Feierliche Prozession zu Pferd

Christian Topel

Einer der ältesten christlichen Bräuche Bayerns ist die Leonhardi-Fahrt. Auf Hochglanz gestriegelte Rösser und Gespänne stehen im Mittelpunkt, wenn St. Leonhard um seinen Segen gebeten wird.

Auf einer Art Missverständnis beruht im Grunde seine „Beförderung“ zum sogenannten Bauernherrgott. Schuld ist die Kette, die der heilige Leonhard auf den etwa ab dem 13. Jahrhundert aufkommenden Abbildungen trägt. Etwas später begann die Landbevölkerung jenes Attribut als Viehkette anzusehen  und verlieh dem „Kettenheiligen“ im gleichen Atemzug das Patronat über Vieh, insbesondere über Pferde. Eine Fehlinterpretation, der Altbayern und Teile des benachbarten  Österreichs einen der beliebtesten und publikumsreichsten Bräuche verdanken: die Leonhardifahrten (oder -ritte), die am oder um den 6. November herum stattfinden.

Dabei kommt St. Leonhards Legende so gut wie ohne Pferde aus! Dank seiner Gebete (oder an ihn gerichteter Fürbitten) seien auf wundersame Weise die Ketten Gefangener zersprungen, heißt es in seiner im 11. Jahrhundert in der Historia des Ademar von Chabannes erstmals niedergeschriebenen „Biografie“. So soll jener Leonhard um das Jahr 500 in der damaligen Provinz Gallien geboren worden sein, nahe Limousin im heutigen Zentralfrankreich. Taufpate: der Frankenkönig Chlodwig, Begründer des Merowingerreichs. Taufvater: der heilige Remigius, Erzbischof von Reims. Ohne nun Leonhards gesamte Lebensgeschichte auszubreiten: Wenn schon keine Pferde, so spielte wenigstens ein Esel eine nicht unerhebliche Rolle. Nachdem er die ihm nicht zuletzt aufgrund seiner Fürsprache für zahlreiche Gefangene angetragene Bischofswürde abgelehnt hatte, zog sich Leonhard als Eremit in die Einsamkeit eines bei Limoges gelegenen Waldes zurück. Dort soll er das Leben der hochschwangeren Königin und ihres ungeborenen Kindes gerettet haben. Als Dank wollte ihm der König den gesamten Wald vermachen. Leonhard jedoch erbat sich nur so viel Waldfläche, wie er mit seinem Esel in einer Nacht umreiten konnte. Noch heute besteht das Kloster Noblat, das Leonhard auf dem geschenkten Land gegründet haben soll. Daher der Name: Leonhard von Limoges, oder Leonhard von Noblat.

Zurück in die Gegenwart. Allein in Bayern machen sich alljährlich in über 50 Orten Ross und Reiter  reich geschmückt zur Wallfahrt mit Segnung auf. Mit rund 80 Vierergespannen (ausnahmslos eisenbeschlagene  Truhen- oder Tafelwagen), zahlreichen Reitern und bis zu 25.000 Besuchern beheimatet Bad Tölz wohl die größte Leonhardifahrt – „Lehardi“, wie Einheimische sagen. Zum 158. Mal findet das traditionelle Treiben 2013 hier statt, weiß Leonhardi-Lader Anton Heufelder. Der 60-Jährige Leiter der Volkshochschule kümmert sich um das Organisatorische rund um den Pferdezug, der am 6. November wieder pünktlich mit dem 9 Uhr- Läuten aus dem Stadtgebiet „Badeteil“ über Badstraße, Isarbrücke, untere Marktstraße, Jägergasse und dem steilen Maierbräugasteig hinauf zum Kalvarienberg zieht – um nach dem Festgottesdienst und einer doppelten Umfahrung der Leonhardikapelle  inklusive Segnung wieder zurückzukehren. Das große Goaßlschnalzen bildet den fulminanten Abschluss eines Spektakels, das nicht wirklich eins sein will – obwohl sich die Stadtoberen der wirtschaftlichen Bedeutung ihres Feiertags sehr wohl bewusst sind! Heufelder gibt gern den Mahner. Er betont die tiefe Religiösität des Festes, das wunderbare Miteinander von Glaube und Brauchtum.

Ein Brauch, der andernorts – in Thiersee in Tirol etwa, in Leonhardspfunzen bei Rosenheim oder in Kreuth am Tegernsee – zwar eine Nummer kleiner gefeiert wird, dafür schon ein paar Jahre länger. Mit einer urkundlichen Erwähnung 1442 beziehungsweise 1435 gelten die Kreuther beziehungsweise  Reichlinger als älteste „verbriefte“ Leonhardifahrten. Ob alt oder jung, gewaltig oder gemütlich: mit den festlich geschmückten Gespannen, den frisch geschniegelten und gestriegelten Pferden, den Burschen und Mädeln im Festgewand, bietet jede Leonhardifahrt einen optischen Genuss. 

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