Gin mit „Reinheitsgebot“

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Der eigenhändig kultivierte Wacholder aus Kolbermoors Wildnis macht den Moorgin so einzigartig. Die Moordestillerie setzt auf Nachhaltigkeit.

Zum Haare raufen! Da bereitest du dich als frischgebackener Geschäftsführer einer der renommiertesten Edelobstbrennereien Bayerns darauf vor, einen eigenen Whisky auf den Markt zu bringen – plötzlich schwappt die Gin-Welle durchs Land. Als sich Franz Stettner der Dritte vor gut fünf Jahren in dieser Situation befand, galt es, eine weitreichende Entscheidung zu fällen: Sollte er den Hype aussitzen und im Portfolio auf die offenbar immer stärker nachgefragte Spirituose verzichten, oder ließe sich ein cleverer Kniff finden, wie er zu den bereits etablierten Gin-Erzeugern sowie den damals wie Pilze aus dem Boden schießenden Manufakturen in den Wettbewerb treten könnte? Dem Junior-Chef der „Franz Stettner & Sohn GmbH“ war klar: Wollte er den Sprung ins Gin-Becken wagen, brauchte er ein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal. Würde er versuchen, den Markt aufzuwirbeln, dann keinesfalls mithilfe monströsen Marketings, sondern einzig und allein auf Basis einer grandiosen Ginkreation!

Gesagt, getan: Mit dem Moorgin haben der findige Destillateur und sein Geschäftspartner Ben Boysen 2016 eine in der Szene sofort für Aufsehen sorgende Antwort auf die Frage nach einem unverwechselbaren deutschen Gin vorgelegt. Um ihre ambitionierte Idee unabhängig vom „Mutterschiff“ vom Stapel lassen zu können, hatten sie die Moordestillerie gegründet – die zwar auf dem rund 40.000 Quadratmeter großen Gelände der traditionsreichen Kolbermoorer Edelobstbrennerei und Weinkellerei liegt, jedoch autark arbeitet.

Ein kleines, aber feines „Spin-off“, in dem die Uhren deutlich langsamer laufen als nebenan, wo tagtäglich – inmitten gigantischer Lagertanks und von früh bis spät ratternder, vollautomatischer Füllstraßen – ein geschäftiges Treiben herrscht. Gut 1.800 Produkte umfasst das Stettnersche Sortiment: Edelobstbrände, Liköre, Wein, Sekt, Champagner und vieles mehr. Allein an Schnaps liefert der hauseigene Fuhrpark alljährlich 1,4 Millionen Liter aus. Mit der Moordestillerie starteten Stettner und Boysen bewusst ein Kontrastprogramm zu dieser beeindruckenden Maschinerie.

In ihrem Refugium herrscht eine geradezu gedämpfte Atmosphäre. Von Automaten oder Fließbändern keine Spur. Stattdessen fallen die von Kolbermoorer Schäfflern eigens für die Moordestillerie aus uralter, heimischer Eiche angefertigen Holzfässer ins Auge. Darin lagert der bereits angesprochene Whisky. Das Unterfangen legte der trotz seiner jungen Jahre schon erfahrene Geschäftsmann keineswegs zu Gunsten des Gins ad acta. Vielmehr füllte er den Scotch kurzerhand in jene Eichenfässer um, wo er weitere zwei Jahre lagern darf, dabei heimatliche Aromen annimmt und sich somit wunderbar einfügt in das auf Regionalität und Entschleunigung setzende Konzept der Moordestillerie. Auch der Moorrum, das inzwischen zweite in Kolbermoor veredelte Importdestillat, darf auf diese Weise an regionalem Charakter hinzugewinnen. Weiter hinten in dem länglichen Raum thront ein uriger Holztisch, der die zur Verkostung vorbeischauenden Besuchergrüppchen beherbergt. An der Wand gegenüber stehen Stettner und Boysen oft stundenlang und kümmern sich um die Abfüllung des ersten, gleich preisgekrönten Produkts aus ihrem Hause, den einzigartigen Moorgin.

