Frisches Gras für Skifahrer

Christian Topel

Fotos: Christian Topel, Stegga

Zwei Bayern auf dem Retro-Trip: Dominikus Brückner und Max Dhom bringen mit ihren Stegga den Bambus zurück auf die Berge.

Aschau im Chiemgau. Ein riesiges, von Dominikus Brückner eigenhändig  restauriertes  Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert. Im vorderen Drittel schläft eine vier Stockwerke hohe, längst stillgelegte Mühle. In der Mitte dekoriert Dominikus´ hochschwangere Frau schon mal das  künftige Kinderzimmer. Im hinteren Drittel hocken dieser Dominikus und sein Kumpel Maximilian  Dhom, servieren ein kühles Bier und philosophieren über Sinn und Unsinn einer DIN-Norm, die ihnen im letzten Jahr das Tüftlerleben schwer machte. Fordert diese Norm doch, ihr ursprünglich  nahezu unzerstörbares Produkt quasi „kaputtbar“ zu konstruieren. Doch was anderen Unternehmern vermutlich Zornesfalten ins Gesicht graben würde, kann diesem Duo das Dauergrinsen nicht demolieren.

Nicht umsonst lernten sich Niki und Max im Riederinger Trachtenverein kennen! Als gstandene  Simssee-Trachtler übertrugen sie einfach das vom Maßkrug her bekannte Prinzip der Sollbruchstelle  auf ihren „Stegga“. Stegga – übersetzt heißt das nichts anderes als Stock. Und wirklich wollen die beiden Ingenieure (Niki Holz-, Max Maschinenbau) ab Januar nicht viel mehr auf den Markt werfen, als Skistöcke. Auf gut Bairisch eben: Stegga. Der Clou an der Sache ist das Material. Wie zu Großvaters Zeiten bestehen die Dinger aus Bambus, jener vor allem in Asien  verbreiteten Grasart, die zwei für das Vorhaben extrem vorteilhafte Eigenschaften mitbringt. Bambus wächst so schnell, das man buchstäblich zusehen kann; sein holziger Charakter  macht es zudem außerordentlich stabil.

Doch wie kommt man zu Zeiten von Kohlefaser und Faserverbundtechnik auf die Idee, einen in heimischen Wäldern obendrein nicht gerade verbreiteten Rohstoff zu benutzen? Ganz einfach: Die Idee ist aus der Not geboren, und Bruder Zufall spielte Geburtshelfer. „I hob im Studium einfach z´vui Zeit ghobt“, verrät Niki. Anders als sein berühmter Bruder Maximilian Brückner steckte er seine überschüssige Zeit aber nicht ins Schauspiel, sondern in den Sport. Das  Gleitschirmfliegen und das Skifahren halten ihn häufig vom Hörsaal fern. Leider brettert er beim  Telemarken wie ein Berserker durch die Berge, sodass ihm die Skistöcke zu Dutzenden brechen. Bis er über Großvaters Bambusstöcke stolpert. Die Teile halten sogar seiner brachialen Technik stand. Außerdem haftet ihnen so eine altehrwürdige Patina an. Niki ahnt das Potential, Begriffe wie Retro oder Lifestyle wirft aber erst Max in die Waagschale.

Den holt Niki an Bord, weil der Kumpel im ganzen Dorf als Tüftler und Tausendsassa bekannt, und obendrein „für jeden Scheiß zu begeistern“ ist. Der vermeintliche Scheiß jedoch stößt auf reges Interesse, noch bevor überhaupt ein einziges Paar Stegga in Umlauf kommt. Bis vor kurzem existierten nur Testobjekte und der Prototyp. Die heiligen Ur-Stegga. Immerhin, die schrammten erst kürzlich haarscharf am Gewinn des „ISPO BRANDNEW Awards“ vorbei, seines Zeichens der weltweit größte Jungunternehmer-Wettbewerb der Sportartikelindustrie. „Wer an Stegga fährt, is a bissi extrig“, glauben Niki und Max. Deshalb stellten sie sich und ihre Idee in einem, gelinde ausgedrückt, unkonventionellen Video vor. Aufwendig gedreht im heimatlichen Dehna, inklusive halsbrecherischer „Teststrecke“ vom Heuboden, mit Soundtrack aus der Feder von Gerd Baumann. Dass der Filmkomponist von „Wer früher stirbt, ist länger tot“, diese Frechdachse cool findet, ist nachvollziehbar. Unter die Finalisten wählte eine Fachjury dementsprechend das  Konzept. Damit dürfen die beiden Bamb(us)ini ihre Stegga auf der ISPO präsentieren.

Inzwischen gibt’s sogar ein Stegga-Mobil, einen mit Logo bemalten Bus, aus dem heraus die Jungs  von Wintersportevent zu Wintersportevent tingeln wollen, um Stegga zu verhökern. Wenn die Bestellungen weiter so zahlreich eintrudeln, werden sie bis dahin keine mehr übrig haben. Das Konzept sieht vor, jede Saison nur eine limitierte und durchnummerierte Anzahl zu produzieren. Unikate eben. Bei aller bayerisch-bodenständig zelebrierten Unbedarftheit – ein Gespür  fürs Marketing haben die Zwei. Darum stammt ihr Bambus auch aus geprüft ökologischem Anbau. Da lacht der Zeitgeist, und die Naturliebhaber jubilieren. Und weil auch der schönste Winter wieder vergeht, haben sich die Bambus-Sprösslinge sogar schon was für den Sommer überlegt. Man wird bald nicht mehr drumherum kommen, um das neue, bayerische Gras.

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