Filmstars mit Schnabel und Schnauze

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

Lassie, Flipper oder ein Schweinchen namens Babe: Seit die Bilder laufen lernten, lassen Filmtiere Kinder- und Erwachsenenaugen funkeln. Auf dem Hof von Walter Simbeck leben und trainieren tierische Kino- und Fernsehstars – und Anfassen ist erlaubt!

Die stolze Schönheit scheint einem direkt in die Seele zu schauen. Sie hört zwar auf den Namen „Baby“, an der Kameratasche jedoch schnuppert sie mit der stoischen Ruhe einer Dame von Welt. Geduldig lässt sie sich streicheln, fotografieren – und schließlich scheint es sogar, als werfe sie sich bewusst in Pose. Warum sonst sollte eine Hirschkuh so lange erhobenen Hauptes verharren, bis das Blitzlichtgewitter erlischt?

Zeitsprung. „Schön gewinnt kein Fußballspiel.“ Mit diesem Slogan und dazugehörigem Spot bewarb ein großer Sportartikelhersteller 2009 seine Produkte. Hauptdarsteller: FC Bayern Mittelfeldmotor Franck Ribery. Heimliche Hauptdarstellerin: eben jene Hirschkuh. Babys internationaler Durchbruch, wenn man so will. Denn nur kurze Zeit später klopfte der WWF ans Gatter. Für den World Wide Fund For Nature stolzierte die Diva in einem weltweit viel beachteten Clip durch Manhattans Straßenschluchten. Inhalt: Babys bewegende Begegnung mit einem New Yorker Cop.

Zurück ins Heute. Wenn man Walter Simbeck und seiner Frau und Kollegin Bärbel Obersojer über ihren Filmtierhof in Harpfing bei Schnaitsee hinterherstapft, dann hört man Tierliebe aus all den Anekdoten heraus, die sie nicht müde werden zu erzählen. Die Geschichte der Grand Dame des Hofes etwa beginnt dramatisch: mit dem Tode habe Baby gerungen, als das damals schwerverletzte Kälbchen angeliefert wurde, erinnert sich Barbara Obersojer. Mit der Flasche habe sie das Reh wieder aufgepäppelt. Für eine ehemalige Erzieherin keine abwegige Maßnahme. Tatsächlich funktioniere, sagt Obersojer, Tiererziehung zu 98 Prozent wie die Erziehung von Menschen.

Zu Letzterer trägt die Tiertrainerin immer noch bei, obwohl sie seit 20 Jahren beruflich keinen Kindergarten mehr betreten hat. Dafür pilgern heutzutage Schulklassen nach Schnaitsee. Zum Bellen, Miauen, Wiehern oder Gurren gesellt sich dann das Geschnatter der Buben und Mädchen. Die ducken sich unter den Kunstflügen von Walter Simbecks Tauben, lachen sich schlapp über die Kunststückchen des Mini-Shetlandponys Franzl oder werfen Stöckchen für Schäferhund Eros. Simbecks Hunde folgen seit Jahren Hardy Krüger Junior in der ZDF-Serie Forsthaus Falkenau.

Den Besuchern des Filmtierhofes folgt auf Schritt und Tritt ein anderer Hund. Wuschelig wie ein explodiertes Wollknäuel wuselt Teddy zwischen den Beinpaaren umher. So viele Streicheleinheiten streicht hier kein anderer Vierbeiner ein. Nicht einmal Waschbär Waschi, obwohl der mit seinen Pfötchen zärtlichst Mädchenfrisuren zu zerzausen weiß. Hand-, nein, Pfotengriffe, die in TV- oder Kinoproduktionen wie kürzlich Krabat oder dem Tatort weniger gefragt sind. „Salti sind auf dem Bildschirm selten notwendig“, erklärt Barbara Obersojer. Vielmehr verlange man von Filmtieren, ihr natürliches Verhalten in der unnatürlichen Umgebung des Drehs an den Tag zu legen. Deshalb legten sie und Simbeck auch so viel Wert darauf, die Tiere Tier sein zu lassen. Sprich: ihnen bei aller Zahmheit einen Rest ihrer wilden Würde zu lassen.

Ein Umstand, der beim Besuch des unumstrittenen Megastars des Hofes zu hämmerndem Herzklopfen führt – zumal, da keine schützenden Gitterstäbe zwischen Reporter und Bestie stehen. Ein Nervenkitzel, der sonst nur dem Trainerteam, Schauspielern oder Teilnehmern der VIP-Führung vorbehalten ist. Fühlte man sich über den Nasenstüber von Hirschkuh Baby fast geschmeichelt, versucht man nun den Gedanken zu verdrängen, dass einen ein einziger Prankenhieb dieser nachtschwarz glänzenden Riesenkatze töten könnte.Wir stehen respektvoll zitternd im Käfig von El Négro, Walter Simbecks schwarzem Panther. Vier Jahre und 80 Kilogramm hat die Raubkatze auf dem muskelbepackten Buckel. Gottlob respektiert sie Simbeck und Obersojer als Bosse. Gebissen werden nur Beute-Attrappen und längst totes Fleisch. Zumindest versprechen das die Gastgeber...

Den zur Gattung der Leoparden gehörenden Herrscher des Harpfinger Hofes erkennen RTL-Zuschauer sofort. Elegant streift El Négro durch den Trailer für die Event-Kinoreihe des Kölner Senders. Ansonsten  buchen den Panther vor allem Modelabels oder Luxus-Marken. Top-Model Sara Nuro hat er bei einem  Shooting schon die Show gestohlen. Jetzt blinzelt uns El Négro aus jadegrünen, scheinbar schläfrigen Augen an. Das Rilke-Gedicht geht uns durch den Kopf, in dem ein Panther an seiner Gefangenschaft verzweifelt. „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“, lautet die erste Strophe. 

Dass der träge Schein trügt, beweist Frauchen aber sofort, als wir wieder wohlbehalten auf der  anderen Käfigseite stehen. Welch urwüchsige Kraft in El Négro steckt, demonstriert Barbara Obersojer, indem sie mit einem Fell am Stock wedelt. „Panther sind Könige des Anschleichens“, erklärt die Expertin. Tatsächlich würdigt der dunkle Jäger die potentielle Beute keines Blickes. Doch plötzlich explodiert der Panther, macht aus dem Stand einen Zwei-Meter-Satz und schnappt sich das Teil. Nein, von Müdigkeit keine Spur. „Wir verstehen uns als Tierschützer“, bekräftigen die beiden Filmtierpark-Betreiber.

Und wirklich: Das glückliche Grunzen von Borstenschwein Borsti, das farbenfrohe Geflatter der Aras  Bubu und Jacko oder die selige Schmusesucht von Marderhund Bonnie bezeugen, wie pudelwohl sich die Stars mit Fell oder Gefieder auf dem Harpfinger Filmtierhof fühlen.

Zurück