Flanieren auf dem Wasser

Christian Topel

Foto: Claudia Krumpholz

Beim Stehpaddeln gehen Körper und Geist auf Reisen. Die Trendsportart ist leicht zu erlernen und auf nahezu jedem Gewässer möglich. Auf geht´s!

Und dann stehe ich da, nur dieses Brett zwischen mir und dem Wasser; und ich vermute, so muss sich jener Urmensch gefühlt haben, der sich einst irgendwo aus dem Steppengras erhob, um den aufrechten Gang zu wagen, die Weite seiner Welt erstmals aus einer völlig neuen Perspektive kennenlernend; und gleichzeitig denke ich, du meine Güte, pack das Pathos wieder ein, wie oft bist du schon mit dem Boot hier draußen über den Chiemsee geschippert und standest an Deck und konntest ganz bequem nachzählen, ob die Kampenwand noch alle Zacken an der Krone hat? Oder konntest dich hinlegen, um dahinschaukelnd die letzten, warmen Streicheleinheiten der bettfertigen Abendsonne auf der Haut zu genießen? Mag ja sein, antwortet der euphorisierte, Endorphin trunkene Teil meiner Seele – das hier ist trotzdem der Wahnsinn! 

Das hier: das sind meine ersten Stunden als Stehpaddler, und wenn diese übergroßen Surfbretter mitsamt höhenverstellbarem Paddel eine neue Droge wären, dann müsste ich jetzt dringend vor ihrer Suchtgefahr warnen: Selten war ich so schnell angefixt. Kollege Andi scheint es nicht anders zu gehen – obwohl er´s ein bisschen anders angeht. Unser Guide Dominique Grabmann von SUP Chiemsee hat uns zu einer Guppe junger  Mädels gesteckt, die auch zum ersten Mal auf dem Brett stehen. Während die Teenager mit Andi Action machen – kleine Rennen fahren, von Board zu Board klettern, sich gegenseitig ins Wasser schubsen, Dominiques Kopfstand bewundern – versuche ich, ganz bewusst auf jene Aspekte zu achten, die diesen Sport immer beliebter machen. Aus der Branche heißt es gar, SUP (Standup-Paddling) sei der am schnellsten wachsende Wassersport seit dem Windsurfboom der 1980er. 

Welche Gründe mag das haben – abgesehen von ausgeklügelten Marketingstrategien seitens der Boardproduzenten? Nun, SUP wird beispielsweise als äußerst meditativ beschrieben. Und obwohl es auf dem Chiemsee nicht gerade einsam, geschweige denn klösterlich ruhig zugeht – mit all den Seglern und Ruderern und Tretbootfahrern und Schwimmern und Schnorchlern – verlangsamt sich mein Herzschlag sofort,  als ich das Paddel an Board hole und mich gemütlich abstütze, um Eindrücke zu sammeln. Ich spüre einen Windhauch um meinen Strohut streichen, der aber nicht annähernd stark genug ist, die Kopfbedeckung fortzuwehen; ich fühle, wie kleine Wellen das Surfbrett kitzeln, das sich in  einem steten, ruhigen Rythmus hebt und senkt und hebt und senkt; mein Körper, bemerke ich, macht diese Bewegungen inzwischen unwillkürlich mit, sorgt ohne mein bewusstes Zutun für Balance; der Chiemsee gluckst wie ein Limo trinkendes Kind; oben am Himmel zieht eine Möwe weite  Bögen, ihr Gefieder glänzt weiß wie die Cirruswölkchen über der Kampenwand, wenn sie in Richtung Südwesten segelt. Dreht sie um und steht hinter mir am Himmel, direkt vor der Sonne, dann scheint es, als schwebe nur ein Möwenschatten über mich hinweg. Das sommerliche Geplänkel und Geschrei der Badegäste am Ufer vereint sich hier draußen zu einer einschläfernden Sinfonie. Hinter „meditativ“ kann ich definitiv ein Häkchen setzen.

Freilich hält der Frieden nicht lange, wenn man mit jungen Mädchen und Kollege Andi unterwegs ist. Unter Dominiques Führung ist der ganze Haufen inzwischen weiter gepaddelt. Also setze ich zur Verfolgung an und plumpse prompt ins Wasser. Keine Ahnung, woran´s lag. Glücklicherweise trägt man beim Stehpaddeln quasi eine Fußfessel – dank der sogenannten SUP-Leash habe ich das Brett an der langen Leine, damit es nicht ausbüxen kann. Jetzt aber mit Volldampf hinterher! Wie hatte Dominique uns geraten? Das Paddel weit vorne ins Wasser stechen und nah am Board nach hinten ziehen, ein paar mal links, ein paar mal rechts, so nehme ich Fahrt auf, ohne seitlich abzudriften. Und spüre: Muskeln, die mich fragen, was zur Hölle ich da plötzlich tue?! Nun, ich schalte vom Entspannungs- in den Wettkampfmodus! Auf solchen Dingern werden ja längst Rennen ausgetragen, jetzt im Juli rasen sie zum Beispiel über den Tegernsee, und die coolen Jungs auf Hawaii reiten auch Wellen, wenn sie schön weit rausgepaddelt sind. Diese Vielseitigkeit ist der große Vorteil des Stehpaddelns. Von der gemütlichen Fluss-Safari bis  zum wilden Wellenritt auf dem Meer ist alles möglich. Ich kann schon nach einigen hundert Metern bestätigen, dass SUP als ausgezeichnetes Ganzkörpertraining taugt. (Tipp: www.sup-physio.com)

Regelmäßig betrieben versprechen die Paddelschläge einen deutlichen Kraftzuwachs. Das wacklige Board aktiviert und mobilisiert ähnlich den Vibrationsplatten im Fitnesstudio die tieferen Muskelschichten. Vor allem Rücken, Schultern, Bizeps sowie Bauch- und Beinmuskulatur werkeln. Nach zwei Stunden kehren wir zur Basisstation zurück. Der nächste Ausflug darf gerne länger dauern. Geübte Stehpaddler nehmen sich Proviant mit oder ein Handtuch, um an einsamen Stränden an Land zu gehen. Kommt jemand mit?

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