Glück ist, wenn das Bier kalt ist

Janina Sgodda

Fotos: Andreas Jacob/Kellerfreunde

Im 18. Jahrhundert legten die Wasserburger Hopfen und Malz auf Eis.

Kalte, verregnete Sommer waren früher einfach besser. Zumindest für die Biertrinker. Bis ins frühe 20. Jahrhundert gab’s eine eisgekühlte Maß in der Regel nur dann, wenn es nicht zu warm wurde und sich Schnee und Eis nicht schon verabschiedet hatten.

Damit wären wir schon in Wasserburg und den kalten Sommern, die damals nicht nur die Wirtsleute erfreuten. Denn bis Ende des 18. Jahrhunderts war im Sommer das Bierbrauen verboten und die Brauer mussten mit viel Eis kühlen, was sie noch vor Georgi (23. April) gezaubert hatten. Das geschah in der Stadt Wasserburg in den dunklen Bierkatakomben am Südufer des Inns. Ein Ort, den in den letzten Jahren tausende Menschen besucht haben – auch, wenn’s das Bier vom Fass hier schon lange nicht mehr gibt.

Grund für Besucheransturm und Nostalgie in den Bierkatakomben von Wasserburg sind die „Kellerfreunde“, die ihre Vereinsgründung ganz pragmatisch auf zwei wichtige Daten zurückführen: 1785 kaufte Franz Lorenz Gerbl für 60 Gulden den Grund zum Kellerbau; 1998 baute die Stadt Wasserburg für ein paar Gulden mehr am Kellerberg ein Parkhaus.

Witgar Neumaier sen., selbst leidenschaftlicher Brauer, merkte spätestens da auf – als klar wurde, dass unterm Parkhaus von jenem Labyrinth aus ehemals zehn Bierkellern immerhin sieben in Teilen so erhalten sind, dass sie ein Museum abgeben könnten. Heutzutage möchte man sich nach dem Besuch der „Bierkatakomben Wasserburg“ am liebsten sofort eine Halbe einschenken. Und das liegt nicht daran, dass es hier unten in den überraschend breiten und im Original bis zu 100 Meter langen Tunneln nach Hopfen und Malz duftet.

Das Phänomen ereilt auch Besucher mit verstopfter Nase. Es riecht ohnehin "nur" nach alten Fässern und Metall, denn das letzte Bier hat die Fletzinger Brauerei hier vor dutzenden Jahren angesetzt. Der heiße Wunsch nach einer kühlen Halben entbrennt also nach den Führungen der Kellerfreunde durch die Katakomben nicht des Geruches wegen, sondern „weil man so oft "Bier, Bier, Bier" gehört hat, dass man eines braucht“, witzelt Witgar Neumaier jun., der aktuelle Vorsitzende des Vereins.

Duster ist es hier unten und war’s von Anfang an, als die ersten Pickel und Schaufeln das Labyrinth in den Kellerberg gruben. Hinab in die Keller wagt man sich wie früher nur mit Kerzen oder Fackeln. Und selbst heute, ohne Eis in den Kellern, ist es im Hochsommer ziemlich frisch da unten. Wenn man die alten Fotos aus den Stadtarchiven betrachtet, bekommt man eine Ahnung davon, wie unangenehm der Job derer war, die im Sommer fürs Lagern und im Winter fürs Brauen in den Bierkellern arbeiteten. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen zum Beispiel, wie die aus den umliegenden Seen gewonnenen Eismassen Fass um Fass umschließen.

Noch 1911 berichtet ein Brauer von der Sorge um die Eisernte: „Ein ewiges Spekulieren! Fahre ich schon das noch dünne Eis ein, um überhaupt etwas zu haben, und fülle ich meinen Keller damit, um dann aber das gute Eis, das im Februar noch kommt, nicht platzieren zu können? Oder warte ich und warte, bis dann nichts mehr kommt?“ 

Die Belohnung für die Mühe: Die Kellerburschen bekamen am Tag sieben Liter Freibier. Diese Menge zeugt wohl eher davon, dass das Bier früher zur besseren Haltbarkeit mit erhöhter Stammwürze und besonderer Hopfung eingebraut wurde und weniger davon, dass die Kellerburschen besonders trinkfest gewesen wären. Für gewöhnlich konnten die Burschen übrigens bis März frisches Eis für das Bier schlagen – daher auch der Name: „Märzen“. Jedoch hatte ein schöner Sommer auch schon zu Zeiten der Sommerbierkeller was für sich: Damals saß man nach getaner Arbeit sicher gerne auf den Terrassen des Innufers, direkt an den Toren zu den Kellern, trank zapffrisches Bier und schaute in der untergehenden Sonne auf die Stadt. Rund 90 Führungen zurück in diese Zeit bieten die Kellerfreunde im Jahr an. 

www.wasserburg.de/bierkatakomben

 

 

Zurück