Frisch gemalt ist halb gewonnen

Christian Topel

Die Malerin Anna van den Hövel in ihrem Atelier.
Fotos: Andreas Jacob

Auf Reisen sammelt Anna van den Hövel Eindrücke, die sie zu abstrakten Gemälden verarbeitet. Nun will die Weltenbummlerin das Wagnis „Kunst“ beruflich eingehen. 

Wenn Anna van den Hövel arbeitet, bändigt sie ihre strohblonde Wuschelmähne, indem sie das Haar zu einem gewaltigen Dutt auftürmt. Das Knäuel ist fast so groß wie eines ihrer Lieblingswerkzeuge: ein 20 Zentimeter breiter Flächenstreicher. Auf vielen aktuellen Fotos verbirgt sie ihr Gesicht hinter jenem Pinsel. Auszusetzen gibt es an diesem Gesicht nichts, rein gar nichts. Große, gletscherblaue, freundlich dreinblickende Augen; ein paar fröhlich dahingesprenkelte Sommersprossen; eine ebenmäßige Nase mit leichtem Stups; volle Lippen – die 24-Jährige hat schon viel gemodelt. Jetzt soll es aber nicht mehr um die eigene Schönheit gehen. Auf diesen Fotos steht oder sitzt Anna van den Hövel inmitten ihrer Werke. Die junge Frau hat sich entschlossen, das Wagnis einzugehen und ihr Glück als Malerin zu suchen. Diese Pose mit dem Pinsel vor dem Gesicht will also sagen: Augen auf die Kunst, bitteschön!

Annas Atelier liegt im Nordwesten Münchens, im sogenannten Botanikum. Den früheren Gärtnereibetrieb mit seinen unzähligen Glasgewächshäusern haben die Besitzer Bettina und Heinrich Bunzel in einen Ort verwandelt, der auf besondere Weise Natur, Kunst und Mensch verbinden soll. Wo früher Pflanzen herangezogen und verkauft wurden, finden heute auch Veranstaltungen statt und haben sich eine ganze Reihe unterschiedlichster Künstler angesiedelt. Kreativität in der Stadt und gleichzeitig im Grünen. Sich hier neben etablierten Vertretern der Zunft der abstrakten Malerei zu widmen, anstatt das BWL-Studium zu beenden, ist fraglos ein Risiko – eine „Investition“ wie Anna es nennt. Denn es werde natürlich Zeit brauchen, bis sie davon leben könne, und verursache vorerst beträchtliche Kosten (für Miete, Materialien, Werkzeuge). Andererseits fühle es sich einfach richtig an, schließe sich gewissermaßen der Kreis. Sie habe, erzählt Anna, schon als Kind in der Natur, in und mit Dreck gespielt; habe in der Montessori-Schule aus allem, was ihr in die Finger kam, seltsame Skulpturen geformt; und hätte später, nach Abschluss des internationalen Abiturs in London auch ein Kunststipendium bekommen. Doch sei sie viel zu rastlos, um die Nase jahrelang in Bücher zu stecken. Es hat sie schon immer hinaus gezogen in die Natur, sie ging schon immer gern auf Reisen – nun lässt sie aus den zwischen Chiemgauer Alpen, südamerikanischen Vulkanen oder indonesischen Inseln gesammelten Eindrücken Gemälde entstehen.

Das lichtdurchflutete Atelier liegt im sogenannten Botanikum.

Farbintensive Werke bringt Anna van den Hövel auf die meist riesengroßen Leinwände. Sie bespannt und rahmt den Stoff zuerst, legt die weiße Fläche dann auf den Boden und befüllt sie sitzend, stehend und drumherumstapfend. „Meine Bilder zeigen alles aus der Vogelperspektive – ob Orte, Landschaften oder Situationen“, erklärt die Künstlerin. Farben und Materialien spiegeln dabei die Beschaffenheit des realen Bezugsrahmens wider. Ein Bild voller kraftvoller, dynamischer, sich kreuzender – quasi überschlagender – blauer Linien erinnert an eine „washing maschine“ vor der Küste Australiens. Als Waschmaschine bezeichnen es Surfer, von einer Welle unter Wasser herumgewirbelt zu werden. Um die sogenannten Calas, die felsigen Buchten Menorcas, oder die schroffen Vulkangesteine Perus abzubilden, nutzt van den Hövel neben Farben, Lacken oder Pigmenten aus dem Baumarkt Materialien wie Erde, Sand und Mörtel. Ein „Gematsche“ wie früher, nur mit mehr Sinn und Verstand.

In eine weltoffene Familie hineingeboren, wuchs Anna van den Hövel in München, Tirol und auf Menorca auf. Nach der Münchener Montessori-Schule ging es auf ein Londoner Internat. Dort lenkten die Lehrer Annas kreative Ader in geordnete Bahnen. Ein dicker Wälzer voller Skizzen und Notizen zeugt davon, wie sich die heutige Ausdrucksweise in jenen vier Jahren entwickelte. Sie habe gelernt, mit jedem Bild eine Geschichte zu erzählen und Emotionen auf die Leinwand zu projizieren, sagt Anna. Um die gewünschten Effekte zu erzielen, galt es viel zu experimentieren. Wo das Experiment des Daseins als Künstlerin hinführt, wird sich zeigen. Erste Ausstellungen – in der Münchner Hofstattpassage zum Beispiel oder aktuell im Hearthouse, einem Private Member Club in der Alten Börse am Lenbachplatz – geben Grund zur Zuversicht, dass sich die Investition ins eigene Talent lohnen könnte. Noch ist es zu früh, darüber zu urteilen, sich Gedanken zu machen. Jetzt, in diesem Augenblick, will sie einfach nur malen. Wie war das damals, auf der Insel Koh Rong vor Kambodschas Küste? Die Weltenbummlerin zieht den grauen Schlabberpulli aus, trägt ein paar Töpfe und Tiegel, Pinsel und Spachtel hinüber zu einer auf dem Boden liegenden, blütenweißen Leinwand, hockt sich in die durch das Glasdach einfallende Sonne und knotet ihren Dutt.

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