Ganz großes Kino

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Wie schmecken die Alpen? In seiner gemütlichen Tagesbar komponiert Abdul Iqbal Cocktails, Limonaden, Eistee oder Punsch rein aus alpenländischen Zutaten. In jedem Glas ein „Alpentrunk“. 

„Es gibt nichts Gutes, außer Man(n) tut es.“ Das – wie er selbstironisch sagt – „chauvinistisch abgewandelte“ Erich-Kästner-Zitat hat sich Abdul Iqbal auf den rechten Unterarm tätowieren lassen. Es soll ihn anspornen, stets wagemutig zur Tat zu schreiten. Beide Arme und Hände sind Landkarten voller Symbolik. Das kleine Pik As erinnert an sein einstiges Hobby: das Pokern. Die höchste Spielkarte mahnt den 35-Jährigen, immer das Bestmögliche zu geben und anzustreben. Eine Birne steht für die Liebe zu seiner Frau, eine Anspielung an eine Szene im zweiten Teil der meisterhaften Mafia-Trilogie „Der Pate“. Der Cocktailtumbler zeugt von seiner Berufung: Abi, wie Freunde ihn nennen, ist Barkeeper. Und als solcher seit Mitte des Jahres auch Inhaber einer kleinen Tagesbar.  Tür auf, drei Schritte, und man steht auch schon an der Holztheke, auf der sich Gläser und Tiegel voller Kräuter und Gewürze aneinanderreihen. Linkerhand zwei Barhocker, rechterhand zwei, drei Stühlchen, ein Sitzpolster im Schaufenster, mehr Platz gibt´s nicht, mehr braucht´s vorerst auch nicht. „Alpentrunk“ hat er den in der Nähe von Rosenheims Fußgängerzone liegenden Laden getauft, in Anlehnung an sein Konzept, das man am besten versteht, wenn man sich eine seiner raffinierten, vornehmlich alkoholfreien Kreationen kredenzen lässt. 

In „Lila Laune“ zum Beispiel versetzt ein Drink auf Basis von Buttermilch, Rote-Beete- und Johannisbeersaft. Darüber hinaus sorgen einerseits die ätherischen Öle von Lavendel, andererseits ein neben essbaren Blüten als Garnitur auf dem Cocktail schwebender Rotkohl-Chip für den geschmacklichen Kick. Die Blüten und das hauchzarte, eigenhändig kross gedörrte Gemüseblättchen hat Abi auf einem zartrosa Häubchen aus feinporigem Johannisbeerschaum gebettet. Ob „Grüne Inge“, „Rosmarie“, „Reine Maria“ oder „Holler, die Anna“ – jedes Getränk kommt als Augenweide auf den Tisch, jeder Schluck wird zum Erlebnis! Die Espuma auf der Lila Laune etwa dient ja nicht nur der Optik – sie verleiht dem Getränk obendrein seine charakteristische Textur. „Die Zunge soll etwas zu spielen haben“, findet der gebürtige Kölner, der sein heutiges Handwerk hier in der Innstadt erlernte – von einem wahren Meister seines Fachs und erst nach einigen Umwegen. Wege der Selbstfindung sozusagen.

Nach seinem Studium an der Kunstakademie in Hennef pilgerte der junge Kommunikationsdesigner ursprünglich nach Rosenheim, um in der Modebranche Fuß zu fassen. Fast ein logischer Schritt: Die Mutter hat ihn früh für Kunst begeistert, der aus Pakistan stammende Vater ebenfalls in der Textilbranche gearbeitet. Abi landete bei einem großen Mode-Label, für das er Klamotten designte, versuchte sich dann für namhafte weitere Marken als Schaufenster-Dekorateur – doch ständig rumorte da eine gewisse Unzufriedenheit in ihm.

Die in Wirklichkeit schon lange Zeit vorhandene Affinität zur Gastronomie scheint ihm so richtig erst während des Gesprächs über seine Vergangenheit bewusst zu werden. Beim Grübeln streicht er den schieferschwarzen Vollbart glatt, als ihm pötzlich einfällt, wie sehr er als Kind die Gerüche der in der elterlichen Küche eingesetzten, exotischen Gewürze liebte; er erinnert sich, wie gern er die Eltern in Restaurants begleitete, wo er genauso brav wie fasziniert die durchkomponierten Inneneinrichtungen, die schicken schwarz-weißen Uniformen, die liebevoll angerichteten Speisen bestaunte; er erzählt, wie er die Kumpels erst immer ordentlich bekochte, bevor die Poker-Abende über die Bühne gingen; die Diplomarbeit über eine fiktive Fingerfood-Marke habe er größtenteils beim Lieblings-Italiener geschrieben, sagt er und schmunzelt darüber, dass ihm die sprichwörtlichen Schuppen trotzdem erst von den Augen fielen, als ihm ein gewisser Vasko Lalic den Job als Lehrling hinter der Bar seines Restaurants anbot. „Vasko war mein Mr. Myagi“, sagt Abi, der sich augenscheinlich ungeniert von Kino und TV-Produktionen inspirieren lässt.

Jenen Mr. Myagi kennen Cineasten aus den legendären Karate-Kid-Streifen. Die Figur hat es von der Leinwand zur weltweit bekannten Metapher für einen väterlichen Mentor gebracht. Als solcher führte Vasko Lalic nicht nur das Espana, eine über lange Jahre beliebte Institution der Rosenheimer Gastro-Szene; der vielfach preisgekrönte Barkeeper führte Abi auch auf den Pfad der Erleuchtung. Denn wohlgefühlt hatte sich der „Zuagroaste“ in Bayern schon immer, doch erst hinter der Bar begann er, sich endlich auch Zuhause zu fühlen.

Der Rest ist schnell erzählt. Nach dem Ende des Espana schnuppert Abi hier bei einer bekannten Café-Kette in die Barista-Szene hinein, schmeißt da den als Café konzipierten Ableger eines rein vegetarischen und veganen Restaurants. Eines Tages bekommt er die Chance, diese schnuckligen Räumlichkeiten in der Kaiserstraße zu übernehmen.

Die Ideen zu seinen Alpentrunks gärten da längst in ihm. Und wieder war der Bildschirm beteiligt. Die US-amerikanische Netflix-Doku-Serie „Chef‘s Table“ porträtiert renommierte Küchenchefs aus aller Welt. Zwei kochen so, wie Abi heute seine Drinks komponiert: Mit frischen Zutaten aus der Region. In seinen Gläsern soll sich der Geschmack der Alpen konzentrieren, sagt Abi. Dafür sorgen – als Zutat für Cocktails mitunter überraschende – Kräuter von heimischen Almen wie Löwenzahn, Kamille oder Rosmarin; Säfte, Marmeladen und Gelees aus dem Alpenland; Frucht- Toppings, die noch nicht so ausgelutscht sind wie der obligatorische Orangen-Schnitz. „Gute Schauspieler werden schließlich durch einen ordentlichen Side-Kick noch besser.“ Apropos Side-Kicks: Zu den Cocktails, Limonaden und Eistees reicht Abi nicht minder verblüffendes Barfood. Snacken wird nämlich erst abseits von Erdnüsschen spannend. Dementsprechend fabriziert Abi Apfelringe, Kürbisringe, Rotkohl- sowie Laugen-Chips. Alles in allem: Ganz großes Kino!   

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