Freiheit pur

Petra Rapp

Foto: Kammerlander

Der Extremsport ist sein Leben: Axel Naglich aus Kitzbühel zählt zu den besten Skialpinisten der Welt.

Aufgewachsen ist der 44-Jährige in Kitzbühel, die Abfahrt der Streif direkt vor dem Elternhaus, wo er heute sein Architekturbüro betreibt. Klar, dass man da schon von klein auf auf zwei Brettern steht. Doch nicht jeder wird darauf so groß wie er. Axel Naglich war elf Jahre Vorläufer bei der Hahnenkamm-Abfahrt, aber im klassischen alpinen Rennsport ist er irgendwie nie hängengeblieben. Sein Weg führte ihn zu eher ausgefalleneren Zielen: zu den 24-Stunden-Rennen von Aspen, zum Ski Cross, zu den X-Games und den Red Bull Snowthrills in Chamonix. Und dann als Freeskier auf eigene Faust immer mehr zu den steilen, weißen Rinnen, die bestenfalls noch nie jemand vor ihm befahren hat. Keine Vorgaben oder Reglementierungen, Freiheit pur. Axel Naglich ist aber schon immer auch Multisportler, unter anderem mehrfacher Ironman-Teilnehmer und er klettert sehr gerne.

Seine Entwicklung vom extremen Freeskier hin zu einem der wohl derzeit besten Skialpinisten ist deshalb nur logisch. Seine Devise: Dort, wo er runterfährt, steigt er, wenn irgendwie möglich, vorher auch aus eigener Kraft hinauf. „Das Besteigen hoher Berge und das anschließende Abfahren mit Ski ist für mich eines der letzten großen Abenteuer in einer überzivilisierten, doppelt und dreifach gesicherten Welt. Je höher und wilder die Berge werden, desto mehr spürst du dich.“ Er hat ungezählte Besteigungen und Erstbefahrungen in den Alpen, in Neuseeland und am Kaukasus hinter sich. Seine spektakulärste Abfahrt machte er aber vom Mount St. Elias, dem zweithöchsten Berg der USA, der sich in einer der wildesten, weil archaischsten Ecken unseres Planeten befindet. 5.489 Höhenmeter auf 25 Kilometer Distanz, mit einer einzigartigen Linie und unglaublichen Steilflanken vom Gipfel bis hinab an den Golf von Alaska.

„Boah, geiler Berg, das wär was“, meinte Axel während des ersten Fluges über den Berg. Der Traum war geboren. Und Axel war schon immer ein Typ, der seine Träume lebt. Sein Freund Peter „Resl“ Ressmann, der 2010 bei einem Canyoning-Unfall tragisch ums Leben kam, war erster  Ansprechpartner und gleich mit dabei, als Axel ihm Bilder dieses wunderschönen Berges zeigte, der so viel Anziehendes und Abschreckendes zugleich hat. „Ich wusste genau, der Resl tickt so wie ich. Sport hieß für uns beide nicht Rekord. Die Tatsache, dass das die längste Skiabfahrt  der Welt werden könnte, war uns gar nicht bewusst. Da war mehr. Da war einfach das Gefühl: Wahnsinn! Was fuür ein irrer Berg in was für einer Gegend, absolut außerhalb jeglicher Zivilisation. Mein Gott, wäre das schön, da hinunter zu fahren.“

Doch so ein Traum braucht auch viel Geld, um Realität werden zu können. „Dass das Projekt ‚Mount St. Elias‘ nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch eine völlig neue Dimension für mich wird, war mir sehr schnell klar. Und auch, dass das Ding nur zu finanzieren ist, wenn Gerald mitkommt und einen außergewöhnlichen Film daraus macht.“ Für Gerald Salmina, Filmregisseur und Produzent, sollte die Dokumentation „Mount St. Elias“ ebenfalls zum bisher aufwendigsten und auch riskantesten  Filmprojekt seines bisherigen Lebens werden.

„Mount St. Elias“ wurde ein beeindruckender, sehr sehenswerter und auch erfolgreicher Kino-Dokumentarfilm. Und doch ist es „nur“ ein Film, der nicht die ganze Realität wiedergeben kann und der die Beteiligten vor Ort auch immer wieder zu Kompromissen zwang. Das, was Axel Naglich und sein Team alles erlebt haben, ist kaum vorstellbar.

Sein ganz persönlicher Höhepunkt am Mount St. Elias? „Dass wir den Sturm überlebt haben. Wir waren  dem Gipfel schon ganz nah, auf 5.150 Metern, als das Wetter plötzlich umschlug. Ein Orkan, wie ich ihn noch nie erlebt habe, dazu Temperaturen von minus 30 Grad, null Sicht, tage und  nächtelanges Ausharren und  Schaufeln in der Eishöhle beim Advanced Basecamp. Das war der reine  Überlebenskampf bis wir wieder auf der Haydon Shoulder waren, ausgeflogen werden konnten und die Expedition erst einmal abbrachen. Dann folgte doch noch der Gipfelsieg von Resl, Volker Holzner (Bergführer), Günther Göberl (Kameramann) und mir. Das war schon sehr bewegend. Ich fühlte eine sehr tiefe innere Zufriedenheit. Oben am Gipfel zu stehen war die Grundvoraussetzung, dass  wir überhaupt runterfahren können und das Projekt damit geglückt ist.“

Die untere Hälfte bis zum Ozean hatten die beiden schon vorher befahren. Die Abfahrt vom oberen  Teil war ebenfalls noch einmal heikel. „Wir wussten, jeder Sturz kann hier aufgrund der Steilheit tödlich  enden und überall lauern Lawinen oder brutale Spalten. Der Berg verzeiht keine Fehler. Aber auf Ski fühl ich mich einfach sicher. Resl und ich machten keine Fehler. Ganz unten gab es dann über die Shoulder noch lässiges Skifahren zum Abschied vom Mount St. Elias. Mein Traum ist Realität geworden!“

Hat sich sein Leben seither verändert? „Eigentlich nicht. Es war ein kurzer Hype um die Geschichte. Und es war – keine Frage – das bisher Größte, was ich sportlich gemacht habe. Herausfordernd, langwierig, frustrierend, beglückend – in allem eine ganz neue Dimension, in allen Belangen existentiell.“

Axel Naglich wäre nicht er selbst, wenn er nicht schon wieder neue Träume hätte. „Unter anderem 2013 eine Expedition in Alaska. Skibergsteigen, garniert mit Paragleiten, Biken und Hiken“, erzählt er, will aber noch nicht weiter rausrücken mit seinen Plänen. Jetzt stehen erst einmal seine Frau und sein im September 2011 geborener Sohn Thaddäus im Mittelpunkt.

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