Franz Guck-in-die-Luft

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Einen ähnlich repräsentativen Ausleger für eine Gasthausfront gibt es im weiteren Umkreis kein zweites Mal. Jetzt glänzt Flötzingers Vorzeige-Schild wieder in frischen Farben.

Auf 80 Lebensjahre blickt Rosenheims letzter Privatbräu Franz Steegmüller zurück. Traditionell hat er auch den diesjährigen, beachtlich runden Geburtstag kurz nach der Rosenheimer Wiesn im Urlaub verbracht. Der Seniorchef der Flötzinger Brauerei sehnt sich nach den Tagen des Trubels nach Ruhe und Erholung. Ohnehin hat er sich das schönste Geschenk schon vor dem großen Jubeltag selbst gemacht: Er ließ den imposanten, die Rosenheimer Kaiserstraße markant prägenden Wirtshaus- ausleger des alten Brauerei- Stammhauses wieder in Schuss bringen. Hier wurde die Brauerei 1543 gegründet! Nicht nur deshalb eine echte Herzensangelegenheit für Franz Steegmüller, der mit diesem geschichtsträchtigen Metallkoloss auch eine warme Kindheitserinnerung verbindet.

Eine Zeit lang lag nämlich sein Kinderzimmer schräg gegenüber, so dass der Blick des kleinen Franz beim Einschlafen immer genau auf dem prachtvoll beleuchteten Ausleger ruhte. Ehe der Jubilar das Schild nun wieder in alter Pracht bewundern konnte, hatten die Kirchenund Kunstmaler Christof Böklen und Hubert Kirmaier fast fünf Monate zu tun. Um den Ausleger wieder auf Vordermann bringen zu können, musste er abgenommen werden. Dazu rückte die Metallbaufirma Kirner aus Bad Endorf vergangenen Winter mit Kran und Lastwagen an. Immerhin misst das Metallmonument etwa 3,5 auf 2,5 Meter und wiegt locker 400 Kilogramm! Aus nächster Nähe bestimmten die Maler dann erst einmal die Farben, um sie möglichst originalgetreu nachmischen zu können. Beim Fahrzeug- und Karrosseriebau Geidobler ging es nun per Sandstrahler allen alten Anstrichen, Vergoldungen und vor allem dem Rost zu Leibe. Kirners ergänzten daraufhin einige im Laufe der Jahre verloren gegangen Teile (zum Beispiel einige Blüten am Gerank in der Mitte) und erneuerten alle kaputten Teile der Aufhängung – nicht ohne eine kleine Veränderung vorzunehmen. Auf dem vergoldeten Fass prangte ursprünglich die Jahreszahl 1604 – auf  dieses Jahr datiert die erste urkundliche Erwähnung eines Besitzers des Gebäudes, das damals noch als Wiesengasse 153 geführt wurde. Brauerei und Maler entschieden sich, stattdessen das Gründungsjahr der Brauerei einsetzen zu lassen.

Über vier Monate waren darüber ins Land gezogen. Wieder bei Firma Geidobler lagernd erhielt das Schild eine Spritzverzinkung und Grundierung. Um den beiden Kunstmalern die Arbeit zu erleichtern, schweißten Geidoblers an der Aufhängung eine Art Fuß an. So konnte das Schild freistehend bemalt und bei Bedarf mit dem Gabelstapler bewegt werden. „Wir hätten es ja schlecht aufbocken und bei Bedarf mal eben umdrehen können“, erinnert sich Christof Böklen schmunzelnd.

Im Großen und Ganzen hielten sich die Künstler an die alte Farbigkeit: grüne Ranken, weiße Blüten, blauer Schrifthintergrund, Schrift und Fass in Blattgold. „Einige Dinge haben wir aber geändert“, erzählt Böklen: Insgesamt sei es etwas weniger bunt, um dem Gesamteindruck mehr Klarheit zu verschaffen. Das Dach glänzt nun grau, unter einer anthrazitfarbenen Einfassung. Auch das Pferde- fuhrwerk empfanden die Experten in der früheren Fassung sehr naiv umgesetzt. Zum Einsatz kamen nur hochwertige Lacke sowie ein extrastarkes Rosenoble Doppel Gold mit 23,75 Karat. Und Franz Steegmüller? Der spaziert jetzt noch lieber hinüber zu „seinem“ Brauerei-Stammhaus und guckt seelig nach oben.

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