„Geisterhaus“ entflammte Tossos Herz

Axel Effner

Es muss wohl ein besonderer Zauber auf dem geschichtsträchtigen Bauernanwesen liegen, wenn es zweimal innerhalb weniger Jahrzehnte von außergewöhnlichen Menschen vor dem völligen Verfall gerettet wird – und heute als kulturelle Begegnungsstätte und Dokumentationszentrum zu  den originellsten Kulturjuwelen im Chiemgau gehört. Bei Lesungen, Ausstellungen, Musikantenhoagarten, Kabarettaufführungen und Konzerten international erfolgreicher Künstler wird dieses besondere Flair ebenso spürbar wie bei Bürgerfesten, Hochzeiten oder Firmenfeiern. Der Hilgerhof in Pittenhart lebt und ist für viele ein wichtiges Stück Heimat und echter Geselligkeit geworden. 

Dieses Idealbild hatte wohl auch Tosso Herz im Kopf, der das einst stolze Bauernanwesen aus dem Jahr 1724 vor dem Verfall bewahrt hat. Zu einer Zeit, als Modernisierungsgedanken die Themen Denkmalpflege und Heimatliebe in den Hintergrund treten ließen. Die erste Begegnung an einem tiefverschneiten Wintertag des Jahres 1962 war ernüchternd: „Leer, trostlos und verkommen stand er da, der Hilgerhof; vom Zahn der Zeit angenagt, dem endgültigen Verfall preisgegeben. Der Eiswind pfiff sein schauerliches Lied durch alle Öffnungen dieses Geisterhauses.“ So schreibt es Herz in seinen Memoiren „Der Hilger und sei Sach – Altbayerische Heimatpflege wider den tierischen Ernst“. 

Der vermögende Versicherungsdirektor aus München war bereits seit Jahren hunderttausende von Kilometern kreuz und quer durch den Freistaat gefahren und hatte rund 200 Objekte inspiziert. Immer auf der Suche nach seinem Kindheitstraum vom beschaulichen Leben in einem alten Bauernhaus auf dem Land. In zahlreichen Zeitungen hatte er annonciert: „Suche altes Bauernhaus, zahle bar“. Als Visionär erkannte der damals 41-jährige Münchner mit Leidenschaft und Kennerblick die Besonderheiten des heruntergekommenen Hilgerhofs: Alte, mit Zimmermannssymbolen bemalte Balken, maskenähnlich geschnitzte Pfetten, alte Eisenbeschläge, geschnitzte Eingangstüren und ein Ziehbrunnen mit Quelle mitten im Haus hatten es ihm angetan. Am 1. Februar 1963 war notariell bereits alles unter Dach und Fach. 

In der Folge rieben sich die Nachbarn mehr als einmal die Augen, mit welcher Akribie, Denkmal- und Detailversessenheit „der Stadtfrack“ aus der „verwurmten Bauernhütt‘n“ ein generalsaniertes Schmuckstück und quasi ein bewohnbares Heimatmuseum werden ließ. Rund 400 Handwerker und Künstler engagierte Tosso Herz, um im Zusammenwirken mit Denkmalexperten alles möglichst originalgetreu herzurichten. Sogar Holzdachrinnen-Macher und Butzenscheiben-Verbleier ließ er für seinen millionenteuren Traum vom eigenen Bauernhaus aufmarschieren. Im ganzen Land und in Österreich suchte der „Hilger“, wie er sich nach dem Erstbesitzer nannte, nach Türstöcken, Balken und ähnlichem aus abbruchreifen Bauernhöfen. Jedes reparaturbedürftige Detail ließ er durch ein originalgetreues Teil aus der gleichen Zeit ersetzen. Ebenso sammelte er Antiquitäten und Kunsthandwerk, alte Gerätschaften, Öfen, bäuerlichen Hausrat und religiöse Volkskunst. Heraus kam ein heute kurios anmutendes Sammelsurium an Stilen und Einrichtungen, das Besucher des Museums stets von Neuem in Erstaunen versetzt.

