifen zu lassen in eine Zeit, als noch keine Traktoren über die Felder tuckerten; als man die Freizeit nicht vor dem Fernseher oder auf Facebook verplemperte; als die Gesellschaft sich feierabends oder sonntags noch traf, um etwas auszuüben, was sich „Geselligkeit“ nannte. Um endlich zu des Pudels Kern zu kommen: Damals diente auf Jahrmärkten, Hochzeiten oder anderen Feierlichkeiten das Kegeln als ein Vergnügen, das keinesfalls fehlen durfte. Landauf, landab fanden verschiedenartigste Wett- und Preiskegeln statt, turbulente Keglerfeste mit Geld- und Sachpreisen oder alljährliche Wild-, Geflügel- oder Schinkenkegeln erfreuten sich enormen Zulaufs. Bis Ende des 18. Jahrhunderts ausnahmslos unter freiem Himmel durchgeführt, entwickelte sich das Ganze im Laufe des 19. Jahrhunderts zum organisierten Volkssport – der sich spätestens 1885 institutionalisierte, als sich in Dresden der „Zentralverband Deutscher Kegelclubs“ gründete – um sich kurz darauf in Deutscher Keglerbund umzutaufen, der bis heute die Geschicke des Kegelns bestimmt.

Schauen wir also in die Gegenwart. Alexander Recknagel, Maximilian Gradl und Korbinian Vogl hatten bis vor kurzem rein gar nichts am Hut mit dieser längst von Geselle Zeitgeist in ein Nischendasein verbannten Bewegung. Als Pächter von einer von Rosenheims altehrwürdigsten Gaststätten – dem ehemaligen Flötzinger Löchl, nun Flötzinger Bräustüberl – wollen sie aber ab 9. Januar wieder das Rumpeln gefallener Hölzer durch ihre Hallen geistern hören. In einem mit Ramsch und allerlei ausgemustertem Mobiliar vollgestellten Raum stießen die Wirtsleute nämlich auf die vergessene, buchstäblich dornröschenschlummernde historische Kegelbahn des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes. Und waren sich sofort einig: Aufwecken!

Welchen Schatz das Trio da gerade von Spinnweb und Staub befreit und restauriert, zeigt sich, wenn man im Rosenheimer Stadtarchiv in der Vergangenheit des einstigen Bierkellers gräbt. Dessen Ursprünge liegen in der Zeit um 1670. Damals gruben Rosenheimer Bierbrauer erste Lagerkeller in den Roßacker, der noch ein von bäuerlichen Anwesen geprägter Weiler vor den Toren des Marktes Rosenheim war. (Ein Fakt, der für die Wiederinbetriebnahme der alten Kegelbahn zur kuriosen bürokratischen Hürde werden sollte – doch dazu später.) Auf den Lagern wurden Kellerhäuser errichtet, im Falle des 1781 in den Besitz des Rosenheimer Flötzinger-Bräu Sebastian Zollner übergegangenen späteren Löchls sogar eine Kapelle. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging schließlich auch ein winziger Ausschank in Betrieb – so winzig, dass sich der Name „Flötzinger Löchl“ einbürgerte.

Für unsere Geschichte nun dürfte das Jahr 1863 entscheidend sein. Wie Rosenheims Stadtheimatpfleger Karl Mair herausgefunden hat, entstand zu diesem Zeitpunkt westlich des mit Kastanien bepflanzten Wirtsgartens ein weiteres Lagergewölbe und darüber jenes Salettl, in dem die Gastronomen der Gegenwart ihren Fund tätigten. Spätere Zeitungsberichte lassen vermuten, dass 1863 auch die Geburtsstunde der Kegelbahn gewesen sein muss, denn versetzt wird man sie kaum haben. Am 16. November 1932 berichtet also der „Rosenheimer Anzeiger“, die Flötzinger Brauerei habe ihre Kegelgesellschaft im Flötzinger Löchl mit einem wertvollen Geschenk erfreut. Die „nahezu hundert Jahre alte Kegelbahn“ sei in „fachmännischer Präzisionsarbeit in eine moderne Latten-Kegelbahn mit neuzeitlich-praktischem Kugelheimlauf“ umgebaut worden. Um ein paar Jährchen mag sich der Autor jener Zeilen zwar verrechnet haben, seine „Prophezeihung“ lassen die Bräustüberl-Betreiber nun aber quasi wahr werden: Für die 18-Meter lange Bahn mit dem Hauptladen aus Eiche garantieren der Betonunterbau und die 50 Millimeter starken Latten „eine weitere hundertjährige Betriebsfähigkeit“, hatte der Redakteur behauptet. Und et voilà, als Alexander Recknagel ein paar Drehsicherungen hineinschraubte, ruckelte und zuckelte der alte Kegelstellautomat erst, setzte sich dann aber tatsächlich quietschend in Bewegung – „nachdem wir im Münzautomat eine kleine Überbrückung gebastelt hatten“, erzählt Alexander Recknagel grinsend. Eine DM habe halt keiner im Portmonee gehabt...

Im Augenblick arbeitet das Bräustüberl-Team fieberhaft daran, den geschichtsträchtigen Ort wieder zu einem echten Schmuckstück zu machen. In die Kegelbahn wird eine Art „Museumsladen“ integriert, der unter anderem Gläser und Krüge der Flötzinger Brauerei beinhalten wird. Die Dekoration soll die Geschichte des Kegelsports und der Brauerei widerspiegeln. Zur Kegelbahn gehören eine schon jetzt mit viel Holz recht urig gestaltete Schankbar und eine überdachte (und im Winter beheizbare) Außenpromenade mit Blick auf Biergarten und Gaststätte. Da endlich alle Genehmigungen erteilt sind, plant Recknagel, die Bahn ab Januar von Donnerstag bis Samstag zu öffnen. Das „Placet“ zu bekommen, erinnert sich der Gastronom, sei allerdings eine Wissenschaft für sich gewesen – schließlich sei die Stadt Rosenheim erst nach dem ursprünglichen Bau des Gebäudes gegründet worden...

Was wird nun Geselle Zeitgeist zu dem Unterfangen sagen? Wenn es nach den Bräustüberl-Machern Maximilian Gradl, Korbinian Vogl und Alexander Recknagel geht, stellt er sich an die Spitze einer Renaissance-Bewegung. In der Tagespresse von 1955 ist zu lesen, dass es zu jener Zeit an die zwanzig Keglerclubs in der Stadt gegeben haben soll. Interessenten dieses Jahrhunderts wissen ja jetzt, wo sie bald wieder eine wahrlich heimelige Herberge finden.

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