Handarbeit ist dabei das A und O! Der halbautomatische Abfüll-Apparat aus den 1960er Jahren würde andernorts ein Dasein als Museumsstück fristen, hier tut er unerschütterlich seinen Dienst. Gemächlich geht das voran, mit gerade einmal vier Flaschen pro Runde. „Wir vergleichen das mit dem Besitz eines Oldtimers“, erklärt Stettner, „der braucht auch Hege und Pflege – ihn zu fahren macht aber irre viel Spaß!“ Die fehlenden PS bei der Produktion sind also gewollt. Dementsprechend geht es an der nächsten Station genauso gemütlich zu. Jeder einzelnen Flasche wird die gebührende Aufmerksamkeit zuteil: Von Hand wird der Korken hineingehämmert, von Hand wird sie beklebt. Und in jedem Schritt steckt echte Nachhaltigkeit! So handelt es sich um Naturkorken; um mit biologisch abbaubarer Tinte bedruckte Etiketten aus Hanfpapier; um Flaschen aus hundert Prozent Altglas. 

Apropos Flaschen: Mit ihren „Apothekerflaschen“, erklärt Gin-Experte Boysen, erinnere die Moordestillerie an den Erfinder des Getränks, den 1614 in Hanau geborenen Arzt und Naturwissenschaftler Franz de le Boë. Jener Mediziner habe unter seinem lateinischen Namen Franciscus Sylvius in Holland praktiziert und dort ein schon Jahrhunderte bekanntes Alkohol-Wacholder-Gemisch weiterentwickelt, indem er weitere pflanzliche Zutaten beifügte. Heute, so Boysen, würde man von „Botanicals“ sprechen: Früchte, Gewürze oder Kräuter, die dem jeweiligen Gin seine unverwechselbare Note verleihen. (Den meisten Gin-Sorten zumindest, denn die Kolbermoorer haben derlei Zusätze nicht nötig, wie Boysen betont. Doch dazu gleich.) Sylvius jedenfalls taufte seine Kreation „Genever“ und verabreichte sie bei Magen- oder Nierenbeschwerden. Das Destillat schmeckte auch den Gesunden, wie die weitere Erfolgsgeschichte zeigt.

Ohne Wacholder kein Gin – das gilt bis heute. Was ihren wichtigsten Rohstoff angeht, schlugen die Moorgin-Macher wiederum einen eigenwilligen Weg ein. Um ein komplett heimisches Produkt herzustellen, wagten sie den Versuch, in der urbar gemachten Wildnis hinter Kolbermoor eine eigene Wacholder-Plantage anzulegen. Eine, das räumt das Duo durchaus ein, ziemlich verrückte Idee, benötigt Wacholder doch eher ein trockenes, warmes Klima. Die Lösung: Stettner und Boysen kultivierten eine asiatische Sorte, die feuchte Böden verträgt. Und was den beiden Visionären nach der ersten Ernte Sorge bereitete – die Früchte schienen nicht ganz ausgereift und waren äußerst sauer – erwies sich beim Ansetzen und Abdestillieren als echter Glücksfall. Die dabei entstehenden ätherischen Öle verleihen dem Moorgin eine so charakteristische Zitrusnote, dass keinerlei Botanicals notwendig sind. So fruchtig-sanft und weich liegt der Gin auf der Zunge, dass man ihn sogar problemlos pur genießen kann.

Für die Zukunft malt sich die Moordestillerie eine – freilich langsame – Erweiterung der Range aus. Haselnussstauden und Vogelbeeren wachsen da draußen, neben dem Wacholder. Die schreien geradezu danach, verarbeitet zu werden. Und vier Bienenvölker wurden angesiedelt. „Ich will Bio anbauen“, sagt Stettner. Weil das mit sich bringt, die Pflanzen nicht zu spritzen, verspricht er sich von den Bienen einerseits Unterstützung durch das Bestäuben; andererseits entsteht Honig, den er verwenden will, um seine Schnäpse zu süßen. Eine Rückbesinnung, die dem Großvater Franz Stettner sicherlich gefallen hätte. Der Firmengründer hatte am 12. Juli 1949 vom Hauptzollamt die Genehmigung erhalten, Trinkbranntweine und Liköre herzustellen. Was mit Zitronenlikör begann, führt der Enkel nun kongenial fort – die Idee mit dem Moorgin ist bester Beweis!

www.moordestillerie.de

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