 

Die Krönung war erreicht, als der denkmalbewusste Heimatforscher auch noch zwei alte Bundwerkstadel aus der Region Stück für Stück nach Niederbrunn versetzten ließ, um den ursprünglichen Dreiseithof wiederherzustellen. Dass der millionenschwere Bauer aus Leidenschaft nach der harten Arbeit auch das Leben zu genießen wusste, zeigen Hoagarte und rauschende Feste in der umgebauten Tenne mit Schauspielern, Musikern, Künstlern, Politikern und schönen Damen. Filme und Fotoserien in der nostalgischen Kulisse sorgten für zusätzliche Berühmheit. Der einst verlassene Hilgerhof war ein Sinnbild für Frohsinn und Geselligkeit geworden. 

Gut über ein Jahrzehnt konnte Herz sein neues Leben auskosten, bis der offenbar anstrengende Lebenswandel mit dem plötzlichen Tod 1975 im Alter von 53 Jahren endete. Auch äußerlich veränderte sich in den Hilgerhof-Jahren sein Erscheinungsbild immer mehr vom glattrasierten Direktor im Anzug zum  vollbärtigen Urvieh in Lederhose. Versicherungsdirektor, Bauherr, Landwirt, Heimatforscher, Zeichner und Buchautor, zugleich aber auch ein Phantast und Visionär:  So präsentiert sich Tosso Herz heute. Per Testament und einer Stiftung hat er den Fortbestand des Hilgerhofs gesichert, der öffentlich zugänglich bleiben sollte. Der Landkreis übernahm schließlich das ungewöhnliche Museum, bis drückende Defizite eine neue Lösung erforderlich machten. 

Und wieder war es die Visionskraft zweier Männer, die den Hilgerhof retteten: Der ehemalige Pittenharter Bürgermeister Hans Spiel hatte die Idee, den Hilgerhof in der Trägerschaft der Kommune weiterzuführen. Voraussetzung dafür war ein neuer Förderverein und der Umbau für die Nutzung als modernes Kultur-Begegnungszentrum. Sepp Reithmeier, heute Bürgermeister von Pittenhart und Vorsitzender des vor zehn Jahren gegründeten Kulturvereins Hilgerhof, gelang das Kunststück, als Impulsgeber, Bauleiter und Beschaffer von EU-Fördermitteln die Rettung des Hilgerhofs zusammen mit Vereinen und ehrenamtlichen Unterstützern zu einem Bürgeranliegen der Pittenharter werden zu lassen. 

5.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit flossen in Modernisierung und Umbauten: Das Gebäude wurde energetisch saniert, der Festsaal für Veranstaltungen optimiert und der Stadel für Ausstellungen und die alternative Nutzung als Schießstand für die Schützen ausgebaut. Ebenso kamen ein Anbau mit neuer Küche, sanitäre Anlagen und ein Raum für die Schützen dazu. Gemeinde, Landkreis, Behörden und das beteiligte Architekturbüro arbeiteten Hand in Hand. Mit Bauerngarten, Streuobstwiese, Biotop und Bienenstand dokumentierte auch das äußere Umfeld echten Gemeinschaftssinn und Heimatverbundenheit. 2015 erhielt der Kulturverein dafür den Deutschen Bürgerpreis des Landkreises Traunstein im Bereich „Alltagshelden“.

Tosso Herz wäre mit Sicherheit vom neuen Hilgerhof begeistert. „Es ist fast so, als ob sein Geist hier immer noch spürbar ist und das Herz der Leute mit Begeisterung und Freude erfüllt“, sagt die Museumsführerin Amalie Oberlechner. Zusammen mit den anderen Vorstandsmitgliedern des Kulturvereins Hilgerhof ist sie beim Gespräch in der ehemaligen Studierstube von Herz überzeugt, dass der Ort ein besonderer Kraftplatz sein muss. Wo findet man schließlich ein so wundersames Beispiel dafür, wie ein einst prächtiger Hof nach Jahrzehnten des Verfalls wie Phönix aus der Asche ersteht und in neuem Leben erblüht?

 

Der Hilgerhof

Niederbrunn 12 

D-83132 Pittenhart

Tel.  +49 8624 2143

www.hilgerhof.de

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