Geometrie an der Himmelspforte

himmeblau Redaktion

Fotos: Ludwig Watteler


Gipfelkreuze faszinieren Ludwig Watteler schon immer. Seit zehn Jahren fotografiert er sie aus den ungewöhnlichsten Perspektiven.

Wenn nach einem langen, anstrengenden Aufstieg endlich das Gipfelkreuz in Sicht ist, atmet so mancher Wanderer erleichtert auf, wohl wissend, dass er sein Ziel endlich erreicht hat. Das gilt auch für Ludwig Watteler. Der passionierte Bergsteiger und Fotograf ist zu jeder Jahreszeit in den Bergen unterwegs. Während andere die Augen in die Ferne richten, widmet er sich seinem liebsten Motiv auf ungewöhnliche Weise. Er fotografiert Gipfelkreuze, ohne das Bergpanorama drumherum zu beachten. Es geht ihm um die reine Geometrie des Kreuzes, vor der Weite des Himmels. Deshalb haben die Fotografien auch ein für Naturliebhaber seltenes Phänomen gemeinsam. Sie sind alle schwarzweiß. Rund 90 Motive hat der Gräfelfinger in seinem Archiv, die er schon in mehreren Ausstellungen präsentierte.

Als Watteler vor zehn Jahren bei einer Tour unter dem Kreuz Platz nahm und nach oben blickte, wirkte es, als würde der daran hängendeKorpus ihn beobachten. „Da hat es Klick gemacht“, sagt der ursprünglich aus Köln stammende Wahlbayer. Die außergewöhnliche Perspektive hat ihn nachhaltig inspiriert. Die meisten Wanderer blicken vom Kreuz weg, um die Aussicht zu genießen. Watteler hingegen schaut sich das Kreuz an, ist fasziniert von den senkrechten und waagrechten Balken vor freiem Himmel. „Das Kreuz symbolisiert die Vereinigung von Himmel und Erde: Der Längsbalken steht für das Göttliche, während der Querbalken die Verbundenheit mit der Erde und den Menschen ausdrückt“, erklärt der Fotograf. Auf dieses Formenspiel konzentriert er sich völlig. Manchmal legt er sich auf den Boden und fotografiert steil in den Himmel. So entstehen einzigartige Perspektiven. Sein liebstes Foto zeigt das Kreuz auf der Brecherspitze im Mangfallgebirge, das er bei Minus 15 Grad aufnahm. Das Kreuz ist vollkommen mit Eis überzogen. „Mir gefällt die Vergänglichkeit dieser Optik“, sagt er.

Seine Touren sucht er sich trotzdem nicht nach den Kreuzen aus. Er genieße den Moment, in dem sich ihm das Kreuz offenbare, die Überraschung. Mal ist es ein modernes Kreuz aus Metall, mal ein verwittertes aus Holz. „Ich stelle bei meiner Sehweise das Gipfelkreuz mit seiner Einzigartigkeit in den Vordergrund. Ob aufwendige Holzschnitzarbeiten, komplizierte Metallkonstruktionen, oder schlichte Holzbalken ist nicht von Bedeutung“, so Watteler.
Während der Corona Pandemie, als davon abgeraten wurde, die Berge zu besteigen, vermisste der Fotograf seine „Kreuzgänge“. Wie gut, dass in jedem Foto eine Erinnerung steckt. 

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