Fräulein Camillas Gespür für Holz

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Model, doch bestimmt kein Mode-Püppchen! Holzbildhauerin Camilla Roth aus Berchtesgaden schnitzt filigrane Figuren.

In den Augen der jungen Camilla Roth vollführte jene hoch in die Berchtesgadener Luft ragende Holzhand quasi einen an das Mädchen persönlich gerichteten Wink des Schicksals. Die Skulptur steht im Garten der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei – von Absolventen, Lehrenden und der Bevölkerung nur liebevoll „Schnitzschule“ genannt. An der im Jahre 1840 als Zeichenschule gegründeten und später von dem Bildhauer Michael Hohm zur Schnitzschule umfunktionierten Einrichtung spazierte das Mädchen während seiner Realschulzeit oft vorbei und bewunderte entweder die nach jeder Gesellenprüfung im Freien ausgestellten Objekte, oder blieb so manches Mal auch stehen, um den angehenden Künstlern dabei zuzusehen, wie diese bei schönem Wetter draußen im Hof mithilfe von Kettensägen ihre Figuren aus Baumstämmen schälten. Selbst schon immer ein kreativer Kopf, entschied Camilla für sich: „Ich werde Holzbildhauerin!“

Der Raum ist winzig. Einzige natürliche Lichtquelle: ein zweiflügeliges Fenster. Auf dem Fensterbrett reihen sich Bücher, dicke Wälzer über Albrecht Dürer, Auguste Rodin, Goethes Faust. Daneben sitzen eine Gipsbüste und eine kleine hölzerne Gliederpuppe. Unter dem Fenster steht der Schnitzbock, an dem Camilla Roth – mit Hammer und Beitel bewaffnet – ein Menschlein aus einem Stück Lindenholz schnitzen will. Wie sie es in ihrer dreijährigen Ausbildung an eben jener Berchtesgadener Schnitzschule gelernt hat, skizzierte sie die Figur zuerst. Die Skizze wiederum fertigte sie anhand eines Fotos, das ihr die Gattin des abgebildeten Mannes zukommen ließ. Die Skulptur soll ein Geburtstagsgeschenk werden. Auf diese individuellen, personalisierten Figuren hat sich die junge Bildhauerin spezialisiert. Sie wolle lieber vielen Menschen eine Freude machen, als riesige Kunstwerke zu erschaffen, die sich nur wenige leisten könnten, sagt sie. Freilich ohne es sich grundsätzlich zu verbieten, wenn die Zeit es zulässt und der Auftrag es gebietet. Doch meist klopfen die Kunden nun aus einem besonderen Anlass bei ihr an: zum Jubiläum des Firmenchefs, zum Jahrestag mit der Liebsten, zur Hochzeit der besten Freunde. Camilla bittet dann um ein Foto, das die in Holz zu verewigenden Menschen mit einem charakteristischen Utensil oder in den Lieblingsklamotten zeigt. In liebevoller Detailarbeit schnitzt und malt sie daraufhin die niedlichen Doppelgänger.

Noch betreibt die 25-Jährige die Holzbildhauerei als eines von drei Standbeinen. Als nach bestandener Gesellenprüfung die Überlegung im Raum stand, obendrein eine Meisterschule oder Kunstakademie zu besuchen, baute der Opa stark ab. Bei seiner Pflege zu helfen, war der Enkelin sowohl tiefes Bedürfnis, als im Nachhinein auch wertvolle Lebenserfahrung. Das erde sie bis heute, sagt sie. Um Geld zu verdienen, begann Camilla also, in einem Sportgeschäft zu arbeiten. Zudem ist sie immer wieder als Model im Sport- und Freizeitbereich unterwegs. Inzwischen zogen Frau mitsamt Werkstatt nach Riedering bei Rosenheim um. Und die Aufträge häufen sich. Bevor das aktuelle Geburtstagskind Konturen annehmen darf, pflegt Camilla ihr Werkzeug. Abziehen am ledernen Streichriemen, Nachschärfen an der Maschine – und schon fliegen wieder die Späne.

Mehr über Camilla finden sie auf ihrer Webseite, auf Facebook und Instagram.

www.crbildhauerei.de

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