Gesundes Öl aus den Gipfeln Tirols

Christian Topel

Aus der Tiefe des Karwendelgebirges stammt das„schwarze Blut der Erde“: das Tiroler Steinöl. Seit Generationen baut Familie Albrecht das Naturheilmittel ab.

Der süßlich-faulige Geruch von Schwefel liegt in der Luft. Hinter dem Gebäude dampfen Gesteinsbrocken. Unter der Halde erstreckt sich das Bächental, ein einsames Seitental im Tiroler Karwendelgebirge – stumm bewacht vom Gröbner Joch, das jenseitig hinunter zum Achensee blickt. Hier oben, auf 1.400 Metern Höhe, entlockt Familie Albrecht dem Fels in dritter Generation ein seit Jahrhunderten  geschätztes Naturheilmittel: Tiroler Steinöl.

Vor fast 200 Millionen Jahren: An das tausende Kilometer lange Ostufer des Superkontinents Pangaea  schwappt ein Ozean, den Forscher „Tethys“ tauften. Urzeitliche Pflanzen, Fische, Muscheln und die damals weit verbreiteten Ammoniten lebten – und vor allem starben – in jenem Gebiet, das sich viel, viel später schließlich emporfaltete, um die Alpen zu bilden. Längst war er da schon versiegt, jener Ozean; längst hatten sich gewaltige Schichten aus Stein und Sand auf den fossilen Ablagerungen angehäuft  und sie enormem Druck ausgesetzt – der Ursprung des Ölschiefers, Rohstoff eines im deutschsprachigen Raum einzigartigen Gebräus. 

Die Flüssgkeit, in die sich Gäste des ebenfalls von der Steinöl-Dynastie betriebenen Hotels Alpenrose am Ufer des Achensees gerne legen, um Hautprobleme oder Rheuma zu bekämpfen, hat mit dem schwarzen Sirup, den Herrman Albrecht oben im Gebirge gewinnt, nicht mehr viel gemeinsam – außer den kostbaren Inhaltsstoffen natürlich. Wie machen Albrechts also Bäder, Duschgels, Massage-Öle, Shampoo oder Salben aus dem schwarz-grauen Steinvorkommen, das Großvater Martin Albrecht senior im Jahr 1908 entdeckte und abzubauen begann? Im Prinzip nicht recht viel anders als damals, als die Bergmänner ihr Erzeugnis noch mühsam in auf Kraxen verstauten Kannen über das Joch zu Tale trugen.

Am Anfang der Veredelungsskette steht damals wie heute ein Knall. Der Ölschiefer wird hoch droben aus dem Fels gesprengt, grob zerkleinert, jedoch nicht mehr von Maultieren, sondern – seit ihrem Bau im Jahr 1946 – per Materialseilbahn zur weiteren Verarbeitung in die Albrechtsche Anlage gebracht. Das kleine Werk zeigt sich nach den zerstörerischen Angriffen zweier Brände (1927 und 1957) sowie einer Lawine (1984) heute als Zwitter zwischen hochmoderner, komplett computergesteuerter  Schwelanlage und Museum. „Museum“, weil die Familie viele Teile aus der traditionellen Anlage  behalten hat. Nicht zuletzt zu Ehren des Firmengründers und Steinöl-Pioniers, der nach einem Betriebsunfall im Jahr 1925 zwar das Augenlicht verlor, den Betrieb aber mithilfe seiner drei Söhne und der Schwägerin weiterführte. Also ragen in einem Kellerraum immer noch die alten, riesigen Kondensationstürme an die Decke, obwohl es längst ein schlankeres Röhrensystem gibt; also erinnert  noch der alte Destillierofen hinter dem Haus an mühsamere Zeiten, obwohl Albrechts gemeinsam mit einem Ingenieursbüro längst einen moderneren Ofen entwickelt haben, der den Wirkungsgrad von 45 auf über 80 Prozent geschraubt hat.

Musste Großvater Martin die Öfen früher alle 1,5 Stunden beschicken, geschieht das heute nur noch vier mal am Tag. Wurde früher jede Füllung mit Holz befeuert, bis der Ölschiefer selbst schwelte, umströmt heute heiße Luft die Kammern. Das Material erhitzt sich auf bis zu 500 Grad, sodass sich das im Stein gebundene Öl zu einem milchig-weißen Dampf verflüchtigt. In den Kondensiertürmen  verflüssigt sich das Schwelgas wieder, wird durch diverse Filter von Abgasen und Abfallstoffen gereinigt und schließlich destilliert – zu einer pechschwarzen Brühe, dem Steinöl. „20 Liter ringen wir 700 Kilo Ölschiefer ab“, erzählt Hermann Albrecht. Pro Sommer entstünden 5.000 Liter, die – seit 1973 endlich eine Serpentine ins Gebirge gehauen wurde – mit Kleintransportern zum Veredelungsbetrieb nach Jenbach gekarrt werden. Die Schwefelsuppe wird zum erlesenen Pflege- und Naturheilmittel!

Angst, in absehbarer Zeit auf dem Trockenen zu sitzen, brauchen die „Steinölmagnaten“ nicht zu haben. Gründergroßvater Albrecht hatte als passionierter Mineraliensammler ein goldenes Näschen: Messungen  zufolge lagern im Bächental rund 7 Millionen Tonnen Ölschiefer. Genug, um noch viele weitere Generationen lang jene Essenz zu gewinnen, die bei Hautproblemen, Blutergüssen oder Rheuma helfen soll.

Zurück