Großes Glück im kleinen Grünen

Lucia Schletterer

Fotos: Lucia Schletterer

Ein bisschen Retro, manchmal als spießig verteufelt und doch Sehnsuchtsort und Fluchtpunkt für viele Städter: der gute, alte Schrebergarten.

Wenn das Wochenende naht, gibt es für urbane Naturfreunde zwei Möglichkeiten: Entweder hinaus ins Grüne zu fahren (und dabei nicht selten im Stau zu stecken), oder sich das Grün in die Stadt zu holen. Wer ein richtig ruhiges Plätzchen sucht, findet im Schrebergarten Erholung und Ausgleich.

Bereits ab dem Mittelalter haben Städte den Bürgern kommunale Flächen gegen wenig Geld zur Bepflanzung überlassen. Anfang des 19. Jahrhunderts stellten viele Städte und wohlmeinende Landbesitzer Gartenflächen zur Verfügung, um dem Hungerproblem Herr zu werden und armen Leuten die Möglichkeit zu geben, Nahrungsmittel anzubauen und Kleintiere zu halten. Der Name Schrebergarten geht zurück auf den Leipziger Arzt Dr. Schreber. Nach seinem Tod Mitte des 19. Jahrhunderts wurden ihm zu Ehren Flächen für Kinder bereitgestellt, damit diese Platz zum Spielen hatten und gärtnerisch tätig werden konnten. Daraus entwickelten sich schließlich kleine Gärten für Familien, später bekannt als Schrebergärten. Die Gartenidee wuchs und die Kleingärten setzten sich schnell auch in anderen Städten durch. Besonders in den beiden Weltkriegen dienten die Gärten als Nutzflächen und waren für viele Menschen überlebenswichtig. Heute sind aus den Flächen vor allem Hobbygärten geworden. Mancherorts ist sogar ganzjähriges Wohnen erlaubt, weshalb in vielen Kleingärten inzwischen Einfamilienhäuser stehen, was auch die sozialen Strukturen veränderte. Gleichzeitig wurden viele Flächen durch den massiven Wohn- und Straßenbau massiv verringert.

Heutzutage ist meist die Stadt oder Gemeinde Eigentümerin der Flächen und hat diese an Kleingartenvereine (KGV) verpachtet. Die Vereine verwalten und verpachten die einzelnen Parzellen an Interessierte weiter. In Deutschland gibt es  – vorwiegend in größeren Städten – mehr als eine Million Kleingärten. Ihnen stehen jahrelange Wartelisten gegenüber, der Run auf die Grünflächen ist groß. Die meisten sind schon seit Jahrzehnten vergeben und werden auch nicht so schnell wieder hergegeben. An die Vereinsregeln und Vorschriften müssen sich alle halten: Wie groß das Gartenhäuschen sein darf, damit noch genug Platz fürs Grün bleibt; wie viele Bäume stehen müssen; oder was angepflanzt werden darf. Ehrenamtliche Funktionäre überprüfen regelmäßig, ob alles seine Ordnung hat. Immerhin sind die Grünflächen nicht nur für den jeweiligen Benutzer Erholungsgebiet, sondern haben vielfältigen Nutzen: Wichtiger Grünraum für die Stadt, gut fürs Mikroklima, Biotop- und Artenschutz, Lärmverringerung, Staubbindung, soziale Orte des Zusammentreffens und Vereinslebens.

Der positive Nutzen ist längst auch wissenschaftlich belegt. Zuletzt zeigten die am 2. Mai vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Teilen veröffentlichten Ergebnisse der Studie „Kleingärten im Wandel“: Für Städte und Gemeinden sind Kleingartenanlagen ein echter Zugewinn und werden immer beliebter. Kleingärten, als unverzichtbarer Bestandteil der grünen Infrastruktur in Deutschland, entfalten für ihre Umgebung eine große positive Wirkung und bieten die Möglichkeit sinnvoller Freizeitbeschäftigung in der Natur. Inmitten stark verdichteter Räume sorgen sie für mehr Grün in unseren Städten.

Wer noch keinen Kleingarten hat, lässt sich am Besten auf die Warteliste des Kleingartenvereins seines Vertrauens setzen und braucht dann vor allem eines: Geduld, bis irgendwo wieder ein Platz frei wird. Dies kann allerdings Jahre dauern. Wem das zu lange ist, findet heute Alternativen: „Urban Gardening“ – also die gärtnerische Nutzung städtischer Flächen – ist in den letzten Jahren diverser geworden, in vielen Städten gibt es immer mehr Urban Gardening Initiativen. Es wird überall gegartelt wo sich ein Fleckchen Erde findet: Auf Dächern, Verkehrsinseln und allen möglichen Grünstreifen. In Wien zum Beispiel stehen Baumpatenschaften gerade hoch im Kurs. Wer will, kann sich einen Straßenbaum und die Grünfläche drumherum reservieren und diese nach eigenem Geschmack „beackern“. Zudem gibt es immer mehr Nachbarschafts- und Selbsterntegärten.

Die vielgescholtene Kleingarten-Spießigkeit nimmt übrigens ab: Mit Blick auf neue Zielgruppen und ­Herausforderungen, stellt die erwähnte Studie fest, dass in vielen Vereinen bereits mit innovativen Denkansätzen agiert wird.

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